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19. Dezember 2016, 16:26 Uhr

Sex mit Maschinen

Der Roboter ist immer geil

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Mehr als nur Spielzeug: Hersteller tüfteln an immer realistischeren Sexrobotern. Dürfen Menschen alle ihre Fantasien an den Maschinen ausleben?

Sex mit Menschen könnte bald der Vergangenheit angehören: Schon 2050 werden Sexroboter den Menschen den Rang im Bett abgelaufen haben. Das zumindest glaubt der britische Zukunftsforscher Ian Pearson.

In seinem Bericht "The Future Of Sex" zeichnet der Mathematiker und Physiker eine Zukunft, in der Roboter-Bordelle und Stripklubs mit computergesteuerten Tänzern zur Normalität gehören. Maschinen aus Metall, Silikon und Software könnten Kunden alle Wünsche erfüllen und sich unermüdlich an der Stange räkeln. Dass Pearson seinen Bericht mithilfe eines britischen Sex-Toy-Anbieters veröffentlicht hat, mag dazu beigetragen haben, dass die Zukunft des Sex als eine beschrieben wird, die in den Händen der Roboter liegt.

Doch tatsächlich tut sich auf dem Markt der Sexroboter einiges. Diese Woche etwa treffen sich Experten aus der ganzen Welt an der University of London, um auf dem Kongress "Love and Sex with Robots" zu diskutieren, welche Folgen immer raffiniertere Sexroboter für die Gesellschaft haben.

"Irgendwann wird es sie geben - und den Markt dafür"

Der Traum der Hersteller ist eine menschenähnliche Puppe, die ihr Gegenüber scheinbar zurückliebt - und alles mit sich machen lässt. Für viele mag die Vorstellung von Sex mit einem Roboter gruselig und abstoßend sein, weil das Gegenüber eben bestenfalls echt wirkt, aber nicht echt ist.

Andererseits: In immer mehr Bereichen unseres Lebens kommunizieren, interagieren wir schon mit Maschinen, nicht mehr mit Menschen. In iPhones steckt Siri, Taxis können per Chatbot gerufen werden. Wird Technik bald auch in unserem Schlafzimmer eine größere Rolle spielen, wie Forscher Pearson es vorhersieht?

"Es gibt eine große Bandbreite verschiedener Sexpuppen und -roboter", sagt die Wissenschaftlerin Julie Carpenter, die seit Jahren zur Interaktion von Menschen und Robotern forscht. "Aber die Idee von der Maschine, die alle sexuellen Wünsche erfüllt, ist noch sehr weit von der Realität entfernt." Die Amerikanerin findet allerdings auch: "Wir müssen jetzt über die ethischen und gesetzlichen Probleme sprechen, die Sexroboter mit sich bringen. Denn irgendwann wird es sie geben - und den Markt dafür."

Wie Sexpuppen intelligent werden sollen

Die Branche der Sexpuppenhersteller arbeitet längst nicht mehr nur an Oberflächen, die sich möglichst hautzart anfühlen, sondern auch an der Sprachfähigkeit. Puppen wie "Roxxxy" vom Hersteller True Companion sind laut Website "immer geil und bereit zum Reden oder Spielen" und sollen sich je nach Voreinstellung abenteuerlustig oder schüchtern geben - zumindest auf Englisch. Deutsch hat die Puppe noch nicht gelernt.

Auch das US-Unternehmen RealDoll setzt auf Puppen, mit denen ihre Besitzer interagieren können. Neue Modelle sollen sich Informationen über den Gesprächspartner merken und per Sprachmodul Wohlgefallen signalisieren können. Virtual-Reality-Anwendungen mit der VR-Brille Oculus Rift sind ebenfalls geplant.

Sexroboter als Prostituierte der Zukunft?

Bislang sind Sexpuppen, die mehr sein wollen als simple Gummipuppen, ein Nischenprodukt. Pro Tag wird im Schnitt eine RealDoll produziert und für rund 6000 Euro verkauft. Ein naheliegender Abnehmer für die teuren Puppen sind deshalb Bordelle, wo sich ein Einsatz schnell lohnen könnte.

In künftigen Roboter-Laufhäusern könnten Menschen sicher, billig und ohne Angst vor menschlicher Zurückweisung ihren sexuellen Fantasien nachgehen. Außerdem läuft man beim Sex mit einem Roboter bei entsprechender Hygiene weniger Gefahr, sich eine Geschlechtskrankheit einzufangen.

Doch kommen die Menschen nicht auch ins Bordell, weil sie sich menschliche Nähe erkaufen wollen? "Oft geht es Kunden darum, mit der eigenen, auch ungewöhnlichen Sexualität angenommen zu werden", sagt etwa Undine de Rivière vom Bundesverband erotische und sexuelle Dienstleistungen. Dann müsse jemand auch mal in den Arm genommen werden, so de Rivière.

Noch gibt es wenig Forschung

Sexroboter können das nicht bieten. Auch Roboter-Forscherin Carpenter ist skeptisch, ob sich durch die Verfügbarkeit von Sexrobotern Probleme wie Frauenhandel zum Zweck der Prostitution eindämmen lassen.

Für die Therapie von Opfern mit sexuellen Traumata könnten humanoide Roboter aber hilfreich sein, glaubt Carpenter. "Es gibt noch zu wenig Forschungsergebnisse, die diese Vermutung klar belegen. Aber wenn wir uns einen Sexroboter vorstellen, der einem Menschen ähnelt, dann gibt es auch Potenzial, ihn für therapeutische Zwecke zu nutzen."

Sexroboter als Projektionsfläche - Gefahr für den Menschen?

In der Ähnlichkeit der Roboter zum Menschen sehen viele aber auch ein Problem. Denn was würde es mit den Menschen machen, wenn der Unterschied zwischen menschlichem Sexualpartner und einer Sexpuppe verwischt?

Wäre es zum Beispiel gut, wenn aggressive Menschen ihre Gewalt an realistischen Sexpuppen ausleben - oder würde das zu einer größeren Gefährdung auch für Menschen führen? Und dürften Pädophile ihre Triebe an Kinder-Sexrobotern ausleben?

Die Stuttgarter Technik-Philosophin Catrin Misselhorn befürchtet, dass das Ausleben solcher Fantasien mit einem Roboter Anreize schaffen könnte, die Aktionen auch in die Realität zu übertragen. Denn für die Befriedigung sei wichtig, "dass man sich vorstellt, man hätte es eben nicht nur mit einem Sexroboter zu tun, sondern mit einer realen Person, der man Gewalt antut", so die Philosophin.

Trotzdem korreliere sexuelle Gewalt an Robotern nicht zwangsläufig mit echter Gewalt, betont Misselhorn. Sie plädiert deshalb dafür, rechtliche und ethische Fragen voneinander zu trennen. Nicht alles, was vielen Menschen unmoralisch erscheine, müsse mit rechtlichen Sanktionen belegt werden.

Forscherin Carpenter ist sich sicher, dass Roboter noch sehr lange wie Roboter aussehen werden. "Wir werden wissen, dass wir es mit einem Roboter, nicht mit einem Menschen zu tun haben, schon allein weil wir ihn als einen Roboter gekauft haben."


Zusammengefasst: Die Sexbranche arbeitet an intelligenten Sexrobotern. Wenn menschenähnliche Sexdienstleister gesellschaftsfähig werden, brächte das viele ethische Probleme mit sich. Dürften Menschen an ihnen jede Fantasie ausleben? Forscher denken schon jetzt über solche Szenarien nach und plädieren für eine klare Trennung von Recht und Ethik.

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