Handy-Trend Das sollten Sie über Smartphones aus Glas wissen

Wer ein modernes Smartphone sucht, landet heute schnell bei Geräten mit Vorder- und Rückseiten aus Spezialglas. Was genau hat es damit auf sich? Und überstehen die Glas-Handys mehr Stürze als andere?

Robert Günther/ DPA/ TMN

Geschwungene Form, gerundete Kanten, Glas vorne wie hinten. Spätestens seit dem iPhone 4 ist klar: Nicht nur die Front, auch die Rückseite eines Smartphones kann aus Glas sein. Das hat einige Vorteile. Nicht nur, dass es in den Augen vieler Designer und Nutzer schöner aussieht. Durch das Glas können Funksignale der darunter verbauten Antennen besser dringen als durch Metallhüllen, auch drahtloses Laden über Induktion ist bei Smartphones mit Glasrücken möglich.

Das für Smartphones genutzte Glas hat dabei kaum etwas mit dem Glas zu tun, aus dem Trinkgläser oder Fensterscheiben gemacht sind, sagt Ralf Müller von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM). Bei den Gläsern mit Produktnamen wie Gorilla oder Dragontrail handelt es sich vielmehr um aufwendig hergestelltes Spezialglas.

"Diese Gläser sind chemisch gehärtet", sagt Müller. Durch Tauchbäder in einer Salzschmelze wird die Oberfläche unter starke Druckspannung gesetzt. Das macht die an sich von vielen winzig kleinen Rissen durchzogene Glasoberfläche sehr widerstandsfähig gegen Schäden. Kratzer und Schläge können dem Glas nach der Härtung nicht mehr so viel anhaben, und es wird enorm biegsam.

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Handy-Trend: Smartphones mit Spezialglas

Unzerstörbar? Mitnichten

Aller chemischen Behandlung zum Trotz: Unzerstörbar sind die Smartphonegläser nicht. Jeder Nutzer mit "Spider-App" kann davon ein Lied singen. Die Härtung schützt zwar vor vielen Schadensszenarien, aber es braucht nur genug Kraft auf kleiner Fläche, und auch das beste Glas springt. Aber warum - von den erwähnen Vorteilen bei Funk und drahtloser Ladung abgesehen - setzen die Hersteller auf Glas?

"Kunststoff wäre auch gegangen", sagt Dirk Lorenz von der Stiftung Warentest. "Aber es geht halt um das hochwertige Aussehen". Displays, die scheinbar um die Ecke fließen, schlanke Formen oder eine Rückseite ohne Durchbrüche lassen sich mit Glas elegant erreichen.

Nicht immer geht das gut, das zeigt sich im Alltag vieler Menschen, aber auch im Härtetest der Stiftung Warentest. Sie testet in ihrer gefürchteten Falltrommel die Stabilität von Smartphones und prüft verbautes Glas auf Kratzfestigkeit.

Erstmal gibt es nur die Herstellerversprechen

Was Dirk Lorenz festgestellt hat: Nicht alle Smartphones aus Glas schneiden hier gleich gut ab, aber auch nicht alle Glastelefone schneiden schlecht ab. Ein wenig liegt das am Design. "Durch das abgerundete Design fallen einige Geräte leichter auf Glas." Warum dabei manche Geräte eher splittern als andere, hängt am Ende von vielen Faktoren ab, sagt der Warentester.

Zwei Beispiele: Samsungs Galaxy S8 und Apples iPhone X überstanden die Falltrommel mit schweren Schäden, der Nachfolger S9 und das ebenfalls aktuelle iPhone 8 wiederum trugen kaum Blessuren davon.

Wie stabil ein Glas-Smartphone am Ende ist, wie kratz- oder bruchfest ein Spezialglas ausfällt, lässt sich im Vorfeld schlecht abschätzen. Käufer müssen sich letztlich erstmal auf Herstellerversprechen verlassen.

Und was bedeutet es nun, wenn Gorilla-, Saphir-, Dragontrail- oder ein anderes Superglas im Telefon steckt? Aus Nutzersicht heiße das, dass die Wahrscheinlichkeit für Bruchschäden sinkt, sagt Wolfgang Pauler, Leiter des Testzentrums der Fachzeitschrift "Chip". Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Eine Garantie gegen gebrochene Scheiben gibt es nicht.

Am besten die Oberfläche schützen

Deswegen müssen die Glastelefone trotz aller Ingenieurskunst und Härte am besten von allen rohen Kräften ferngehalten werden. "Das Beste, was man für sein Glas tun kann, ist die Oberfläche zu schützen", sagt BAM-Experte Ralf Müller. Denn nicht nur Stürze und Schläge, auch Kratzer durch kleine Partikel schädigen das Glas auf Dauer, und ein geschwächtes Glas hält weniger aus.

Warentester Dirk Lorenz rät Nutzern, denen ihr Telefon öfter mal herunterfällt, zur Schutzhülle oder auch einem eher robusteren Design. Das können etwa Telefone mit Metallrahmen oder mit gummierter Rückseite sein.

"Das ist eigentlich schon absurd", sagt Wolfgang Pauler. "Man kauft sich ein superelegantes Gerät und packt es erstmal in eine Hülle." Aber gerade ein guter Kantenschutz kann den Unterschied machen, falls das Gerät zu Boden geht. Schließlich fallen die Telefone eher selten flach auf das Glas sondern zunächst einmal meist auf die Kanten.

Auch eine Schutzfolie für das Display ist sinnvoll. Sie wehrt nicht nur Kratzer von Staub in der Hosentasche ab, sondern schützt das Glas auch bei Stürzen und vor harten oder spitzen Gegenständen.

