Smart Home im Eigenbau Die Sensorenresidenz

Die Wohnung von Marco Maas ist ein echtes Smart Home. Alles ist vernetzt, von der Heizung bis zur Lampe, von der Wohnungstür bis zur Waage. Das schafft Komfort, aber auch eine Menge Daten. Und manchmal kommt die Wohnung durcheinander.

Von und


Einmal wollte Yong-Er den Fernseher einschalten, aber das ging nicht, denn sie war allein zu Hause. Ihr Freund Marco war ziemlich weit weg, in den USA nämlich. Yong-Er wollte trotzdem fernsehen. "Mit der Fernbedienung ging das aber nicht, und die richtige App hatte ich nicht." Also schrieb sie Marco eine Nachricht, und das half: Er schaltete den Fernseher für sie ein - von der anderen Seite des Atlantiks aus.

Yong-Er Wu, 30, und Marco Maas, 38, wohnen in der vermutlich bestvernetzten Zweizimmerwohnung Deutschlands. Er ist Datenjournalist und "ein klassischer 'early adopter'", wie er von sich selbst sagt, jemand der "Sachen gerne ausprobiert". Sie dagegen gibt beruflich Klavierstunden, modelt gelegentlich - und hat an der ganzen Technik im Grunde kaum Interesse. Nur, dass man jetzt in der ganzen Wohnung auf Knopfdruck chinesisches Radio hören kann, findet sie gut.

Die beiden leben in einer 65 Quadratmeter großen Mietwohnung in einem Sechzigerjahre-Hochhaus im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Anders als in den 87 anderen Wohnungen reden hier - theoretisch - viele Geräte miteinander, mittlerweile über 100: die Heizung mit den Bewegungsmeldern an Türen und Fenstern, die Wetterstation mit der Beleuchtung, die Steckdosen mit Marcos Handy, die Waage mit dem Internet. Genaugenommen kommunizieren fast alle Geräte auch mit irgendwelchen Servern in den Weiten des Netzes. Nur die kleine Abstellkammer ist von der Vernetzung ausgeschlossen.

So ein Smart Home sollen künftig viele Menschen bewohnen, wenn es nach den Herstellern der entsprechenden Technik geht. Es soll Energie sparen - zum Beispiel, indem es Beleuchtung und Heizung anpasst, je nachdem, wer gerade zu Hause ist. Und es soll vor Einbrechern schützen - das ist die Funktion, die aktuellen Repräsentativdaten von Infas zufolge die meisten Menschen am Konzept Smart Home interessiert.

"Wenn wir es nicht hätten, wäre es nicht schlimm"

Marco und Yong-Er leben schon in so einem Smart Home, ihres ist aber selbstgebastelt. Die Komponenten stammen von den unterschiedlichsten Herstellern, kommunizieren über diverse Funkstandards miteinander und arbeiten doch - meistens - harmonisch zusammen. "Das kann schon dabei helfen, ein angenehmeres Wohnen zu haben", sagt Marco. "Wenn wir es nicht hätten, wäre es auch nicht schlimm", sagt Yong-Er.

Das vernetzte Heim hat für Marco Maas neben dem Spaß am Basteln auch einen ernsten Hintergrund: "Was dabei für Daten abfallen, ist den meisten Menschen in keiner Weise bewusst", sagt er. Zusammen mit Kollegen von der Agentur OpenDataCity hat er für SPIEGEL ONLINE deshalb zweimal umfangreiche Messungen durchgeführt: über die reine Anzahl der in so einer Wohnung erfassten Ereignisse (siehe Grafik unten) und über die Menge an Daten, die das smarte Heim ständig ins Internet verschickt. Beides haben wir grafisch aufbereitet, um zu verdeutlichen, was Smart-Home-Technologie tatsächlich bedeutet - auch, was den Datenschutz angeht.

Wer Marco und Yong-Er besucht, bekommt aus einem überdimensionalen Hausschuh ein kleineres Paar Besucherpantoffeln gereicht. "Wir sind ja schließlich ein halbasiatischer Haushalt", sagt Marco. Auf Filz geht es dann über hellen Laminatboden durch die Wohnung, die auf den ersten Blick gar nicht nach Hightech aussieht: Vorbei an Wäscheständer und Fahrrad im Flur kommt man ins Wohnzimmer. An der Stirnseite steht ein Klavier und mitten im Raum ein Bügelbrett, als wäre es morgens in Eile noch benutzt worden. Auf dem Ikea-Regal glitzern Pokale. "Vom Pokern", sagt Marco, "wir spielen beide, ich gewinne die kleinen Turniere, sie die großen."

Auf den zweiten Blick entdeckt man Technik in jeder Ecke: Am Boden neben dem Regal leuchtet grün die Lampe des Staubsaugerroboters, der einmal täglich surrend seine Runden durch die Wohnung zieht. "Viel zu laut", sagt Yong-Er über das Gerät, aber deshalb saugt es eben dann, wenn keiner zu Hause ist. Was schon für Ärger gesorgt hat, aber dazu später.

Rechts von den Pokalen leuchten noch mehr Statuslämpchen. Die Haussteuerung liegt in einem Regal in der Ecke hinter der Tür. Hier türmen sich Kabel und Router, ein selbst zusammengesteckter Wirrwarr, so scheint es zunächst, aber jedes Kästchen hat sein Arbeitsfeld: die Heizung, das Licht, das eine WLAN, das andere WLAN.

