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Schachcomputer: Mensch gegen Maschine

Von Fabian Mauruschat

Schachfiguren: Enge Verbindung zum Traum von der denkenden Maschine Zur Großansicht
Corbis

Schachfiguren: Enge Verbindung zum Traum von der denkenden Maschine

Die Geschichte des Schachspiels ist auch eine Geschichte der künstlichen Intelligenz. Schon Jahrhunderte vor der Erfindung des Computers war der Traum von der denkenden Maschine mit dem Spiel verknüpft. Dabei begann alles mit einer Täuschung.

Die erste künstliche Intelligenz (KI) war eine Lüge. Der scheinbar denkende Android trug türkische Kleidung und spielte Schach. "Schachtürke" nannte der Beamte Wolfgang von Kempelen seine Erfindung 1769. Mit der linken Hand zog die Puppe die Spielfiguren und konnte Schachspieler aus Fleisch und Blut besiegen. Unter ihnen angeblich auch Charles Babbage, dessen Analytical Engine als Vorläufer des modernen Computers gilt. Nur war der Schachtürke keine autonome Maschine, in dem Gerät steckte ein Mann.

Schach galt damals als Modell der rationalistischen Welt, erklärt der Schachhistoriker Ernst Strouhal in einem Buch über Kempelens Maschinen. Wenn ein Automat das Spiel meistern könnte, so das damalige Denken, wäre das ein Beweis für eine dem menschlichen Verstand ebenbürtige Intelligenz. Über hundert Schriften erschienen, in denen die wildesten Theorien über die Funktionsweise des Schachtürken aufgestellt wurden. Von Magie, einem Kleinwüchsigen in der Kiste bis zur Fernsteuerung via Magnetismus schien alles möglich.

Scheinbar unbewohnt: Der Schachtürke des Wolfgang von Kempelen als Nachbau im Heinz Nixdorf MuseumsForum. Vor dem Spiel öffnete Kempelen, später Johann Nepomuk Mälzel die Klappen und Türen nacheinander, sodass der echte Schachspieler mal seine Beine, mal seinen Oberkörper bewegen musste, um nicht gesehen zu werden. Angeblich hat der falsche Automat dem Verb „türken“ seine Bedeutung verliehen.

Der Schachcomputer Conchess Monarch, der Anfang der Achtzigerjahre für 998 D-Mark erhältlich war. Die Herstellerfirma Consumenta Chess stellte 1982 drei unterschiedlich starke Computer her. Schon 1983 ging die Firma pleite, als Gründe werden eine unsaubere Verarbeitung oder falsche Angaben zu den Verkaufszahlen vermutet.

Das Schachprogramm für das Auge. Bei "Battle Chess" von 1988 wird aus jedem Schlagen einer Figur ein animierter Minikampf in 3D. Die immer gleichen Animationen waren allerdings irgendwann langweilig, die Spielstärke bot auch keine besonders große Herausforderung.

Geniale Mensch-Maschine: Der Replikant Roy Batty aus "Blade Runner", gespielt von Rutger Hauer, nutzt seine überlegenen Schachfähigkeiten, um seinen Erschaffer Eldon Tyrell über ein Fernschachspiel aus der Reserve zu locken und schließlich zu ermorden.

Dem Menschen in allen Aspekten überlegen: HAL 9000, der Bordcomputer des Raumschiffs Discovery in "2001: Odyssee im Weltall" war natürlich auch ein überragender Schachspieler. Seine Partie gegen den Astronauten Frank Poole entlieh Regisseur Stanley Kubrick der Wirklichkeit: Es war die Schachpartie Roesch gegen Schlage, Hamburg 1910.

Garri Kasparow gegen Deep Blue: 1997 besiegte zum ersten Mal ein Computer unter Turnierbedingungen einen amtierenden Schachweltmeister. Nur wegen eines Programmierfehlers: 2012 zitiert der Statistiker Nate Silver einen der drei Designer des Computers, Murray Campbell: Deep Blue wäre für einen Augenblick nicht in der Lage gewesen, den besten nächsten Zug zu berechnen und hätte einen zufällig ausgewählt. Das habe Kasparow so verunsichert, dass er verlor.

