Sex per Videochat Geschäftsmodell iPhone-Porno

Apples Prüderie zum Trotz: Die Pornoindustrie freut sich über das neue iPhone. Online-Stripperinnen wollen ihre Dienste künftig über die Videochat-Funktion Facetime feilbieten und auf diese Weise höhere Gewinne einstreichen. Doch potentiellen Kunden droht der Verlust der Anonymität.

Pornodarstellerin Teagan Presley: Geschäftsmodell Striptease im Videochat
APN

Pornodarstellerin Teagan Presley: Geschäftsmodell Striptease im Videochat


New York - Es ist eine Grundregel der Technikbranche: Kaum wird ein neues Gerät erfunden, findet die Pornoindustrie Mittel und Wege, damit Geld zu verdienen. So auch beim neuen iPhone 4 und der Videokonferenz-Funktion Facetime. Mehr und mehr Firmen suchen mit Hilfe von Kleinanzeigen-Web-Seiten nach Mitarbeiterinnen für Sexchats.

Facetime ermöglicht es Nutzern des neuen iPhones, zu telefonieren und dabei über eine W-Lan-Verbindung flüssige Videobilder mit Hilfe der eingebauten Kameras zu übertragen. In einem TV-Spot zeigt Apple einen werdenden Vater, wie er die Ultraschallbilder seines ungeborenen Kindes sehen kann.

Pornofirmen zielen auf Online-Begegnungen der ganz anderen Art. Die Branche machte sich Erfindungen schon immer schnell zu eigen. In den siebziger Jahren verhalfen Sexfilme dem Videorecorder zum Durchbruch. Ähnlich war es bei DVDs, bei Streaming-Videos aus dem Netz und der elektronischen Bezahlung per Kreditkarte.

Dass sich Sex verkauft, ist eine Weisheit, die schon bei der Erfindung der ersten Kameras galt, wie Michael Gartenberg von der Medienanalysefirma Interpret LLC sagt. Damals habe man sich gefragt: "Wäre es nicht gut, wenn sich jemand vor der Kamera ausziehen würde?" Webcams werden von einschlägigen Anbietern schon lange benutzt, um über das Internet Striptease-Shows und ähnliches zu übertragen. Solche Videos auf ein Mobiltelefon zu bringen, ist für die Branche allerdings ein Novum.

"Ein Telefon ist ein sehr privates Gerät. Man leiht es normalerweise nicht aus", sagt Quentin Boyer, der als Sprecher für den Erotikproduzenten Pink Visual arbeitet. Die Firma will in wenigen Wochen Erotik-Videochats zu Preisen von fünf bis sechs Dollar pro Minute anbieten. Abgerechnet wird per Kreditkarte. "Es ist eine sehr persönliche Atmosphäre", sagt Boyer über die Gespräche, für die man nur zwei iPhones und keinen Computer benötigt.

Zufällige Verbindungen bevorzugt

Auch die Zeigefreudigkeit von Nutzern im Internet dürfte mit Facetime zunehmen. Das Angebot Chatroulette etwa verbindet per Zufallsprinzip Nutzer, die dann per Video miteinander chatten können. Erotische Chats sind dabei eigentlich nicht unbedingt beabsichtigt, kommen aber häufig vor.

Apple ist nicht der einzige Anbieter von Videochatfunktionen auf einem Mobiltelefon. Dasselbe können auch diverse Geräte anderer Hersteller. Doch der Konzern aus Cupertino hat bislang alles unternommen, um Inhalte auf seinen Geräten möglichst jugendfrei zu halten. E-Books wurden zurückgewiesen, weil sie sexuelle Inhalte hatten, und politische Satire wurde abgelehnt, weil sie nach Apples Befürchtungen für bestimmte Nutzer verletzend sein könnte.

Manche dieser Entscheidungen wurden nach Einsprüchen zurückgenommen, doch es gibt eine strenge Regel bei Apple: In den App Store bekommen Pornos keinen Einlass. Aber Facetime ist keine App, die im iTunes Store verkauft wird und damit der Kontrolle von Apple unterliegt. Die Funktion gehört untrennbar zum neuen iPhone 4. Niemand kann kontrollieren, wer wen anruft und wer mit wem chattet.

Ein Geschäftsmodell für freischaffende Anbieterinnen

Der Internetexperte Jonathan Zittrain von der Harvard-University betont, dass Apple mit Facetime nicht mehr Verantwortung für die darüber übertragenen Inhalte habe als Hardware-Firmen, die Geräte beispielsweise DSL-Modems herstellen. Kinderschutzorganisationen sind indes besorgt, dass Minderjährige Opfer von Straftätern werden könnten, weil sich iPhones anders als Familiencomputer schlechter von Eltern überwachen lassen. Die Erwiderung von Apple: Telefonnutzer könnten sich wie bei normalen Gesprächen auch bei Facetime aussuchen, mit wem sie sprechen. Außerdem könnten Eltern die Facetime-Funktion der iPhones ihrer Kinder deaktivieren.

Für die Erotikbranche könnte Facetime mehr als nur ein neues Medium sein, sie könnte eine neue Form freischaffender Sexchat-Anbieterinnen hervorbringen, die im Gegensatz zum derzeit vorherrschenden Geschäftsmodell einen großen Teil der Gewinne behalten könnten, weil sie weniger Geld für die technische Infrastruktur ausgeben müssen.

Doch mit Anonymität und Privatsphäre ist es für die Nutzer solcher schlüpfrigen Angebote künftig vorbei: Weil Anbieter und Kunde ihre Telefonnummern austauschen müssen, um per Facetime miteinander kommunizieren zu können, ist die Nutzung solcher Angebote leichter nachzuvollziehen als bei Web-Chats. Und selbst wer sich nicht von solchen Problemen schrecken lässt, muss sich zumindest mit einer schlechteren Bildqualität als im Web abfinden - und das ausgerechnet bei einer Dienstleistung, bei der es doch in erster Linie ums Gucken geht.

Joel Schectman, apn

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.