Marco wischt auf seinem Smartphone herum, plötzlich wird das Licht blau, später zeigt er ein kaltes und ein warmes Weiß, ein paar Wischbewegungen weiter tönt plötzlich Sting aus den Lautsprechern.

Weil nicht alle Daten, die durch die Wohnung und aus der Wohnung herausfließen, über Marcos normalen WLAN-Anschluss laufen sollen, hat er sich ein zweites Funknetz eingerichtet, einen eigenen Anschluss für das Internet der Dinge. Verknüpft werden all die Gerätschaften mit einer Zentrale von der Firma SmartThings. Sie sorgt beispielsweise dafür, dass das Licht im Flur angeht, wenn der Sensor im Flur einen Besucher vermeldet und draußen schon die Sonne untergegangen ist.

Die Geräte produzieren Unmengen an Daten, wie der folgende Mitschnitt exemplarisch zeigt:

Eine der Lampen im Wohnzimmer verändert ihre Farbe zum Beispiel von weiß nach rot, wenn der Kohlendioxidgehalt der Luft zu stark ansteigt. Diese Information wiederum liefert der Innenraumsensor der vernetzten Wetterstation. Die Wohnung sagt ihren Bewohnern quasi, dass sie mal wieder lüften sollten.

"Die Wohnung dachte, es ist jemand da" - dann kam die Polizei

Wenn Marco von seiner Wohnung spricht, wird sie überhaupt oft zur handelnden Person: "Die Zeitumstellung hat die Wohnung verwirrt", sagt er zum Beispiel, oder "die Wohnung dachte, es ist jemand da".

Als die Wohnung einmal dachte, es wäre jemand da, hatte das ziemlich peinliche Folgen. Marco war seine Umhängetasche gestohlen worden, darin: Geldbeutel mit Visitenkarten, also mit seiner Adresse - und der Wohnungsschlüssel. Als Marco wenig später eine Nachricht aufs Handy bekam, die ihn darüber informierte, dass der Türöffnungssensor gerade ausgelöst worden war, und außerdem der Bewegungsmelder im Wohnzimmer Bewegung meldete, wurde er nervös.

Er ging zur nächsten Polizeiwache, wo die Beamten einen Streifenwagen zu ihm nach Hause schickten und ihn aufforderten, sich dort mit den Polizisten zu treffen. Die Wohnungstür war zu, aber "der Schlüsseldienst kommt erfreulich schnell, wenn die Polizei da ist", sagt Marco.

Mit der Hand an der Waffe gingen die Beamten hinein - aber niemand war zu Hause, auch kein Einbrecher. "Vielleicht hatte jemand an der Tür gerüttelt und den Sensor ausgelöst", sagt Marco. Warum aber war der Bewegungsmelder im Wohnzimmer angesprungen? Vielleicht weil der Roboterstaubsauger sich bewegt hatte. Ein bisschen peinlich war das schon, aber "die Polizisten haben sehr nett reagiert", sagt Marco. Die Beamten hätten sich brennend für all die verbaute Technik interessiert und "einer der beiden will seine eigene Wohnung jetzt auch mit Bewegungsmeldern ausrüsten".
Für SPIEGEL ONLINE haben Marco Maas und seine Kollegen all die Daten, die seine Wohnung so ins Netz schickt, über einen längeren Zeitraum mitgeschnitten. Die Ergebnisse sind erstaunlich. Sehen Sie hier die Datenauswertung.

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Mitarbeit: Christina Elmer, Chris Kurt



insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
waldschrat72 12.11.2015
1. Na wer es mag.
Warum nicht. Ob sich elektromagnetisch eher sensibel eingestellte Menschen angesichts der ganzen verbauten und miteinander verbundenen Apparaturen noch wohl fühlen könnten in diesem Zuhause. Ich wag´s fast zu bezweifeln. Und noch etwas zeigt der Artikel schön offen und krass: es sind eben immer noch einfach nur dumme Maschinen, die da am Werk sind. Von wirklich "Smart" kann ja da wohl keine Rede sein. Davon sind wir wohl noch ein paar Jahre Entwicklungszeit entfernt. Und solange ruht eine Entscheidung zu solcher Einrichtung für mich persönlich auf Eis.
BraunbärHH 12.11.2015
2. Selber Fenster öffnen?
Man muss manuell das Fenster öffnen? Keine Lüftungsanlage mit KNX? Armselig. ;)
les2005 12.11.2015
3. Früher...
früher haben solche Leute wahrscheinlich als Erwachsene mit der Eisenbahn gespielt. Jetzt wird halt die Wohnung verdrahtet. Beides weitgehend sinnfrei aus meiner Sicht.
secura 12.11.2015
4. Sweet Home
Smart Home ist, wenn der Kühlschrank den Fernseher einschaltet und dann das Programm wählt.... Ob Smart Home auch immer sweet home ist.... Hans-Peter Oswald
haifasuper 12.11.2015
5. Beneidenswert?
Ich denke nicht. Auch wenn es Zukunftsmusik ist, und ich einem Smart-Home nicht gänzlich abgeneigt bin, so bin ich doch froh, dass bei mir nur der Kühlschrank strom zieht wenn ich ausser Haus bin.
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