Sein Erschaffer präsentierte den Schachtürken immer nur als Kuriosität und Zaubertrick, wohl wissend, dass er einer genauen Untersuchung nicht standhalten würde. Nach Kempelens Tod kaufte der Mechaniker Johann Nepomuk Mälzel das Gerät und nahm ihn mit auf Tour durch Europa und in die Vereinigten Staaten. Edgar Allen Poe sah die Maschine und enttarnte die Fälschung 1836 in einem längeren analytischen Essay. In einem Punkt hatte Poe sich geirrt. Wenn eine Maschine das Prinzip des Schachspielens verinnerlicht hätte, so der Horrormeister, müsste sie jedes Spiel gewinnen können. Auch, weil sie alle möglichen Kombinationen kennen würde. Poe hatte nicht mit der Shannon number gerechnet.

Sklave des Programms

Über hundert Jahre später, 1950, veröffentlicht der Mathematiker Claude Shannon ein Paper, in dem er die Zahl aller möglichen Schachzüge mit 10120 ansetzt - höher als die Anzahl der Atome im beobachtbaren Universum, die zwischen 1084 und 1089 liegen soll. Unmöglich, das zu programmieren. Außer der nach ihm benannten Zahl hatte Shannon noch eine weitere Verbindung zu Schach: Das Spiel war auch für ihn ein Prüfstein der Leistungsfähigkeit von Computern. Ähnlich formulierten das später die Intelligenzforscher. "Das Schachspiel ist sozusagen die Drosophila der Intelligenzforschung" wird 1997 Franz Weinert vom Max-Planck-Institut für psychologische Forschung im SPIEGEL zitiert. Die Genetik testete ihre Theorien an der Fruchtfliege Drosophila melanogaster, die Intelligenzforschung die ihren am Schachspiel.

Auch für den genialen Mathematiker Alan Turing, der als Erster einen programmierbaren Computer baute, konnte eine denkende Maschine nicht nur rechnen, sondern auch Schach spielen. Er schrieb auch ein erstes Schachprogramm, das aber seinerzeit noch nicht von Maschinen ausführbar war. Allerdings konnte sich ein Mensch an die Programmierung halten und damit - ganz ohne Schachkenntnisse - erfolgreich spielen. Turing nannte einen solchen programmierten Spieler einen "Sklaven". Schon vor Turing, nämlich zwischen 1942 und 1945 schrieb Konrad Zuse ein Schachprogramm für seine Programmiersprache Plankalkül.

In den folgenden Jahren entwickelte sich die Rechnerstärke exponentiell. 1977 kam mit dem Fidelity Chess Challenger 1 der erste kommerzielle Schachcomputer auf den Markt. In den Achtzigern fanden die Geräte den Weg in viele Haushalte. Schachprogramme für den Heimcomputer waren weit verbreitet, beliebt war "BattleChess" von 1988, das die Kämpfe der Figuren gegeneinander animierte. Selbst der Volkseigene Betrieb "Karl Marx" des Kombinats Mikroelektronik Erfurt entwickelte und exportierte eigene Schachcomputer.

Androiden, die von Schachcomputern träumen

Auch in Filmen wurde das Schachspiel zum Beweis der Überlegenheit von Maschinen herangezogen. In Kubricks "2001: Odysee im Weltall" besiegt der Supercomputer HAL 9000 problemlos den Astronauten Frank Poole, der Replikant Roy Batty in "Blade Runner" übertrifft seinen Erschaffer beim Spiel der Könige. Data, der Android aus "Star Trek" dagegen, verliert auch mal eine Partie 3D-Schach. Schließlich, so erklärt es ihm seine Spielpartnerin Deanna Troi, gehöre auch Intuition zu den Qualitäten eines Schachspielers.

Ein Teil der Fiktion wurde in den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wahr. Deep Blue konnte als erster Computer unter Turnierbedingungen einen amtierenden Schachweltmeister, Garri Kasparow, besiegen. Deep Blue war allerdings kein eigenständig lernendes System, das IBM-Team änderte während des Wettkampfes die Codes, eliminierte Fehler. Böse gesagt war auch hier ein Mensch in der Maschine verborgen.

