Samsung N510 Das Netbook wird erwachsen

Netbooks sind klein, leicht, bieten aber wenig Leistung - richtig? Bisher stimmte das und reichte trotzdem, Kunden in Scharen anzulocken: Das Netbook hat den pragmatischen Verzicht sexy gemacht. Jetzt kommt die nächste Generation, größer und stärker - und siehe da: auch brauchbarer.

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Von einem Netbook darf man keine Wunder erwarten. Die Kleinrechner sind pragmatische Produkte, die mit Mobilität punkten und ansonsten immer wieder positiv überraschen, wenn man nicht zu viel von ihnen erwartet: Bisher unterschieden sie sich zudem kaum voneinander. Die Standard-Konfiguration bestand aus einem 1,6-GHz-Prozessor, einer 160-GB-Festplatte, einem Gigabyte Arbeitsspeicher und Windows XP. Abstriche musste man vor allem bei der Grafikleistung machen. Weder für aufwendige Spiele noch für Filme taugten die Leichtgewichte wirklich.

So wenig verlockend das alles klingt, hat das Konzept Netbook doch den Markt regelrecht aufgemischt. Satte 22 Prozent aller in diesem Jahr in Deutschland verkauften Computer, sagt der Branchenverband Bitkom, sind Netbooks. Mit dem abgespeckten Rechnerkonzept wurde der Pragmatismus im PC-Land wieder sexy. Warum einen schweren Boliden mit sich herumschleppen, wenn man eine leichte Flunder haben kann, die alle unbedingt nötigen Aufgaben leidlich gut erledigt?

Man kann diese Frage allerdings auch erweitern: Warum nicht ein kleines Leichtgewicht kaufen, das ein wenig mehr kann als die anderen?

So überfällig, so schön das Konzept Netbook ist, auch dagegen gibt es doch wenig einzuwenden. Dass Netbooks bisher technischen Einheitsbrei lieferten und sich nur in Displayqualität, Design, Gewicht und Akkulaufzeit voneinander absetzen konnten, war ja nicht Wunsch der Entwickler oder Kunden, sondern den Rahmenbedingungen geschuldet: Anfänglich war Intels Atom der einzige realistisch einzusetzende stromsparende Prozessor - und der wurde mit mehr als Windows XP nicht fertig. Das aber wollte Microsoft längst vom Markt nehmen und machte den Netbook-Herstellern zur Auflage, sich an die oben genannten Leistungsobergrenzen zu halten, wollten sie XP einsetzen.

Diese Phase geht nun vorbei, und auch die Prozessor-Hersteller haben inzwischen nachgelegt. Stromspar-Mobil-CPUs gibt es inzwischen so einige, und auch Intels Atom sind Flügel verliehen worden: Seit einigen Monaten werden die ersten, so lang angekündigten Ion-Chips von NVidia in Netbooks verbaut, die im Duett mit dem Atom neue Leistungsklassen erschließen sollen. Wir wollten da wissen: Ändert das wirklich etwas?

Aktentaschen-Kino

Das Doppel aus Atom und Ion soll vor allem die Grafik-Performance der Netbooks verbessern. Wir haben uns Samsungs N510 angesehen, ein Netbook, das als Erbe des lange Zeit erfolgreichsten Netbooks NC10 antritt: Früher noch als Pionier Asus war es Samsung damit gelungen, eine wirklich brauchbare Tastatur zu entwickeln. Das N510 bietet hier noch mehr: Anstelle der 97-Prozent-Tasten tritt eine echte Volltastatur, die nun auch leidlich Pranken-kompatibel ist. Das ist der erste auffällige Unterschied gegenüber dem bisherigen Netbook-Standard: 11,6 Zoll sind eine Größe, die echtes Arbeiten möglich macht.

Damit schrappt und kratzt das N510 an der Klasse der teuren Subnotebooks, die meist 13 Zoll Bilddiagonale aufweisen. Beide liegen also irgendwo zwischen einem Standard-Laptop und einem Netbook. Der Test zeigt: 13 Zoll sind bequemer, aber 11,6 reichen aus, wo das Arbeiten und Tippen mit dem 10-Zöller noch schnell krampfig wurde.

Das Display hat Güte, spiegelt aber vor allem bei der Darstellung von Schwarz kräftig: Eine Lichtquelle darf man da nicht hinter sich haben. Das ist so schick und modisch wie doof und hoffentlich eine Design-Phase, die die Hersteller irgendwann wieder hinter sich lassen.

