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Senioren online: "Mein Tablet macht mich richtig high"

Schon lange wollte sich Ilse Sturk einen Computer anschaffen, stattdessen ging sie lieber spazieren, beobachtete Vögel. Jetzt, mit 85 Jahren, entdeckt sie die Online-Welt. Sie erzählt, wie sie ihr erstes Tablet nutzt und warum sie sich auf W-Lan und ein Notebook freut.

Alltagstechnik: Ilse Sturk entdeckt das Tablet Fotos
Alexandra Tapprogge

Immer online, kein umständliches Dateisystem, kaum Konfiguration - Tablets könnten ein guter Computer für Senioren sein. In einem Projekt von der Stiftung Digitale Chancen testen Bewohner in einem Bremer Zentrum für betreutes Wohnen, wie gut sich ein Tablet-PC im Alltag macht. Eine von ihnen ist Ilse Sturk, 85. Die pensionierte Lehrerin hadert mit Vertippern, hofft auf Bildbearbeitung und sucht ein W-Lan zum Einklinken. Das Protokoll:

"Ich wollte mir schon vor ein paar Jahren einen Computer anschaffen. Da war ich 80. Und ich dachte, ich bekomme Hilfe. Die um mich rum, das sind ja alles Profis. Meine Nichte in Hamburg, ihr Mann in China, mein Bruder und mein Freund. Aber alle wollten mich irgendwie davon abhalten. Sie sagten, ich säße da stundenlang dran und würde mich nur ärgern, würde meine Zeit verbummeln und wäre dann nicht mehr derselbe Mensch. Außerdem hätte ich mich ja mein Leben lang nicht für Technik interessiert. Da habe ich mir nur gedacht - lass sie mal reden. Eines Tages werde ich es denen zeigen.

Ist doch so auch alles einfacher. Skype zum Beispiel. Da sitzt man abends vor dem Bildschirm und kann sich mit der anderen Oma in Peking unterhalten. Wenn meine Nichte das macht, schau ich manchmal zu. Und winke auch mal rüber nach China. Das ist toll!

Vor vier Monaten wurde das Projekt in unserem 'Haus im Viertel' vorgestellt. Die Bewohner hier haben zwar alle eine eigene Wohnung, machen aber vieles zusammen. Einige haben sich dann eben auch gemeldet, für ein Jahr kostenlos ein Tablet zu testen. Es geht darum herauszufinden, wie wir älteren Menschen auf moderne Technik reagieren und mit so einem Gerät klar kommen. Als ich das erste Mal das Tab in der Hand hatte, war das ein tolles Gefühl. Allerdings gepaart mit einer gewissen Scheu, die dann aber schnell verschwunden ist.

Neben mir saßen zwei ältere Herren, die wollten das Gerät nur als Spielzeug. Und die haben dann auch angefangen, damit Fotos zu machen. Am Ende haben wir gegenseitig von uns Fotos gemacht. Ich war an dem Tag so ziemlich die Letzte, die den Raum verlassen hat. Das hat mich richtig high gemacht. Also ich kann die Kinder verstehen, die gerne auf solchen Pads herumspielen. Ich kam mir plötzlich auch wieder vor wie ein Kind!

"Gerade lerne ich mit Wikipedia umzugehen"

Da ich noch nie mit einem Computer gearbeitet habe, musste ich mich erst einmal an die ganzen Apps gewöhnen. Am liebsten schreibe ich E-Mails. Heute telefoniert doch auch kaum noch jemand. Da muss man ja digital erreichbar sein. Ich habe mir eine E-Mail-Adresse geholt, und nun schaue ich jeden Tag in mein Postfach. Das einzige, was mir bei diesen elektronischen Nachrichten fehlt, ist, dass ich gar nicht mehr genau sagen kann, in welcher Stimmung der Absender die E-Mail geschrieben hat. Früher, als ich noch Briefe bekam - vornehmlich von meinem Freund, der zur See gefahren ist - da hab ich immer genau an der Schrift gesehen, wie es ihm ging. Wenn die krakelig war und er viele Fehler gemacht hat, dann ging es ihm nicht gut! Außerdem gab es dazu immer exotische Briefmarken und einen Postzettel, daran konnte ich sehen, wo der Brief überall lang geschickt wurde.

