Sex in Videospielen Lust auf mehr

In vielen Games geht es um Sex. Doch kaum ein Videospiel schafft es, ihn als komplexen, menschlichen Akt einzufangen. Wann ändert sich das endlich?

Ubisoft

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Die gerade erschlagenen Soldaten liegen noch in skurrilen Verrenkungen auf dem Boden ringsum, da startet Kassandra den nächsten Annäherungsversuch. Das Objekt ihrer Begierde: Odessa. Der Versuch, sie ins Bett zu bekommen, ist ziemlich plump - aber erfolgreich. "Was soll mich diesmal schwach machen?", fragt Odessa. "Zieh mich aus und finde es heraus", antwortet Kassandra. Gesagt, getan. Man küsst sich, Odessa lässt sich von Kassandra in ein Haus tragen - Schwarzblende.

Das vor gut einem Monat erschienene Rollenspiel "Assassin's Creed: Odyssey" bietet als erster Teil der Reihe an, dass der Spieler selbst bestimmen kann, mit wem er eine Beziehung eingehen möchte. Dabei spielt weder das Geschlecht eine Rolle, noch die Art der Beziehung. Monogamie ist hier nicht verpflichtend.

Auch Sex gehört zu "Odyssey" - irgendwie aber auch nicht. Denn wie in vielen anderen Games zuvor bleibt Sex hier nur eine Andeutung. Eine Leerstelle, um die viel diskursiver Lärm veranstaltet wird.

Zwei Pole und viel Stille

Betrachtet man Sex in Videospielen, scheint es zwei Pole zu geben, zwischen denen überraschende Stille herrscht. So gibt es einerseits explizite Sexspiele - Visual Novels etwa und Dating-Simulatoren. Diese Spiele bieten meist keinen ernsthaften Umgang mit dem Thema, sondern kurze Befriedigungen für ein intendiert männliches Publikum: Sex als Höhepunkt einer Objektifizierung der Frau durch den Spieler.

In Reihen wie "Senran Kagura" - auch wenn es sich dabei nicht um explizite Sexspiele handelt - existiert ein Modus, in dem der Spieler eine beinahe nackte Minderjährige mit virtuellen Händen anfassen soll, um ihre verschämt-betroffene Reaktion zu betrachten. Sony hat sich daher kürzlich dazu entschieden, diesen Modus in seinem Onlinestore nicht zuzulassen.

Kurzum, es handelt sich um Spiele, in denen die sexuelle Penetration ein Achievement, ein virtueller Erfolg ist. Kein komplexer, menschlicher Akt.

Abblenden oder Zwischensequenzen mit groben Andeutungen

Den anderen Pol bilden Games wie eben "Assassin's Creed: Odyssey". Games, in denen Sex eine Rolle spielt, aber oft als Akt so weit jenseits jeder Spielmechanik steht, dass er wie auf ein Spiel draufgesetzt wirkt. Als wolle man sagen: "Ja, Sex ist gut und wichtig - aber wir trauen den Spielern nicht zu, ihn wirklich in die Hand zu nehmen." Darum gibt es Abblenden oder Zwischensequenzen mit groben Andeutungen, dargestellt durch die hölzernen Animationen von nackten Körpern.

"Sex in Videospielen ist seltsam", sagt Melissa MacCoubrey, Narrative Director bei Ubisoft. Sie hat an "Odyssey" mitgearbeitet. Während Sex in Filmen und Serien oftmals als makellos dargestellt würde, sei er in Videospielen vor allem peinlich.

"Die Technik ist noch nicht ganz so weit, um Sex überzeugend darzustellen - so, dass Menschen dazu eine Verbindung aufbauen könnten", meint MacCoubrey. Daher sei es den Machern von "Odyssey" vor allem darum gegangen, die Beziehungsoptionen so vielfältig wie möglich zu gestalten, um der Diversität des Publikums gerecht zu werden. Der Sex verschwindet halt noch in der Schwarzblende. Es ist wohl die große Ironie, dass gerade im Videospiel kein spielerischer Umgang mit Sex möglich scheint.