In den letzten Jahren hat Schach als Versuchsfeld für künstliche Intelligenz seine Relevanz beinahe verloren. Dafür sorgte die Erkenntnis, dass Schach vor allem eine Sache der Übung und nicht unbedingt eine der Intelligenz ist.

Aber möglicherweise gibt es eine Revanche der Schach-KIs: Vor Kurzem sorgte das Programm Giraffe für Schlagzeilen, das sich innerhalb von 72 Stunden selbst Schach beigebracht hat. Das gelingt der lernfähigen Maschine mit einem neuralen Netzwerk, dessen Aufbau dem menschlichen Hirn nachempfunden ist.

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insgesamt 40 Beiträge
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1. Oh ja, die Chess Challenger xx
kugelsicher 02.01.2016
Was sind wir für die Dinger als Kind in die Kaufhäuser der Stadt gezogen, um mit diesen "Wundermaschinen" zu spielen. Das war das Größte überhaupt. Wenn ich heut noch die Bilder sehe... Hier sind die Anfänge gut dargestellt: http://www.schach-computer.info/wiki/index.php/Hall_of_Fame Irg. mit 14 hat ich dann sogar einen eigenen.
2. Blechhirn gegen Weltmeister
dröhnbüdel 02.01.2016
Egal, ob die Anzahl aller möglichen Schachzüge in einer Partie nun 10 hoch 120 oder nur 10 hoch 84 beträgt, diese irrsinnigen Zahlen sind doch nur ein Beleg für die unglaubliche gedankliche Tiefe des Schachspiels. Die ersten Schachcomputerprogramme waren Schach-Deppen, die von jedem Kreisklasse-Matador besiegt werden konnten, heute verlieren selbst Weltmeister gegen das Blechhirn. Und wenn schon, für den Freizeit- und auch für den Vereinsspieler behält das Schachspiel seine Faszination. Mehr noch, die durchschnittliche Spielstärke hat enorm zugenommen, seit jeder halbwegs engagierte Schachspieler ein leistungsstarkes Programm auf dem heimischen Rechner installiert hat.
3. ???
N. SpOn Bienefeld 02.01.2016
Erst "... Alan Turing, der als Erster einen programmierbaren Computer baute", dann "Schon vor Turing, nämlich zwischen 1942 und 1945 schrieb Konrad Zuse ein Schachprogramm für seine Programmiersprache Plankalkül." Lt. Wikipedia (mein Gedächtnis ist keine Referenz) gilt Zuses Z3 als erster Computer, während Touring ein herausragender Grundlagen-Theoretiker war... Da sollten vielleicht ein paar Interpretationshilfen für den Test her...
4. Jetzt vielleicht
walnutyoghurt-vulture 02.01.2016
Ich würde da nochmal ganz -neural- nachlesen. Ich kann nichts dafür, ich hab's so aus dem Artikel übernommen. Und ich schreib es auch gerne im zweiten Versuch, daß es durchaus schon vor 20 Jahren zum großen Thema gemacht wurde. (Und mit ganz buchstabengetreuer Anleitung : Englisch - Artificial neural Network Deutsch - Künstliches neuronales Netz)
5. Und ?
Persipanstollen 02.01.2016
Wo sind die modernen Spiele, bei denen sich die Menschen im Duell gegenübersitzen und bekriegen ? Schach mag durch Computer und Theorieberge ausgelutscht sein, aber wo sind die neuen Spieleentwicklungen, die nur annähernd an dieses geniale, hunderte Jahre alte Spiel heranreichen ? Computer führen einen Kampf gegen "Intelligenz" und quadratieren den Planeten mit Gleichungen und Muster in eine berechnete Welt. Ein Spiel wie Schach, werden Computer freilich niemals erfinden, warum auch, in einer berechneten Welt ist dieses Spiel vollkommen sinnlos und pure Verschwendung von CPU-Zeit.
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