Wenn ich ins Internet gehe, dann nutze ich meistens die Suchfunktion von Google. Und ich habe jetzt Wikipedia kennengelernt. Das ist ja auch so eine Seite, auf der ganz viele Informationen sind. Ich bin schon seit Jahrzehnten ein ganz großer Fan von Sing- und Gartenvögeln. Und da hab ich jetzt bei Wikipedia mal den Gartenrotschwanz gesucht. Das ist ja unglaublich. Da sind detaillierte Beschreibungen, super Fotos und sogar die Eier des Vogels abgebildet. Leider schaffe ich es manchmal nicht, die Seite wiederzufinden. Ich kann mir den Weg dorthin immer schlecht merken. Neulich ging es mal gut, nach zwei Stunden habe ich es dann aber wieder vergessen. Es ist immer so sporadisch. Ich bin einfach an einem Punkt, an dem ich weiß, wie ich ins Internet komme, mir aber noch die genaue Orientierung fehlt. Ich kriege ganz oft die Seiten mit 'Uups' - dann weiß ich, ich habe wieder etwas falsch gemacht. Das ist zu vergleichen mit einem Kind, das im seichten Meerwasser plantscht, aber endlich schwimmen lernen will.

"Wenn Louis kommt, ist plötzlich so viel klar"

Es gibt noch viele Dinge, die ich verinnerlichen muss. Ich habe zum Beispiel jetzt erst bemerkt, dass man E-Mails ja auch direkt beantworten kann. Oder kürzlich herausgefunden, wie man auf Ö, Ä und ß umschaltet, das war am Anfang ziemlich schwierig für mich. Auch mit verrutschtem Text habe ich immer noch Probleme. Manchmal vertippe ich mich und bekomme das nicht wieder weg. Bei dem kleinen Gerät muss man einfach anders tippen als mit der Schreibmaschine. Die Finger sind zu groß, die Tasten zu klein. Ich will die E-Mails ja auch ordentlich abliefern. Wenn da was falsch ist, macht das keinen guten Eindruck.

Zum Glück kommt einmal die Woche Louis vorbei. Er hat sich in seiner Schule gemeldet, als Freiwillige für uns gesucht wurden. Er ist 16 und zeigt mir in aller Ruhe, was ich wie machen muss. Zusätzlich gibt er mir und meinem Nachbarn auch Hausaufgaben auf. Beim letzten Mal sollten wir beispielsweise die Länge der Chinesischen Mauer herausfinden. Louis hat unglaublich viel Geduld mit uns und ein wirkliches Talent, die Dinge zu erklären. Ich finde bemerkenswert, dass er seine Zeit für uns Senioren opfert.

Das Tablet wird uns ja kostenlos zur Verfügung gestellt, was super ist. Leider ist der Empfang aber nicht der beste hier. Ich sitze hier auf meinem Sofa und muss ewig warten, bis sich mal eine Internetseite öffnet. So macht das überhaupt keinen Spaß. Ich habe immer nur einen Balken. Das ist blöd! Manchmal gehe ich rauf in den dritten Stock. Da habe ich besseren Empfang. Aber ich will ja auch entspannt auf meiner Couch im Internet surfen. Daher versuche ich gerade, jemanden im Haus zu finden, dessen W-Lan ich mitnutzen kann. Ich hab aber auch schon überlegt, ob ich häufiger mal in ein Café gehe und deren Netz nutze. Man bekommt ja dann anscheinend das Passwort von der Kellnerin, wenn man einen Kaffee bestellt.

"Weniger spazieren gehen wäre die Lösung gewesen"

Ich bedauere sehr, dass ich mich nicht eher mit all dem auseinander gesetzt habe. Ich habe meine Zeit in den vergangenen Jahren doch auch ein bisschen verplempert. War mit Freundinnen spazieren, bin mit dem Auto rumgefahren, habe Vögel beobachtet. Hätte ich damals schon einen eigenen Computer gehabt, wäre ich deutlich weiter heute.

Dann würde ich jetzt auch die Fotobearbeitungsprogramme kennen. Ich habe viele Negative und Fotos hier, die hätte ich ja auch gerne mal digital. Wäre ich damals mal weniger spazieren gegangen! Es waren ein Stück weit fünf verschwendete Jahre. Wobei - so habe ich mich um meine Freundinnen gekümmert, von denen einige heute schon verstorben sind. Wie auch immer, auf den Geschmack bin gekommen. Und ohne Internet und E-Mails kann ich mir das auch nicht mehr vorstellen.

Wahrscheinlich kaufe ich mir nach dem Projekt einen Laptop. Bis dahin muss ich aber noch ein bisschen mehr üben."

Aufgezeichnet von Alexandra Tapprogge

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  • Alexandra Tapprogge
    Ilse Sturk, 85, wurde in Bremerhaven geboren. Sie hat Deutsch und Englisch unterrichtet und lebt seit drei Jahren im Haus im Viertel in Bremen in einer Einrichtung für betreutes Wohnen.


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