Buch "Robokratie" Droht uns die Herrschaft der Roboter?

Die Singularier kommen! Glaubt man dem Autor des Buchs "Robokratie", macht sich eine wirre Ideologie aus dem Silicon Valley in Richtung der restlichen Welt auf: der Glaube, dass Maschinen bald schlauer sind als wir.

Roboter (Symbolbild): Ist der Mensch ein Auslaufmodell?
Corbis

Roboter (Symbolbild): Ist der Mensch ein Auslaufmodell?

Von Stefan Mey


Ray Kurzweil ist 67 Jahre alt und nimmt nach eigenen Angaben mehr als hundert verschiedene Pillen täglich, um die Unzulänglichkeiten und die Vergänglichkeit des eigenen Körpers zu überwinden. Der Forscher und "Technische Direktor" von Google ist nach Ansicht des Autors Thomas Wagner ein Prophet einer Art neuzeitlicher Religion, die er unter anderem in einer eigens gegründeten "Singularity University" verbreitet.

In nicht allzu langer Zeit, meinen die Singularitätsjünger, könnte künstliche Intelligenz mit der menschlichen gleichgezogen haben und sie schließlich übertreffen. Ist das geschehen, würden sich diese Maschinen durch eine "Intelligenz-Explosion" selbstständig weiterentwickeln und reproduzieren.

Die große Frage ist, was dann mit der Menschheit passiert. Einige Singularier meinen, Mensch und Maschine würden zu omnipotenten, stressbefreiten Super-Menschen werden. Sie wären unsterblich, weil sich der eigene Geist in die Cloud uploaden lässt. Dann gibt es aber auch ein anderes Szenario: Maschinen entwickeln Bewusstsein und überwinden die Kontrolle durch Menschen. Vielleicht werden wir dann zu Sklaven, oder die Maschinen löschen die Menschheit einfach aus.

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Bruder Android: Die Obsession mit dem künstlichen Menschen
Thomas Wagner, Soziologe und Redakteur der linken Tageszeitung "Junge Welt", erklärt in seinem Buch "Robokratie" diese Anschauung für eine unsinnige und gefährliche Ideologie. Vor allem im Silicon Valley, glaubt er, seien viele von der Überzeugung getrieben, dass nur Technologie das Leben verbessern könne. Sie meinten etwa, dass sich mit Big-Data-Analysen alle Aspekte der Gesellschaft verstehen und optimieren lassen würden. Und sie glaubten, dass das Überflügeln des Menschen durch künstliche Intelligenz nicht eine Frage des Ob, sondern des Wann sei.

Das Silicon Valley als Labor für Singularier

Das Silicon Valley, Heimat der großen Netzkonzerne, sei ein besonders fruchtbarer Boden für diese Anschauung, weil sie zur Logik des dortigen Startup-Systems passe. Nur diejenigen Gründer kämen dort an Investorengelder, deren Geschäftsidee die Welt vom Kopf auf die Füße stellen will. Größenwahn sei somit Voraussetzung, um im Silicon Valley Fuß fassen zu können. Das Ökosystem der "Robokratie" nach Wagner setzt sich aus Unternehmen, Wissenschaft und Militär zusammen, Militärs treiben nicht nur in den USA die K.I.-Forschung traditionell voran, etwa um Kampfroboter zu entwickeln.

Wagner kritisiert den religiös anmutenden Glauben an die Singularität. Er hält ihn für fahrlässig in Bezug auf die möglichen Risiken von Maschinenintelligenz und für zu kurz gedacht. Die großen Probleme der Menschheit seien eben nicht technologisch lösbar, sondern hätten politische, soziale oder wirtschaftliche Gründe: die Ungleichverteilung von Macht und Einkommen.

Technologie hat immer zwei Gesichter

Raúl Rojas, Informatikprofessor an der Freien Universität Berlin, forscht selbst zu künstlicher Intelligenz. Die Annahmen der Singularier hält er für illusorisch: "Es ist unzeitgemäß: Wir sind weit davon entfernt, das Gehirn zu verstehen, geschweige zu übertreffen." In Europa seien die Singularier eine Randgruppe, in den USA hingegen sehr einflussreich.

Rojas forscht zu autonom fahrenden Autos und zu fußballspielenden Robotern. Er treibt die Entwicklung künstlicher Intelligenz also an vorderster Front mit voran. Seine Forschungen könnten hilfreiche zivile Entwicklungen ermöglichen. Sie könnten aber auch Militärs dabei helfen, schießende Roboter und autonome Panzer zu entwickeln.