Eine Folie kann auch eine gute Erste-Hilfe-Maßnahme gegen Risse im gesplitterten Display sein. Manchmal lassen sich so beginnende Risse noch eindämmen, bevor eine teure Reparatur nötig wird. Glasexperte Müller warnt aber: "Je größer der Riss, desto weniger belastbar ist das Glas in der Folge." Und je größer der Riss, desto größer sei auch die Chance, dass er bald weiterwächst.

Till Simon Nagel, dpa/mbö



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MyMoon 06.09.2018
1. Gewicht
Da ein handy jetzt ein Gegenstand geworden ist der täglich sehr oft aus der Tasche gezogen wird und dauernd "betascht" wird ist die Gefahr sehr hoch das es immer mal wieder auf den Boden fällt. Glas mag ja schön sein ,aber es ist nun mal sehr zerbrechlich. Und gerade das das Smartphone dann in eine Hülle gesteckt wird um es zu schützen zeigt wie Absurd es ist beim Handy nur aufs Aussehen zu schauen. Wichtiger ist das Display und die inneren Werte. Ein wichtiger Nachteil ist das Gewicht , durch Kunststoff oder Naturmaterialien (speziell behandelter Hanf,Pappe...) könnte man Festigkeit mit Gewichtsreduzierung verbinden, da sind die Hersteller noch nicht so weit wie andere Industrien.
topas 06.09.2018
2.
"Aber es geht halt um das hochwertige Aussehen" ... Wo bleibt denn das "design follows function"? Zuerst hat das Gerät benutzbar zu sein, dann kann es schön aussehen. Da wird das schicke Handy in einer Hülle versteckt. Dadurch "wandert" der Fingerprintsensor von der freien Rückseite (die ja durch die Hülle verdeckt wird) wieder nach vorn und streitet sich mit dem Display, das ja auch möglichst platzausnutzend sein soll (Stichwort Notch) um jeden Millimeter. Da man so keine Einhandbedienung hinbekommt muss man sich eine Smartwatch kaufen, um halbwegs einfach an angezeigte Informationen zu kommen. Und ohne Hülle sind die Dinger auch so rutschig... es gab zum Beispiel beim OnePlus One eine Art "Sandpapier"-Rückseite, die lag griffig in der Hand, das Gerät ich nicht bei 2% Neigung sofort losgerutscht.
mopsfidel 06.09.2018
3. Display aus Pappe!?
Zitat von MyMoonDa ein handy jetzt ein Gegenstand geworden ist der täglich sehr oft aus der Tasche gezogen wird und dauernd "betascht" wird ist die Gefahr sehr hoch das es immer mal wieder auf den Boden fällt. Glas mag ja schön sein ,aber es ist nun mal sehr zerbrechlich. Und gerade das das Smartphone dann in eine Hülle gesteckt wird um es zu schützen zeigt wie Absurd es ist beim Handy nur aufs Aussehen zu schauen. Wichtiger ist das Display und die inneren Werte. Ein wichtiger Nachteil ist das Gewicht , durch Kunststoff oder Naturmaterialien (speziell behandelter Hanf,Pappe...) könnte man Festigkeit mit Gewichtsreduzierung verbinden, da sind die Hersteller noch nicht so weit wie andere Industrien.
Manchmal merkt man bereits an den einfachsten Ideen, wie wenig Technikverständnis manche an den Tag legen. Nun werden Sie mir wahrscheinlich entgegnen, dass sich die Idee vielmehr auf die Rückseite bezogen hat. Auch hier sind Naturstoffe wenig nützlich. Selbst mit irgend einer Spezialbehandlung bleiben sie relativ biegsam, nehmen Feuchtigkeit auf, sind nicht kratzfest und damit wahrscheinlich auch nicht bruchfest (nicht verwechseln mit splitterfest). Künstliches Glas ist meiner Ansicht nach die (derzeit) beste Kombination aus Kompromiss und Anforderung. Und wie aktuelle Tests zeigen, können solche "Glas"-Smartphones auch Stürze unbeschadet überleben. Zudem gibt es auf dem Markt mannigfaltige Auswahl: Glas, Alu, Kunststoff, .. für jeden ist etwas dabei.
Newspeak 06.09.2018
4. ...
"Das ist eigentlich schon absurd", sagt Wolfgang Pauler. "Man kauft sich ein superelegantes Gerät und packt es erstmal in eine Hülle." Es ist nicht "eigentlich" absurd, es ist absurd. Es zeigt, dass Hersteller die Funktion von Design nicht verstehen. Es geht vor allem um Aesthetik, aber nicht um praktische Nutzbarkeit. Als ich mein neues Smartphone das erste Mal in der Hand hatte, war es wunderschoen anzusehen, aber so duenn und glatt, dass es ein Wunder war, dass es nicht sofort aus der Hand gerutscht ist. Nach einem Mal Anfassen befanden sich auf der Rueckseite aus Metall schon Fingerabdruecke, die interessanterweise auch durch einfaches Wischen nicht ganz verschwunden sind. Der aesthetische Nutzen des Smartphones war also ungefaehr eine Minute nach dem Auspacken und Anfassen verschwunden. Jetzt steckt es in einer praktischen Huelle, die alle Aesthetik ruiniert, aber dafuer kann man es jetzt sicher benutzen.
meister_proper 06.09.2018
5. Ich hätte gerne wieder ein High-End Smartphone aus Kunststoff
Mein altes Nokia N9 hat viele Stürze und andere Unfälle ausgehalten und sieht immer noch (fast) wie neu aus. Der Polycarbonat-Unibody mit Gorillaglas-Display hat exzellente Empfangseigenschaften, sieht stylish aus und ist extrem robust. Sowas gibt's derzeit nicht zu kaufen.
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