Experiment mit Handynutzern Das Smartphone als Langeweile-Detektor

Genug durch die Apps gewischt, jetzt gibt es etwas zu tun: Anhand des Smartphone-Nutzungsverhaltens wollen Forscher Langeweile erkennen - und im richtigen Moment die richtige Ablenkung liefern.

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Warten am Bahnhof: In "Füllzeiten" wird das Smartphone herausgezogen
DPA

Warten am Bahnhof: In "Füllzeiten" wird das Smartphone herausgezogen


Lassen sich menschliche Gemütszustände mithilfe künstlicher Intelligenz erkennen? Dieser Frage widmen sich Wissenschaftler bei Telefonica Research, der Forschungsabteilung des spanischen Telekommunikationsunternehmens.

Ein Forscherteam hat dabei einen Algorithmus entwickelt: Dieser soll durch die Analyse mehrerer Nutzer-Verhaltensweisen und Bewegungsmuster eines Smartphones feststellen, wie gelangweilt sein Besitzer ist. Das Konzept (hier als PDF) soll in der kommenden Woche auf der UbiComp vorgestellt werden, einer Fachmesse im japanischen Osaka.

Um herauszufinden, was als Langeweile-Faktor angesehen werden kann, sollten die insgesamt 54 Probanden den jeweiligen Grad ihres Gelangweilt-Seins mitteilen - per Android-App, mehrmals am Tag, zwei Wochen lang. Die Antworten wurden dann in Beziehung zu weiteren Daten gesetzt, darunter die Zahl genutzter Apps und die Information, wie intensiv das Handy für Anrufe oder SMS verwendet wurde. Beide Werte seien mit dem Niveau der erfassten Langeweile nach oben gegangen.

Um ihre Ergebnisse weiter zu prüfen, entwickelten die Forscher eine zweite App, die auf Basis der gewonnenen Daten selbstständig schlussfolgern sollte, ob und wann ein Proband sich langweilte. War das der Fall, schlug die Software dem Studienteilnehmer vor, einen Artikel des Unterhaltungsportals Buzzfeed zu lesen. Dabei stellte sich den Forscher zufolge heraus, dass mit dem Grad des Gelangweilt-Seins auch die Bereitschaft stieg, den empfohlenen Text zu lesen.

Lernen statt langweilen

Die Wissenschaftler berichten, dass sich mithilfe des Algorithmus recht zuverlässig erkennen ließ, ab wann sich ein Proband tatsächlich langweilte. Die Trefferrate soll bei bis zu 83 Prozent gelegen haben.

Natürlich bleiben mehrere Fragen offen: M. Ehsan Hoque, Computerwissenschaftler an der Universität von Rochester, etwa wies darauf hin, dass der Algorithmus möglicherweise gar keine "wirkliche" Langeweile detektieren könne. Derlei Prozesse liefen zumeist unterbewusst ab. Eine Aufgabenstellung, die auf der bewussten Angabe der Probanden über ihren Gemütszustand beruhe, liefere dabei womöglich keine validen Daten.

Auf der anderen Seite eröffne die Möglichkeit, die geistige Verfassung eines Menschen besser einschätzen zu können, neue Felder etwa in der Medizin. "Wir wissen, das Langweile eine Vorstufe zu Depressionen sein kann. Wenn Sie also erkennen, dass jemand sich langweilt, können Sie etwas dagegen tun."

Der richtige Moment für nervige Aufgaben

Tilman Dingler, Medieninformatiker an der Universität Stuttgart und einer der Co-Autoren der Studie, ist an einem anderen Aspekt des Projekts interessiert. Er möchte herausfinden, welche Inhalte Menschen als Ablenkung bevorzugen, wenn sie sich langweilen. Dabei sei zu klären, ob dazu auch Lernaktivitäten gehören könnten, etwa das Lernen einer Fremdsprache.

Bei Nutzerbeobachtungen habe er festgestellt, dass ein Smartphone häufig in "Füllzeiten" herausgezogen wird, zum Beispiel in Wartesituationen an der Bushaltestelle, so Dingler zu SPIEGEL ONLINE. In solchen Situationen werde dann häufig das Smartphone gezückt, damit verschiedene Apps abgeklappert werden könnte: Facebook, Twitter, das Angebot einer Zeitung, das E-Mail-Programm, zurück zu Facebook. Hier setze die Mustererkennung für solche Situationen an, um daraus die Empfänglichkeit der Nutzer für Stimuli abzuleiten.

An der Uni Stuttgart beschäftige man sich vor allem mit dem Thema Wissensaufnahme. Zudem soll auch erforscht werden, inwieweit Langeweile Spielräume für Kreativität schafft. In der Praxis müsste das Smartphone die Aufmerksamkeitskurve des Nutzers über den Tag kennen. So könnten beispielsweise To-do-Listen dynamisch angepasst werden. Aufgaben, die hohe Aufmerksamkeit erfordern, würden in Momenten mit passendem mentalen Zustand abgearbeitet.

Auch Unternehmen könnte die Technik Dingler zufolge weiterhelfen, etwa im Bereich der dynamischen Preisgestaltung. Händler könnten etwa die jeweilige Aufmerksamkeit und Empfänglichkeit des Nutzers in Echtzeit in Erwägung ziehen. Grundsätzlich gehe es aber um eine viel fundamentalere Frage im Umgang mit Computern, so der Forscher: um die Frage, ob "Technologie uns tatsächlich nur noch dann Aufmerksamkeit abverlangt, wenn die Situation es erlaubt".

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
gustavredlicher 04.09.2015
1. Gut...
dass wir mal darüber gesprochen haben...
ornitologe 04.09.2015
2. Ein Handy
bzw. Smartphon kann außer Ablenkung schon einiges mehr. Z.Bsp. Gruppen initiiieren, Gruppen anleiten und ggf. auch instruieren und steuern. Taktische oder geographische Informationen bereitstellen oder Strukturen in Gruppen bilden. Ein Handy ist schon sehr universell einsetzbar...
ford_mustang 04.09.2015
3. Langeweile
gehört zum Leben dazu. Eine Möglichkeit dem Gehirn mal eine Pause zu gönnen. Langeweile beginnt immer im Kopf und man braucht sicherlichkein Smartphone dazu auszubrechen. Vielleicht einfach mal mit jemanden im realen Leben reden.
Frokuss 04.09.2015
4. Sagt schon alles:
"Auch Unternehmen könnte die Technik Dingler zufolge weiterhelfen, etwa im Bereich der dynamischen Preisgestaltung. Händler könnten etwa die jeweilige Aufmerksamkeit und Empfänglichkeit des Nutzers in Echtzeit in Erwägung ziehen."
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