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Silver Surfer: Ganz oder gar nicht

Senioren gelten als Internet-Nachzügler, mitunter gar als skeptische Technik-Verweigerer. Der wahre Grund dafür, zeigen nun Daten des Sozialforschungsinstituts Infas, ist bei vielen ein Informations-Defizit: Wenn Nutzen und Kosten klar sind, werden aus skeptischen Senioren begeisterte Surfer.

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Corbis

Mit Spaß dabei: Senioren neigen dazu, das Internet ganz oder gar nicht anzunehmen

Ob ein Bundesbürger über einen privaten Internet-Anschluss verfügt, hängt maßgeblich von seinem Alter ab. Insgesamt mögen inzwischen rund 80 Prozent der Deutschen prinzipiell Zugang zum Web haben. Doch längst nicht alle davon sind wirklich regelmäßige Nutzer. Auch ein nur von einer Person regelmäßig genutzter Anschluss im Haushalt macht ja alle Mitbewohner zu Bürgern mit privatem Zugriff zum Internet. Dazu gibt es in der Realität nach wie vor eine Kluft zwischen den Generationen: Während die unter 19-Jährigen so gut wie vollständig online sind, sind es bei den über 64-Jährigen gerade einmal 44 Prozent. In den Altersstufen dazwischen haben um die 90 Prozent einen Internet-Anschluss in ihrer Wohnung. Teens und Twens im Haushalt erhöhen dabei die Wahrscheinlichkeit für das Vorhandensein eines Anschlusses.

Solche Zahlen scheinen gängige Vorurteile über die ach so Technik-skeptischen Alten zu bestätigen. Wie heißt es so schön im sechsten Artikel des so genannten kölschen Grundgesetzes? "Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet." Übersetzt etwa: "Kennen wir nicht, brauchen wir nicht, weg damit", oder weniger salopp: "Seid kritisch, wenn Neuerungen überhand nehmen".

Das aber, will das Marktforschungsinstitut Infas im Rahmen der Auswertung seines repräsentativen Telekommuniktionsmonitors herausgefunden haben, sei gar nicht immer die Grundhaltung der eher technikfernen Senioren: Das Potenzial der bisher Online-Abstinenten wäre demnach "durchaus aktivierbar".

Denn die Abstinenz gründe nicht auf prinzipieller Ablehnung, sondern auf Informationsdefiziten und Fehlinformationen. So geben etwa 40 Prozent der über 64-Jährigen ohne privaten Netz-Zugang an, sie könnten mit dem Internet gar nichts anfangen. Und zwar nicht, weil sie es nicht brauchten, sondern weil sie nicht wüssten, was man damit alles machen kann ("Ich wüsste nicht, was ich damit soll").

Inner-Generationskonflikt: Internet-Fans und -Feinde

Doch es gibt auch andere Hemmschwellen: 44 Prozent der Befragten geben an, dass Ihnen das Internet viel zu kompliziert sei. Klar, denn der normale Zugangsweg läuft nach wie vor über ein Medium, das man erst einmal beherrschen lernen muss - den Computer. Und anders als bei Buch, Zeitschrift oder auch Fernsehen gibt es keine vorgefasste Struktur, kein Programmangebot - man muss sich alles selbst erschließen. 29 Prozent der Offline-Senioren sind darüber hinaus überzeugt, dass ein Internetanschluss für sie zu teuer wäre. Angesichts des inzwischen erreichten Preisniveaus mit Flatrates und Dial-In-Verbindungen eine vermutlich eher gefühlte, denn objektive Barriere.

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Surfende Senioren: Wenn schon, denn schon
Und natürlich gibt es auch Senioren, die Computer und Internet grundsätzlich ablehnen: Menschen, die sich mit der Technik und dem Web gar nicht befassen wollen.

Es sind nur weniger, als man vielleicht denkt. Zwar gehören rund zwei Drittel der Senioren ohne Internet im Haushalt laut Infas zu den bisher harten Verweigerern - die Gruppe der echten Internet-Gegner unter den Senioren ist also etwa genau so groß wie die der Fans und Nutzer (beide etwas über 40 Prozent). Doch der Rest zaudert eher, ist sich nicht recht sicher, welche Haltung gegenüber dem für diese Zielgruppe immer noch neuen Medium einzunehmen sei. Immerhin 14 Prozent der Internet-abstinenten Senioren geben beispielsweise an, dass sie sich "eigentlich schon längst einen Internetanschluss zulegen hätten müssen". Aber: Nur fünf Prozent der über 64-Jährigen planen laut Infas, das in nächster Zeit auch zu tun.

