Mini-Rechner Raspberry Pi: So basteln Sie einen Smart-TV für 60 Euro

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Raspbmc: So läuft das Sofa-Linux Fotos
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Günstige Erweiterung für alte Fernseher: Der winzige, preiswerte Computer Raspberry Pi macht alte TV-Geräte fit fürs Netz. Mit einem speziellen Gratis-Linux kann man Mediatheken abrufen, Online-Clips und Filme vom USB-Stick anschauen.

Wenn ein Fernseher wenige Jahre alt ist, zeigt er höchstwahrscheinlich Filme in Full-HD-Auflösung, aber nicht aus Online-Mediatheken. Viele ältere Modelle haben ein tolles Bild, kommen aber nicht mit Internet-Quellen zurecht. Sendungen aus den Mediatheken von Arte, PBS, ARD, ZDF und vielen anderen internationalen Sendern können die Geräte nicht einfach so abrufen, Vimeo- und YouTube-Filme ebenso wenig. Meist scheitern etwas ältere Modelle schon daran, Videos von Datenträgern abzuspielen.

Für diese Probleme gibt es eine günstige Lösung: Mit der kostenlosen Linux-Distribution Raspbmc und dem 40 Euro teuren Mini-Computer Raspberry Pi lassen sich alte Fernseher leicht und schnell ans Netz bringen. Freiwillige haben viele Apps entwickelt, mit denen man gratis Online-Mediatheken abrufen, Festplatten-Recorder steuern und Filme vom USB-Stick oder iTunes-Stream sehen kann.

Raspberry Pi ausrüsten, Raspbmc installieren, Mediatheken anzapfen - wie das funktioniert, erklärt die Anleitung Schritt für Schritt.

Hardware - so kommt der Raspberry Pi ins W-Lan

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Der Raspberry Pi ist gerade mal ein Jahr auf dem Markt, es gibt mehrere Modelle. Man sollte unbedingt einen Mini-Rechner mit 512 Megabyte Arbeitsspeicher kaufen (Raspberry Pi Mod. B Rev 2.0), im deutschen Onlinehandel kostet das beim günstigsten Anbieter derzeit 39 Euro.

Geliefert wird nur die Platine - um Stromversorgung, W-Lan-Modul, Speicher, Tastatur und Maus muss man sich selbst kümmern. Viele der nötigen Extras dürfte man ohnehin zu Hause haben: Eine SD-Karte dient als Hauptspeicher für Betriebssystem und zusätzliche Software. Die Chancen sind nicht schlecht, dass die alte USB-Tastatur und -Maus von einer Linux-Distribution erkannt wird. Beim W-Lan-Stecker für den USB-Anschluss muss man aber unbedingt darauf achten, ein kompatibles Modell zu wählen. Eine Übersicht kompatibler Hardware gibt diese Website.

Mit den nötigen Extras kommt man auf einen Gesamtpreis von etwa 60 Euro für diese Konfiguration:

  • Micro-USB Ladegerät 5V / 1000mA (6,50 Euro)
  • Edimax EW-7811UN Wireless USB-Adapter (8,34 Euro)
  • Tek-Berry Gehäuse (9,65 Euro)
  • Kingston SDHC Speicherkarte 8GB, Class 10 (6 Euro)

Software - so installieren Sie das Fernseh-Linux

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Für den Raspberry Pi gibt es mehrere kostenlose Media-Player-Systeme. Raspbmc, OpenELEC und Xbian basieren allesamt auf dem Gratis-Programm XBMC, sie bündeln dieses Programm mit einer Linux-Distribution, die den Mini-Computer steuert. Raspbmc kann man ohne Probleme installieren. Unter OSX speichert man mit zwei Terminal-Befehlen die Raspbmc-Installation auf der SD-Karte, für Windows gibt es eine Installationsdatei.

Die so vorbereitete SD-Karte steckt man in den Raspberry Pi, dann muss man die Installation auf dem Raspberry abschließen. Dazu muss der Mini-Rechner an einen Monitor oder Fernseher angeschlossen sein (per HDMI-Kabel) und per Netzwerkkabel mit dem Router verbunden werden, damit die nötigen Dateien aus dem Internet nachgeladen werden können.

Vor der Installation sollte man unbedingt den W-Lan-USB-Adapter einstecken. Tastatur und Maus kann man an den zweiten USB-Anschluss des Raspberry über einen USB-Hub anschließen. Das System schließt die Installation automatisch ab, startet neu, dann sollte man das W-Lan einrichten, solange Maus und Tastatur noch angeschlossen sind.