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"Assassin's Creed: Odyssey": So sieht das Spiel aus

In Videospielen ist Sex nicht spielerisch

Versuche, daran etwas zu ändern, gibt es allerdings, zum Beispiel von Lea Schönfelder, die vor gut zehn Jahren das Flash-Spiel "Ute" entwickelte. Damals spielte die Game Designerin selbst kaum, sie hatte einen frischen Blick auf das Thema Sex und Games. "Ich wollte das Videospiel als künstlerisches Medium nutzen", erzählt sie.

Die Idee für "Ute" sei aus ihrem Freundeskreis heraus entstanden, sagt Schönfelder: "Ich hatte eine Freundin, die mit vielen Männern geschlafen hat, obwohl sie einen Freund hatte." Daraus wurde ein kleines Spaß-Spiel, in dem es darum geht, möglichst viel Sex zu haben, ohne entdeckt zu werden.

Mittlerweile hat Schönfelder einige Spiele kreiert, in denen Sex eine Rolle spielt: Sie drehen sich um Prostituierte, um Call-Girls, um Lebensentwürfe, in denen Sex eine große Rolle spielt. "Sex in Videospielen ist oft total unbeholfen, geradezu kindisch", konstatiert sie. Es gehe selten in die Tiefe, in die Komplexität dieses Aktes. "Was fehlt, ist meist die Sinnlichkeit, die Zuneigung und die Atmosphäre."

Entwickler mit ganz unterschiedlichen Hintergründen

Das liege sicherlich auch an den Menschen, die an Videospielen arbeiten, findet Game Designerin Schönfelder. Aus ihrer Sicht braucht es Entwickler mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, die sich dann in diesen Spielen ausdrücken könnten. Ebenso brauche es den Mut, ein Publikum zu entdecken, das diesen Ausdruck auch ernst nimmt.

Insgesamt wirkt es, als wüssten viele Spielestudios bislang schlicht nicht, wie sie mit Sex umgehen sollen - selbst die Studios, die Spiele entwickeln, die erwachsen und komplex sein sollen. Traut man dem Publikum nicht zu, Sex zu spielen? Traut man dem Medium nicht zu, Sex spielbar zu machen, in seiner ganzen Komplexität?

Es wird eine Zeit kommen, in der Sex nicht entweder geschmacklos oder ein Gimmick ist. Doch bis dahin werden sicher noch viele hölzerne Animationen und Schwarzblenden über den Bildschirm flimmern.

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
m82arcel 04.11.2018
1.
Vielleicht ist ein optisches Medium aber auch einfach nicht das Richtige, dieses Thema intensiv und auch emotional ansprechend einzubeziehen. Dann wären auch die Schwarzblenden, die zumindest den eigentlichen Akt der Fantasie überlassen, der richtige Weg. Da stellt sich dann auch weniger die Frage, was geschmacklos ist und was nicht.
H.P. 04.11.2018
2. Unvollständige Recherche?
Ein Beitrag zu diesem Thema sollte die "Witcher" Reihe nicht auslassen, in der Beziehungen und Sex in eine längere und komplexe Handlung eingebunden sind und in sehr differenzierter und stellenweise auch humorvoller Form dargestellt werden.
oelfeld 04.11.2018
3. Beste Sexszene:
in Far Cry 3. Fand ich sehr überzeugend!
camshaftinhead 04.11.2018
4. bitte?
""Die Technik ist noch nicht ganz so weit, um Sex überzeugend darzustellen - so, dass Menschen dazu eine Verbindung aufbauen könnten"," noch kein C64 oder Amiga damals gespielt? Ich sage nur Sex Games! Da war die Technik noch weiter harmlos, dennoch konnte man ihn überzeugend darstellen.
ercutio 04.11.2018
5. Pferd???
Yen und Geralt treiben es auf einem ausgestopften Einhorn! So vereinfacht wie es im Text dargestellt wird ist es übrigens nicht. Geralts Sexleben wirkt sich nämlich direkt auf das Spielende aus, mehr will ich aber nicht verraten.
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