Revival für die Scheibe So können Sie alte Wählscheibentelefone an modernen Telefonanschlüssen nutzen

Alte Festnetztelefone sind unverwüstlich - und funktionieren auch an modernen VoIP-Telefonanschlüssen. Was dabei zu bedenken ist und was man dazu braucht, erklärt das Computermagazin "c't".

Wählscheibentelefon und Fritzbox
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Wählscheibentelefon und Fritzbox

Von "c't"-Redakteur Urs Mansmann


Seit den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hat sich an der analogen Telefontechnik nicht viel verändert. Impedanz, Signalpegel und Klingelspannung sind heute genauso wie vor 100 Jahren. Nur die Herstellung der Verbindung änderte sich im Laufe der Zeit.

Die Kurbeln zur Anwahl der Handvermittlung wurden ab den Zwanzigerjahren durch Wählscheiben für das Selbstwählverfahren in automatischen Vermittlungsstellen ersetzt. Die Wählscheibe wich ab den Achtzigerjahren einer Tastatur, doch das Wählen durch die rhythmische Unterbrechung des Stromkreises zwischen Telefon und Vermittlungsstelle blieb. Erst Ende 1997 wurde das Impulswahlverfahren (IWV) im Zuge der Digitalisierung des Telefonnetzes durch das Tonwahlverfahren (MFV, Mehrfrequenzwahlverfahren, englisch DTMF, Dual Tone Multi Frequency) ersetzt.

Jedes Telefon mit Wählscheibe lässt sich - sofern ein passender TAE- oder Western-Stecker (RJ11) montiert ist - problemlos mit dem Analoganschluss eines Voice-over-IP-Routers (VoIP) verbinden und klingelt bei eingehenden Anrufen. Nimmt man dann den Hörer von der Gabel, wird man sofort verbunden.

Die Tonqualität der alten Geräte ist oft erstaunlich gut. Probleme gibt es bei älteren Sprechkapseln mit Kohlemikrofonen, die zwar einen hohen Pegel erzeugen, aber nicht linear arbeiten und dadurch nur eine schlechte Sprachqualität liefern. Außerdem verschleißen sie im Laufe der Jahre. Im Handel sind auch heutzutage noch transistorisierte Sprechkapseln erhältlich, die zu den Kohlekapseln kompatibel sind, eine deutlich bessere Sprachqualität bieten und viel länger halten als Kohlemikrofone.

Wahlverfahren

Ein ernstes Problem tritt aber dann auf, wenn man mit dem Telefon eine Nummer wählen will. Wählscheiben- und ältere Tastentelefone nutzen das Impulswahlverfahren. Das erkennt man an einem Klackern im Hörer, sobald man wählt. Die Zahl der Wählpulse entspricht der gewählten Ziffer.

Ältere VoIP-Anlagen, beispielsweise die Fritzbox 7170, können mit diesen Impulsen noch etwas anfangen und werten sie aus. Bei neueren Modellen ist es hingegen Glückssache. Doch auch bei solchen Geräten lohnt sich ein Test, denn auch wenn die Anlagen laut Hersteller kein IWV mehr beherrschen, klappt es in vielen Fällen in der Praxis dennoch. Anderenfalls ertönt der Wählton auch nach dem Wählen einer Ziffer noch.

Aber auch in diesem Fall gibt es Abhilfe: Haben Sie ein Tastentelefon, sollten Sie prüfen, ob sich dieses auf das Tonwahlverfahren (MFV) umstellen lässt. Vor 1998 ausgelieferte Modelle wurden stets mit voreingestelltem Impulswahlverfahren ausgeliefert. Die Elektronik vieler Wählblöcke lässt sich aber nachträglich auf MFV umstellen.

Das geschieht über eine Tastatureingabe oder über mechanische Schalter im Telefon. Oft ist das über von außen zugängliche sogenannte DIL-Schalter (auch "Mäuseklavier" genannt) möglich. In einigen Fällen muss dazu das Gerät aufgeschraubt werden. Anleitungen zu den gängigsten Telefonen finden Sie hier. Gelingt die Umstellung, ist das Problem gelöst und auch * und # zur Steuerung der Telefonanlage lassen sich dann verwenden.