Bei den 50 bis 64-Jährigen sind es mit 32 Prozent erheblich mehr, die sich einen privaten Zugang anschaffen wollen. Unter den Älteren sind vor allem die "jungen Alten" aufgeschlossener - und Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht korreliert mit erhöhtem Grundinteresse. Die am schwierigsten zu erreichende Zielgruppe sind dagegen alleinstehende Seniorinnen.

Wenn schon, dann aber anders

Jene Senioren, die über einen privaten Internetzugang verfügen, wissen ihn durchaus zu nutzen - jedoch anders als jüngere Generationen. Vor allem das Nachschlagen von Informationen ist eine wesentliche Anwendung für die über 64-Jährigen: mehr als die Hälfte macht dies mehrmals die Woche oder häufiger. Jeder Dritte dieser Altersklasse schreibt regelmäßig E-Mails.

In dieser Generation prägen also klassische Internetanwendungen das Bild. Shoppen, Online-Banking, Chatten oder Socialmedia-Anwendungen werden dagegen kaum von den Älteren genutzt.

Der Nutzen besteht trotzdem. Für jeden Dritten der Online-Anschlussbesitzer über 65 Jahre ist das Internet im privaten Alltag nach eigenen Angaben "unverzichtbar" - ein nicht wesentlich geringerer Anteil als in der Gesamtbevölkerung (46 Prozent).

Es zeigt sich, dass diejenigen Senioren, die über einen Online-Zugang verfügen, das Internet in ihren Lebensalltag integrieren, es aber deutlich anders nutzen als jüngere Generationen. Den bisherigen Verweigerern müssen demnach die Sorgen vor Kosten und Komplexität des Internets genommen und altersübliche Anwendungen präsentiert werden. Die Infas-Hochrechnung zeigt, dass dadurch ein deutliches Neukundenpotenzial zu gewinnen wäre: Unmittelbar könnten rund eine halbe Millionen Seniorenhaushalte zusätzlich für Internetanbindungen gewonnen werden.

Die Zahlen beruhen auf der Analyse des in diesem Jahr erstmals erhobenen Telekommunikationsmonitors des Sozialforschungsinstituts Infas. Der Monitor ist die bisher umfassendste repräsentative Befragung der Bevölkerung zu Themen rund um Telekommunikation und Technik.

pat

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
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    Seite 1    
1. Kostenfaktor
Schroffenstein 18.10.2010
Ich möchte zu bedenken geben, dass die abschreckenden Kosten vielleicht nicht so sehr in den tatsächlich extrem gesunkenen Internetkosten, sondern vielmehr in dem Anschaffungspreis der Technik liegen.
2. Naja...
sappelkopp 18.10.2010
...so ein Segen ist das Internet ja auch nicht. Vor 20 Jahren habe ich meine Zeit nicht damit vertan, meine Meinung im SPON-Forum zu äußern. ;-)
3. benutzerunfreundlich
archie, 18.10.2010
Ich bin Anfang der neunziger Jahre mit über 40 mit einem 386er in die Computerwelt eingesiegen, mit MS-Dos und selbstgeschriebenen autoexec.bat und config.sys, bin somit einfach in das Internet hineingewachsen. Ich hatte aber, weil schon geschieden, Zeit genug, da alle Freizeit mir allein gehört. Nicht das Geld, nicht die Kosten wirken abschreckend auf meine Altersgenossen sondern allein die absolut beschi..ene Bedienbarkeit eines Computers.
4. streetview....
kurosawa 18.10.2010
.... bleibt zu hoffen das die "siversurfer" nicht nur durch panikmache wie im falle streetview ans netz geführt werden können. stuttgart 21 ist ebenso ein fall der sicher den einen oder anderen älteren mitbürger dazu veranlasst sich an der diskussion im netz oder der organisation übers netz zu beteiligen. am ende kommt es sozusagen zu einer virtuellen wiedervereinigung. silversurfer trifft auf digital native. es wächst zusammen, was zusammen gehört. oder aber der digital native wird aller "avatar" aus dem digitalen paradies vertrieben ;-)
5. Es ist ein Jammer,
frank_lloyd_right 18.10.2010
aber es gibt leider viele +80jährige, die es einfach nicht mehr gebacken bekommen, die Maus richtig zu bewegen und sich mit all den Auswahlmöglichkeiten anzufreunden - da braucht es echte Pädagogik ! Danbei ha#ttn gerad ältere Menschen von unserer Arbeits-und Unterhaltungselektronik enorm zu profitieren... Aber es handelt sich um teils noch (nicht nur die aus der Nazizeit) nicht-interaktive Generationen : es wirgh TV geglotzt, aber daß ich ohne Befehl selbst was mache, ist irgendwie nie richtig auf der Bewußtseinsebene angekommen.
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