Unmoralische Angebote habe er nie bekommen, sagt Rojas, und militärische Forschung geschehe woanders. "Es ist einfach ein Problem aller Informatiker: egal, was man entwickelt, es kann für Unterdrückung und Überwachung genutzt werden."

Beim Umgang mit künstlicher Intelligenz empfiehlt er Skepsis gegenüber den Prophezeiungen der Singularier. Und er hofft, dass Studenten der Informatik auch ein soziales Gewissen und soziales Engagement entwickeln.

Vor einer drohenden Maschinendiktatur fürchtet er sich nicht, wie Wagner sieht er das Problem woanders: "An den Mythos der Unterjochung glaube ich nicht. Unterjochung von Menschen durch Menschen, die sich auch von Maschinen helfen lassen, ja. Das ist die wahre Gefahr."

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insgesamt 112 Beiträge
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Emmi 23.06.2015
1. Überholen, ohne einzuholen!
Evtl. setzt "künstliche Intelligenz" ja gar nicht das 100%ige Verständnis des menschlichen Gehirns voraus... Wenn selbstlernende Systeme sich immer weiter entwickeln - wiederum, ohne dass der Mensch noch im Detail versteht, was da im Inneren genau vor sich geht - dann kann das Ergebnis eine Intelligenz sein, die nicht die menschliche imitiert, sondern anders ist. Ob diese dann der menschlichen überlegen sein wird, ist offen - und auch wiederum eine Frage der Zeit...
blurps11 23.06.2015
2.
Der Grundgedanke ist schon nicht falsch. Gerade die inzwischen zahlreichen von führenden google-Mitarbeitern verfassten Bücher ergehen sich in Weltverbesserungsphantasien, die an manche verflossene und noch existierende Sekte erinnern. In die Praxis umgesetzt kann das eigentlich nur in einen neuen Totalitarismus führen und nicht in die versprochene goldene Zukunft. Ob mit oder ohne skynet.
marthaimschnee 23.06.2015
3.
"Und er hofft, dass Studenten der Informatik auch ein soziales Gewissen und soziales Engagement entwickeln. " und ich hoffe, daß Politiker zu dieser Erkenntnis gelangen alleine es passiert nicht nur nicht, sondern genau die Eigenschaften schwinden sogar mehr und mehr
HansDomeyer 23.06.2015
4. Klügere Maschinen
jedenfalls hätten sie die Zeile fehlerfrei geschrieben ! :-)) =: Die Singularier kommen! Glaubt man dem Autor des Buchs "Robokratie" macht sich eine wirre Ideologie aus dem Silicon Valley in Richtung der restlichen Welt auf: der Glaube, dass Maschinen bald schlauer als wir. ......was, sind, wären, sein könnten oder was ??
w.moritz 23.06.2015
5. Roboter sind Computer,
und können nicht schlauer sein als der Mensch, aber diese Maschinen haben mehr einprogrammiertes Wissen und Maschinen vergessen nicht. Schlauheit ergibt sich aus dem erlebten und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen. Dass wir von den Robot´s der IT-Technologien, m.E. reine Überwachungsmethoden über endlos lange Zeiträume und von den Robot´s in den Verwaltungen der öffentlichen Hand und Großkonzerne die sich diese Speicherungen zu Nutzen machen um dann durch Verbote, Auflagen und Bußen gesteuert werden, ist doch längst gang und gäbe. Die Politiker nutzen dies weidlich aus um das Volk auszuspähen und dann durch Gesetze, Verordnungen und Strafen in eine von Ihnen bestimmte Richtung zu lenken. Orwell mit seinem 1984 oder die Stasi der DDR ist doch heute schon so harmlos wie ein Kindergeburtstag. Die Zukunft gehört dem Staat und seinen willfährigen Lakaien die dieses Staatsunwesen bejubeln und sich daran begeistern, bis sie selbst in diese Mühlen geraten, denn bei den Robot´s egal ob Politik, öffentliche Verwaltung oder Großkonzerne eine Verjährung oder ein Vergessen gibt es nicht mehr, dafür aber können Irrtümer zu Lasten des Einzelnen nicht ausgeschlossen werde, denn jeder Roboter ist nur so gut wie sein Programmierer. W.Moritz, Worms
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