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Skurrile Trends aus Tokio: Inspektor Gadget aus Germany

Von , Tokio

Was darf's bitte sein? Ein R2D2-Roboter? Samurai-Unterwäsche? Sven Kilian kann helfen. Der Deutsche verschickt von Tokio aus verrückte japanische Produkte in die ganze Welt. Angefangen hat er mit einem Ohrenputz-Apparat, jetzt studiert selbst das "Wall Street Journal" sein Angebot.

Japan Trend Shop: Gadget-Versand aus Tokio Fotos
SPIEGEL ONLINE

Ein Metallstift mit Spatel, über einen dünnen Schlauch verbunden mit einem Handgriff aus Plastik, mit einer Linse zum hineingucken: Mit dieser Apparatur kann man sich selbst ins Ohr schauen. Glasfaser überträgt das Bild, mit fünf- bis zehnfacher Vergrößerung lassen sich Gehörgang und Trommelfell ansehen. Ein japanischer Hersteller fertigt dieses Endoskop für den Hausgebrauch, über das Internet ist es auch im Rest der Welt erhältlich.

Die ersten Exemplare hat Sven Kilian noch von Japan aus über Ebay nach Deutschland verkauft - acht Jahre ist das jetzt her. Seitdem hat er eine eigene Firma gegründet, fünf Mitarbeiter eingestellt und bietet in seinem Online-Shop rund tausend japanische Produkte an. Mehr als eine Millionen Euro Umsatz macht seine Firma OctoTrade im Jahr.

In einem modernen, zweistöckigen Betonhaus mit großen Fenstern hat die Firma ihren Büroraum. Bäume sind zu sehen, es ist ruhig - doch mit der U-Bahn ist das neonbunte Einkaufs- und Ausgehviertel Shibuya nur eine Haltestelle entfernt. Laut tönende Spielhallen, Läden mit bis unter die Decke gestapelten Käfigen voller junger Hunde, Hunderte kleiner Bars, Kaufhäuser und Elektronikmärkte in Hochhausgröße - das Japan aus Film und Fernsehen.

Todesstern plus Versandkosten

Im Büro stapeln sich Kartons voller Roboter. Von einigen wenigen Artikeln kauft der 41-jährige Auswanderer gleich auf Vorrat, wenn er glaubt, dass sie international erfolgreich werden. Beim Star-Wars-Roboter R2D2 ist er sich sicher. Im Inneren des fast unterarmgroßen Plastikgehäuses befindet sich eine starke Lampe, die einen Sternenhimmel an die Decke wirft. Beim R2D2-Planetarium leuchtet natürlich auch ein Todesstern auf, Darth Vaders riesiges Kampfschiff.

Die Werbung für solche Produkte übernehmen zahlreiche Blogger ganz automatisch. Sie suchen im Japan Trend Shop und bei der Konkurrenz Gizmine und Rinkya nach ausgefallenen Gadgets und übernehmen kostenlose Werbung. So werden auch klassische Medien auf die Ware aus Japan aufmerksam, ob "Wall Street Journal", "GQ", CNN oder der ORF. Über das Roboter-Planetarium hat zum Beispiel das US-Techblog "TechCrunch" berichtet - und auf Kilians Website verlinkt. 74 Euro kostet das Gadget, plus Versandkosten.

Das ist nicht gerade günstig. "Es gibt tolle Sachen für zehn Euro, aber da wären dann die Kosten für den Versand doppelt so hoch", sagt Kilian. "Außerdem ist der Aufwand für uns derselbe wie für ein teureres Produkt, da rechne ich dann einfach nach." Rückwärts-Stimmrecorder, Nasenklemmen, Katzenroboter, Unterwäsche - zu kaufen gibt es Kurioses wie Nützliches. Das Endoskop war der Einstieg in das Gadget-Geschäft, vorher arbeitete Kilian als Trendforscher und berichtete von Mobiltelefonen mit Farbdisplays und Kamera, als in Europa klobige Telefonknochen gerade mal SMS verschicken konnten.

Kilian erzählt: "Ich hatte gar keine großen Erwartungen: Wer guckt sich mit sowas schon ins Ohr?" Doch das Endoskop verkauft sich gut - die Kunden nutzen das Gerät für alle möglichen Zwecke, für die Reparatur von Faxmaschinen und zur Inspektion von Motoren. "Wir haben das Endoskop dann mit dem Hersteller für solche Zwecke weiterentwickelt." Doch viele Produkte kleiner Hersteller, die es in Shibuya oder dem Technik-Mekka Akihabara zu kaufen gibt, schaffen es nicht nach Europa oder Amerika.