Externe Hilfsmittel

Bei Wählscheibentelefonen ist eine Umstellung auf MFV hingegen prinzipiell unmöglich. Es gibt aber Hilfsmittel, mit denen man diese Einschränkung umgehen kann. Man kann beispielsweise eine ISDN-Anlage mit Analoganschlüssen und Impulswahlunterstützung vor die VoIP-Anlage schalten.

Ein anderer Weg ist der Einsatz sogenannter MFV-Tongeber. Diese waren in den Neunzigerjahren verbreitet, als es bereits fernabfragbare Anrufbeantworter gab, aber viele Telefone noch kein MFV unterstützten. Die ungefähr kreditkartengroßen batteriebetriebenen Geber haben auf der Vorderseite eine Tastatur und auf der Rückseite einen Lautsprecher, üblicherweise von einem kleinen Polster umgeben, um ihn auf die Sprechmuschel zu drücken. Die üblicherweise als Codesender, DTMF- oder MFV-(Ton)-Geber bezeichneten Geräte werden jedoch nicht mehr hergestellt und sind gebraucht nur schwer erhältlich.

Als simple und konfigurationsfreie Lösung kann man auch Wandler zum Zwischenstecken einsetzen, die rund 50 Euro kosten. Diese werden wie das Telefon mit der Versorgungsspannung des Analoganschlusses gespeist. Sie werten die Wahlimpulse des Telefons aus und erzeugen nach jeder gewählten Ziffer die MFV-Töne für die VoIP-Anlage.



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
Mertrager 01.12.2018
1. Ein Problem
Für Leute, die das machen wollen, noch ein Hinweis: Die Kunststoffe dieser Geräte altern. Die Gehäuse werden dadurch brüchig. Nicht wie Glas. Eher so wie Bakelit. Man sollte es beachten, sonst steht man wirklich vor einem "Scherbenhaufen". Ansonsten: Ich mag sie diese alten Apparate,
clausde 01.12.2018
2. Kohlemikrofonkapseln
Wird man als Nutzer einer Kohlemikrofonkapsel nicht mehr gehört, hilft ausbauen, abstecken und die Kapsel flach auf eine ebene Platte klopfen. Damit lockert sich der Kohlegruß im Inneren der Kapsel und man sollte wieder gehört werden.
hzj 01.12.2018
3. Danke für den Tip
Jetzt kann ich endlich mein altes, rotes "Dallas" Typ 381 wieder nutzen. Das war und ist weiter ein Musterbeispiel für gelungenes Design. :)
Sleeper_in_Metropolis 01.12.2018
4.
Zitat von MertragerFür Leute, die das machen wollen, noch ein Hinweis: Die Kunststoffe dieser Geräte altern. Die Gehäuse werden dadurch brüchig. Nicht wie Glas. Eher so wie Bakelit. Man sollte es beachten, sonst steht man wirklich vor einem "Scherbenhaufen". Ansonsten: Ich mag sie diese alten Apparate,
Ich auch. Nutze auch noch einen schrillorangenen Wählscheibenapparat Typ 612 aus den 70'ern. Sieht kultig aus und ist technisch unverwüstlich.
Hamberliner 01.12.2018
5. Stöpselschrank, Impulswahlverfahren
Da sind einige historische Angaben ungenau. Bei uns in Spanien, wo ich aufgewachsen bin, gab es diese barocken Stöpselschränke mit einer Bartterie von Bananensteckern und einer vertikalen Wand voller Buchsen noch in den 60er Jahren in den Telefonzentralen der Dörfer. Eine Miniaturversion dessen, eine Nebenstellenanlage, hatte ich zehn Jahre Später als Hotel-Rezeptionist unter meinen Fittichen. Die Kubel diente nicht dem Zweck, eine Verbindung herzustellen, dazu waren die Buchsen und Bananenstecker da, sondern die Kurbel war dazu da, das es an dem lokalen Telefon, das man durch Stöpseln mit einem anderen verbunden hatte, klingelt. Damit wurde eine Spannung erzeugt, die konnte man fühlen, wenn man sich beim Kurbeln den Bananenstecker an die Zunge hielt. Ich habe so einmal meinen Chef angewählt, der 1 m hinter mir saß und im Stress in seine Buchhaltung vertieft war ("Hallo? Wer hier, ich dort?"), der fand das nicht witzig. Ungenau könnte auch das Geburtsjahr des Tonwahlverfahrens sein. Ich bilde mir ein, das gab es schon 1993 oder früher.
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