Fernbedienung - so steuern Sie das Fernseh-Linux vom Sofa

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Vom Sofa aus wird man Raspbmc kaum mit einer Maus bedienen. Das System lässt sich mit einigen Fernbedienungen steuern (hier ein Verzeichnis kompatibler Hardware). Noch leichter ist allerdings die Bedienung per Tablet oder Smartphone - hier kann man auf einer virtuellen Tastatur tippen. Wenn das Tablet im selben W-Lan wie der Raspberry angemeldet ist, erkennt beispielsweise die Android-App Yatse den Raspbmc-Rechner problemlos, die Grundversion dieser App ist Gratis. Wenn man 2,99 Euro bezahlt, kann man übers Tablet auch Untertitel laden und auf dem kleinen Bildschirm Zusatzinformationen lesen. Hier gibt es Übersichten der Fernbedienungs-Apps für iOS und Android.

Erweitern - Mediatheken, Formate, Airplay

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Mit kostenlosen Zusatzprogrammen (viele lassen sich direkt über Raspbmc installieren) kann man direkt vom Fernseher auf Online-Mediatheken zugreifen. Entsprechende Brückenprogramme gibt es unter anderem für Arte, ARD, ZDF, PBS, Vimeo, YouTube und viele niederländische, finnische und US-Sender, die im deutschen Kabelnetz nicht zu empfangen sind. Das funktionierte bei der Installation auf Anhieb. Um auf die Mediatheken BBC und ITV zuzugreifen, muss man etwas mehr am System herumfummeln und mit Geofiltern kämpfen.

Viele Videodateien spielt der Raspberry Pi direkt von einem eingestöpselten USB-Stick ab, in Full-HD-Auflösung. Die Hardware des Mini-Computers dekodiert den weit verbreiteten Standard zur Videokompression H.264/MPEG-4 AVC. Nach diesem Verfahren komprimierte Clips laufen ruckelfrei (hier Details zu verschiedenen Audio- und Videoformaten).

Digitaler Videorecorder - wer basteln will, holt noch mehr raus

Der 60-Euro-Zuspieler auf Linux-Basis schafft einiges, was teurere Medien-Player wie WD TV Live oder die Boxee Box nicht schaffen. Diesen Systemen fehlen die Mediatheken und die Erweiterungsmöglichkeiten. Allerdings hat das offene Linux-System einen Nachteil: Online-Videotheken wie Maxdome und Lovefilm, die ihre Videos kopiergeschützt in speziellen Formaten streamen, unterstützen die Linux-Plattform nicht.

Es gibt da Schleichweg-Lösungen, die womöglich auch in Deutschland funktionieren. Man kann bei iTunes gekaufte Filme und Serien vom Computer aus per W-Lan über den Airplay-Standard zur Raspbmc streamen. Beim ersten Versuch erkannte iTunes zwar den Raspberry Pi, das Video wurde aber nicht gestreamt. In solchen Fällen muss man sich durch Foren wühlen, verschiedene Lösungsvorschläge ausprobieren und hoffen, dass es irgendwann funktioniert. Wenn man die Muße zum Experimentieren hat, lässt sich Raspbmc auch als digitaler Videorekorder einrichten.

Wer nicht basteln will, erhält mit dem Raspbmc-Zuspieler schon in der Basis-Konfiguration einen vielseitigen und gut bedienbaren Multimedia-Player zu einem äußerst attraktiven Preis. Und vor allem kann man dem Raspberry jederzeit zum Schreibtisch-Rechner für Office-Aufgaben umfunktionieren - eine neue Linux-Installation genügt, und aus dem Multimedia-Player wird ein Desktop-Rechner.

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insgesamt 98 Beiträge
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1. π ist einfach spitze.
bugmenot1984 11.04.2013
Man kann gar nicht genug davon haben. Ein echter Computer wie er früher einmal war. Super Artikel!
2.
grafzahn 11.04.2013
Danke guter Artikel...
3.
Tango911 11.04.2013
bitte was ist OSX? Ich hab nen Windoofrechner, kann man damit auch Compilieren?
4. Der
Dschey 11.04.2013
kleine kann noch mehr : Owncloud aufspielen und man hat seine eigene Cloud zuhause. USB-Platte anschließen und man hat ein Nas. TV-Server (z.b. VDR) aufspielen und man hat nen Recorder und Live-TV ;.-), wobei bei Live-TV die Umschaltzeiten realtiv langsam sind.
5. Desktop-Rechner eher nicht...
JWJ* 11.04.2013
Der Raspberry Pi ist zweifellos eine herrliche kleine Medienabspielmaschine, und hat sicher auch noch einige andere interessante Anwendungen, aber Desktop-Rechner? Das Ding läuft mit einem ARM und 256/512 MB Speicher (der auch noch mit der GPU geteilt wird), das ist selbst mit einer sehr spartanischen Linux-Distro dann doch eher auf der knappen Seite.
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