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05. November 2015, 16:48 Uhr

Smart Home

Mein Haus ist zu dumm

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Das hätte nicht passieren dürfen: Unser Haus ist ziemlich jung und voller nagelneuer Technik. Doch die hat versagt - zuerst schmatzte es in den Wänden, dann lief der Keller voll mit Wasser. Hätte ein Smart Home womöglich geholfen?

Am Ende stand der Keller voller Wasser. Davor hatte es in den Wänden gerumpelt, wochenlang. Beides, das wurde schließlich klar, waren eigentlich nur Symptome: dafür, dass unser doch schon mit Technik vollgestopftes Heim offenbar nicht smart genug ist. Kein Smart Home, sondern ein dummes Zuhause.

Wissen Sie, was "Smart Home" bedeutet? Nein? Dann sind Sie in guter Gesellschaft. 43 Prozent der Deutschen können repräsentativen Infas-Zahlen zufolge nichts mit dem Begriff anfangen, 35 Prozent haben ihn schon einmal gehört, wissen aber nicht, was sich dahinter verbirgt. Nur ein Prozent berichtet, selbst Smart-Home-Technik zu Hause zu nutzen. Zu denen werde ich jetzt notgedrungen auch bald gehören. Wegen dieser Pumpe.

Als es in den Wänden zu schmatzen und zu klopfen begann, glaubten wir anfangs, ein Vogel habe sich in die Leitungen der Lüftungsanlage verirrt. Wir klopften an Rohre, spähten in Stutzen und riefen Fachleute. Auch die klopften an Rohre, spähten in Stutzen, schraubten Abdeckungen ab und rüttelten an Schläuchen. Ohne greifbares Ergebnis. Man hätte das Haus gern gefragt, was los ist, aber es ist ja dumm und kann nicht antworten.

Tatsächlich, aber das fanden wir erst nach Wochen heraus, war Folgendes passiert: Um unser Haus herum nehmen Drainage-Schächte überschüssiges Wasser auf und leiten es in einen Hauptschacht. In dem hängt eine Pumpe, die das Wasser vom Grundstück herunterbefördert. Als die Pumpe ausfiel, staute sich das Wasser rund ums Haus, drang irgendwann durch die Wand und auf die Bodenplatte des Kellers. Unter dem Estrich richtete es sich unsichtbar ein und kroch irgendwann auch in die Leitungen der Entlüftungsanlage, die dort verlaufen. So eine Anlage braucht man in einem gut abgedichteten Niedrigenergiehaus, damit sich kein Schimmel bildet.

Nach mehreren Wochen mit Schmatzgeräuschen, erfolglosen Ermittlungen und Handwerkerbesuchen stand schließlich kristallklares Regenwasser im Keller. Unter dem Estrich war kein Platz mehr. In der Folge wurden Löcher in den Fußboden gebohrt und für Wochen röhrende und heiße Trocknungsgeräte aufgestellt. Überall stolperte man über Schläuche und Kabel, die Luftfeuchtigkeit sank auf gesundheitsschädliche Werte. Es war, als versuchten Aliens, unseren Keller für sich bewohnbar zu machen.

Pumpe kaputt, Alarm geht nicht, alles Mist

Eigentlich hat die Pumpe ein Alarmsystem, bei einem Ausfall soll eine laute Sirene ertönen. Allein: Das funktionierte nicht. Die Pumpe pumpte nicht, der Alarm blieb stumm, das Wasser kam ins Haus. Tatsächlich hätte all das sogar passieren können, wenn die Sirene funktioniert hätte - wir hätten bloß im Urlaub sein müssen.

Und da kommt jetzt wieder das Thema Smart Home ins Spiel. Wäre es nicht toll, wenn die Pumpe eine SMS verschickt, wenn sie ausfällt? So etwas geht, tatsächlich ist es mittlerweile sogar in Arbeit. Bald schon wird uns eine Nachricht aufs Handy auch in der Ferne warnen, wenn das Wasser sich wieder aufzustauen droht. Wir könnten dann freundliche Nachbarn oder Verwandte einspannen, um das Problem zu beheben.

Zum ersten Mal leuchtet mir ein, dass es sinnvoll sein könnte, noch mehr Dinge in meinem Haus mit dem Internet zu verbinden. Denn so müsste so ein SMS-Warner ja funktionieren: Ein Sensor merkt, dass die Pumpe nicht mehr pumpt oder das Wasser steigt, und verschickt, vermutlich über unser WLAN, eine SMS. Ohne Netzverbindung geht das nicht, das WLAN müsste im Urlaub anbleiben. Die Pumpe aber wäre plötzlich ein Mitglied des sogenannten Internets der Dinge.

Der sprichwörtliche Kühlschrank interessiert nur wenige

Genau dieser Aspekt, Sicherheit und Kontrolle, leuchtet offenbar vielen Menschen am ehesten ein, wenn es um das Thema Smart Home geht. 70 Prozent fänden es den bisher unveröffentlichten Infas-Zahlen zufolge zum Beispiel gut, wenn ein schlaues Heim sie warnte, wenn bei ihnen zu Hause Fenster oder Türen geöffnet werden. Allgemein die "Sicherheit in meinem Zuhause erhöhen" würde immerhin noch knapp über die Hälfte der Befragten gern auf diesem Weg (siehe Grafik).

Für den mittlerweile fast sprichwörtlichen Kühlschrank, der per App seinen Inhalt mitteilt, interessieren sich dagegen nur 19 Prozent der Befragten. Nur ein knappes Viertel der Befragten würde gern alle technischen Geräte aus der Ferne steuern. Immerhin 48 Prozent interessieren sich aber für eine weitere oft zitierte Beispielanwendung: die eigene Heizung per App aus der Ferne einschalten zu können, um Heizkosten zu sparen.

Das allerdings hat in einem Niedrigenergiehaus, in dem die Fußbodenheizung ihre Temperatur nur sehr langsam ändert, ohnehin wenig Sinn, außerdem lässt sich so eine Heizung auch jetzt schon auf "2 Wochen Urlaub" programmieren. Und ein App-bedienbarer Kühlschrank gehört im Moment auch nicht zu meinen Bedürfnissen.

Und so wird die hoffentlich bald smarte Pumpe dann vorerst das einzige vernetzte Stück Haustechnik in unserem dummen Heim bleiben.

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