26-seitige Verträge

Drei Gründe gebe es dafür, sagt Kilian. "Der japanische Handel ist nach wie vor vertikal aufgebaut, da gibt es Hersteller und Großhändler, alles sehr rigide. Die wollen dann gleich 20.000 Stück verkaufen - aber kaum ein Händler will sich das Lager vollstellen, noch dazu mit unbekannten Produkten." Die großen Konzerne, die sich eine Auslandsvertretung leisten, stellen natürlich eine Ausnahme dar. Und Handelsketten wie Tchibo ordern erfolgversprechende Ware gleich containerweise.

Nächster Grund: "Sich mit Verpackungsverordnungen auseinanderzusetzen und ein CE-Siegel zu beantragen, das lohnt sich alles nicht für ein paar hundert Stück von einem Artikel." Mit dem CE-Zeichen wird die Einhaltung europäischer Richtlinien angezeigt. Schließlich sei man nicht in China, wo der Aufkleber einfach aufgeklebt werde, auch ohne Prüfung. Dritter Punkt: die Verträge. "Wenn ein Händler einen 26-seitigen Vertrag nach Japan rüberschickt, ob jetzt auf Englisch oder auf Deutsch, dann kann man den schlecht zu einem beliebigen Übersetzer geben. Da steigen die meisten kleinen Hersteller schon aus."

Kilian spricht mittlerweile genug japanisch, um Geschäfte machen zu können - und um das CE-Zeichen muss er sich nicht kümmern, weil er seinen Laden in Tokio betreibt. Drei bis vier Werktage dauert es, bis ein Paket in Deutschland ankommt - nach den USA, wohin er rund 80 Prozent seiner Ware schickt, der zweitwichtigste Absatzmarkt seines Online-Shops.

Jede Woche stellt er zwei bis drei neue Produkte in den Shop ein, die er bei seinen Recherchen in Japan gefunden hat. Bei einigen weiß er schon vorher, dass er nur wenige Exemplare verkaufen wird, weil sie so skurril sind: Samurai-Unterwäsche für 140 Euro? Solche "weißen Elefanten" gehören dazu. So lockt Inspektor Gadget Blogger auf seine Website. Deren Berichte schicken wieder neue Besucher vorbei, die dann vielleicht ein anderes Produkt tatsächlich kaufen.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Skurril
Hercules Rockefeller, 07.11.2011
Der R2D2 ist doch spottbillig, immerhin gibts in dem Laden USB-Sticks nicht unter 90€ für das Gigabyte! Freu mich ja, dass der Mann Erfolg hat, zumal er im Ausland damit gestartet ist. Aber bei manchen Preisen muss er wohl noch nachbessern, sonst schnappen ihm die Chinesen den Kunden weg. Die nehmen keine 200 Mark für einen Winz-USB-Stick...
2. prozente
marsupilama 07.11.2011
80% seiner Waren gehen auf seinen zweitwichtigsten Markt USA. Auf seinen wichtigsten Markt sollte er dann mindestens 81% liefern. Viellleicht muss er da auch noch mal nachrechnen...
3.
makutsov 07.11.2011
Ja, ganz tolle Schleichwerbung für einen Laden, der Produkte verkauft, die es hier für einen Zehntel des Preises gibt! Atemfrischtester gibts auch bei uns. Für 5 Euro statt 80 Dollar! Totale Abzocke ist das, und ich frage mich, ob diese Produkte überhaupt die nötigen Zertifikate für den ausländischen Markt besitzen. Ich sag nur CE, WEE, ROHS, EAV etc.!
4. Nochmal nachlesen
chris38083 07.11.2011
Zitat von marsupilama80% seiner Waren gehen auf seinen zweitwichtigsten Markt USA. Auf seinen wichtigsten Markt sollte er dann mindestens 81% liefern. Viellleicht muss er da auch noch mal nachrechnen...
Deutschland ist der 2twichtigste Markt nach den USA, wohin er 80% schickt... vielleicht nochmal nachlesen, fuer mich macht das Sinn. :) Cheers
5. Skurril?
avollmer 07.11.2011
Zitat von chris38083Deutschland ist der 2twichtigste Markt nach den USA, wohin er 80% schickt... vielleicht nochmal nachlesen, fuer mich macht das Sinn. :) Cheers
Dazu muss man von Schaltsätzen, eingeschobenen Hauptsätzen oder der Parenthese gehört haben. Aber anscheinend ist deren Anwendung – noch viel mehr als das früher der Fall war – unangebracht. Ich habe mir auch vorgenommen - aus gegebenen Anlass - die Schaltsätze in Gedankenstriche - statt in Kommata - zu setzen, um es dem Leser leichter verständlich zu machen. Nun, auch das kann - im Übermaß - daneben gehen. Ohne Mitdenken des Lesenden geht es demnach nicht. Aber vielleicht gibt es demnächst ein Gimmick aus Tokio, das bei Bedarf die Sätze entwirrt und vordenkt.
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