Neues Gadget Spectacles Was plant Snapchat mit seiner Video-Sonnenbrille?

Nach dem Scheitern von Google Glass gelten Datenbrillen als uncoolstes Gadget überhaupt. Die Brille von Snapchat setzt nun dennoch auf die umstrittene Videofunktion. Was plant Gründer Evan Spiegel?

Snapchats Spectacles
Snap Inc.

Snapchats Spectacles

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wäre die Tech-Branche des Silicon Valley ein Pausenhof, dann wäre Snapchat das coolste Kind auf dem Platz. Es käme angeskatet, die Haare lässig im Gesicht, und alle anderen Kids hätten nächste Woche das gleiche zerrissene T-Shirt an wie Snapchat. Weil der eigene Kleiderschrank nur makellose Oberteile ausspuckt, hätten Instagram und sein Kumpel Facebook extra eines davon in einer heimlichen Bastelaktion mit Schere und Schmirgelpapier auf verwegen getrimmt.

Verwegen - so könnte man auch Snapchats neueste Geschäftsidee bezeichnen: Als erstes eigenes Hardware-Produkt bringt die Firma eine Video-Sonnenbrille namens Spectacles auf den Markt. In eine Ecke der Spectacles ist eine Kamera eingearbeitet, tippt der Träger einmal auf einen Knopf am linken Bügel der Brille, entsteht ein zehn Sekunden langes, extrem weitwinkliges Video. Startet man die Snapchat-App auf seinem Smartphone, werden die Aufnahmen übertragen.

Dass es sich nicht um einen Testballon des Gründers Evan Spiegel handelt, soll schon die Tatsache beweisen, dass er seine komplette Firma umbenennt: Snapchat Inc. heißt jetzt Snap Inc. Spiegel will nicht wie Facebook Erinnerungen in Fotoalben bannen. Er will Erlebnisse in Echtzeit teilbar machen.

Die Spectacles sind der nächste logische Schritt für ihn, sagte er dem "Wall Street Journal". Sie entkoppeln Snapchat vom Smartphone in der Hand, sollen die App noch nahtloser in den eigenen Alltag integrierbar machen. Gleichzeitig arbeitet Spiegel an einer massiven Ausweitung der Discover-Funktion in Europa, um sich als Medienplattform und nicht nur als Messaging-App zu positionieren. Snapchat will mehr sein als nur die App mit den sich selbst löschenden Inhalten, das zeigen beide Entwicklungen.

"Glassholes" hießen die Träger der Google-Brille schnell

Um zu verstehen, wie gewagt Snapchats Schritt in Richtung Video-Brille ist, muss man sich das krachende Scheitern von Googles Datenbrillenprojekt Google Glass in Erinnerung rufen: Irgendwann in der zähen Testphase gab Google einen Knigge für die ersten Besitzer der Brille heraus. "Sei nicht unhöflich oder creepy", lautet ein Tipp. Das darf man durchaus als Hinweis auf die soziale Akzeptanz der Brille werten. Gegen die "Glassholes", die Arschlöcher mit den Google-Brillen, richtete sich insbesondere in den USA schnell Unmut. Google Glass wäre auf dem Pausenhof das Kind, das alleine rumsteht, weil sich alle anderen in seiner Gegenwart unwohl fühlen.

Das Konzept von Google unterscheidet sich zwar deutlich von Snapchats Brillenvision. Viele Menschen sahen sich durch die Datenbrille aber in ihren Persönlichkeitsrechten bedroht, denn auch Google Glass erlaubte es den Besitzern, Videos von ihrer Umgebung aufzunehmen. Im umstrittensten Anwendungsgebiet sind die Spectacles also verdächtig nah dran an der ungeliebten Google-Version.

Snapchats Strahlkraft soll es richten

Dass man sich dessen bei Snapchat, Verzeihung, Snap, sehr wohl bewusst ist, zeigt die Tatsache, dass man das Objektiv mit einem auffälligen LED-Ring ausgestattet hat. Die Lichter signalisieren der Umgebung, dass eine Aufnahme läuft. Das soll offenbar Datenschutzbedenken zerstreuen.

Über Apple wurde früher einmal gesagt, dass es Dinge erschafft, von denen die Menschen nicht wussten, dass sie sie haben wollen. Snapchat will nun mit einem Produkt locken, das erst einmal niemand haben will. Spiegel glaubt aber offenbar, dass seine vor allem bei Jugendlichen beliebte Marke - seine App - genügend Strahlkraft besitzt, um aus einer Idee, die niemand mag, doch noch den Klassenliebling zu machen. Das könnte klappen, denn Snapchat ist für viele Jugendliche Lieblingsapp. Auf diese Zielgruppe scheint auch die Brille perfekt zugeschnitten, wie ein Werbevideo vorführt:

Discover bald auch mit deutschen Medien

Gleichzeitig dehnt Snapchat seine Discover-Funktion aus und professionalisiert den Anzeigenvertrieb. Mit Discover können Medien wie "National Geographic" oder "Vice" Inhalte produzieren, die Snapchat-Nutzern in einem extra Tab angezeigt werden. Lange arbeitete Snapchat nur mit englischsprachigen Medien in den USA, Großbritannien und Australien zusammen. Vor wenigen Tagen gab der Tech-Konzern seine erste Medienpartnerschaft in Frankreich bekannt, in Paris soll im Oktober ein eigenes Snapchat-Büro entstehen. Bisher gibt es in Europa nur einen Snapchat-Sitz in London.

Offiziell bestätigt ist das zwar nicht, aber bald wird wohl auch Deutschland an der Reihe sein und eine deutsche Discover-Version bekommen. Dazu passt, dass das Unternehmen bereits auf der Suche nach geeigneten Räumen in Hamburg ist.

Denn die Firma muss wachsen, um die hoch gesteckten Umsatzziele zu erreichen. Sollen 2016 noch zwischen 250 und 350 Millionen Dollar Umsatz gemacht werden, könnte 2017 schon die Eine-Milliarde-Dollar-Marke geknackt werden, rechnet man bei Snapchat. Die Spectacles werden zu den Umsatzzielen erst mal wenig beitragen, sie sollen zunächst nur in kleiner Stückzahl verfügbar sein. Aber um richtig cool zu sein, das weiß jeder auf dem Schulhof, muss man ab und zu auch mal etwas wagen. Snapchat kann sich das leisten.

Zusammengefasst: Mit einer Video-Brille entkoppelt Snapchat seinen Dienst vom Smartphone - und lässt sich vom Scheitern der Google-Version Google Glass nicht abschrecken. Gleichzeitig arbeitet Unternehmensgründer Evan Spiegel daran, die Discover-Funktion seiner App auszuweiten - auch in Deutschland.



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