Grippe sei dank wird der Test der multimedialen Features zum in der Horizontalen durchgeführten Härtetest für das Netbook: 720p-Filme verdaut der Ion-Chip völlig ruckelfrei, Stotterer bei 1080er-HD-Filmen halten sich in Grenzen - das Krankenbett wird zum Kino. Probleme in Form merklicher Haker entwickelt das N510 dagegen bei HD-Film-Streams, die (wie bei YouTube) im Rahmen eines Flashfensters dargestellt werden. Auch das Power-Duo Atom/Ion bleibt hier also hinter der Performance vollgütiger Laptops zurück - merklich aber nur ab und an.

Wie schon seine kleineren Geschwister verfügt auch das N510 wieder über 6-Zellen-Akkus, deren Laufzeit nicht weit hinter den offiziellen Angaben zurückbleibt. Im vergrippten Dauer-Filmmodus gibt das Netbook erst nach 4 Stunden 40 Minuten auf, als Surf- und Tippstation eingesetzt meldet der Stromstandanzeiger nach 5 Stunden 50 Minuten seine Kapitulation - das ist prächtig. Zumal es der Standardakku ist, gegen Aufpreis gibt es einen Hochleistungs-Batteriesatz, der jeweils eine Stunde mehr bringen soll. Aber wie oft braucht man das wirklich?

Mehr ist mehr

Schon an diesem Punkt ist klar, dass das vergrößerte Ion-Netbook gegenüber seinen kleineren Geschwistern eigentlich nur Vorteile bietet. Die erkauft man sich mit einem wahrhaft nur marginalen Gewichtszuwachs: Das N510 bringt 1410 Gramm auf die Waage, wo das NC10 noch 1330 Gramm wog. Nur Sensibelchen spüren da überhaupt einen Unterschied.

Der größte Unterschied aber ist direkt sichtbar: 1366 x 768 Pixel statt der 10-Zoll-üblichen 1024 x 600 Pixel, die das Display darstellt.

Auf dem Netbook selbst fällt das nicht sofort auf, denn die Mehrgröße des Bildschirms sorgt dafür, dass die Darstellung von Schriften und Symbolen etwa gleich ausfällt (immer ein wenig zu klein nämlich). Wo es aber auffällt, ist auf dem 42-Zoll-LCD-Fernseher im heimischen Wohnzimmer.

Der bringt mehr als 720p gar nicht zustande und darum weniger, als das Netbook eigentlich könnte: Gestochen scharf landen die Bilder des Kleinrechners auf dem Display. Und zudem höchst bequem: Eine HDMI-Schnittstelle sorgt für die reibungslose Übertragung der AV-Daten, macht es damit möglich, das Netbook ganz hemdsärmelig als preiswerten Mediaserver für das Wohnzimmer einzusetzen.

Auf dem großen Display könnte nun auch das Spielen Spaß machen, aber hier sollte man nicht zu viel erwarten. Zwar verarbeitet NVidias Ion selbst Direct X 10, verdaut problemlos Mpeg4-Videocodecs (h.264, Divx etc.), steht aber immer noch einem Atom mit 1,6 GHz zur Seite und einem Arbeitsspeicher von gerade einmal einem Gigabyte. Wirklich zeitgemäße, grafisch aufwendige Spiele verlangen fast ausnahmslos mehr.

Fazit

Hand aufs Herz: So cool wir alle das Konzept Netbook mit seinem Pragmatismus finden, haben wir uns nicht trotzdem ein bisschen mehr Leistung gewünscht? Dass das Ion-Konzept dabei gerade bei der Grafik ansetzt, ist ideal. In Bezug auf Internet und Office-Anwendungen können Netbooks so oder so genug. Wo sie bisher Schwächen hatten, war beim Einsatz als Multimedia-Player. Das ist vorbei, und das macht Spaß. 11,6 Zoll und fitte Grafik bedeuten ein kleines bisschen weniger Notwendigkeit zum Kompromiss.

Billig ist dieser Spaß-Zuwachs allerdings nicht, Samsung ist kein Billigheimer, macht grundsätzlich selten Discounter-Angebote: 499 Euro sind eine Menge Holz für einen Mini-Laptop, wenn man bedenkt, dass man dafür heute problemlos auch einen ausgewachsenen Boliden bekommt.

Damit aber sind wir wieder am Anfang, denn 22 Prozent aller Computerkäufer in diesem Jahr fanden, dass sie den eigentlich gar nicht brauchen. Das ist vielleicht die größte Veränderung, die Netbooks dem Markt gebracht haben: Bezahlt wird nicht mehr unbedingt das Leistungsvermögen eines Rechners, sondern die passgenaue Bedienung von Kundenbedürfnissen.

Update.: NVidia ist sich über das Problem beim Abspielen von Flash-Videos, die bisher vom Ion-Prozessor nicht beschleunigt werden, im Klaren. Das soll sich nach einem Update der Flash-Software ändern, eine Betaversion des Ion-kompatiblen Flash-Players hat Entwickler Adobe noch für November angekündigt.

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