Spectacles So funktioniert die Snapchat-Videobrille

Die Snapchat-Videobrille fällt auf - und nimmt zehnsekündige Clips aus einer extremen Ich-Perspektive auf. Wir konnten die Neuheit aus den USA schon ausprobieren.

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Von und (Video)


Ein bisschen komisch fühle ich mich schon, an einem trüben Wintertag mit einer türkisfarbenen Sonnenbrille auf der Nase durch Berlin zu laufen. Aber Berlin ist Berlin und bald vergesse ich, dass ich die Spectacles von Snapchat auf der Nase habe. Aufsehen erregt allerdings der kleine LED-Ring in einem Eck des Brillenrahmens: Er zeigt an, dass die Spectacles gerade ein Video aufzeichnen - direkt von meiner Nase aus sozusagen.

Die Spectacles sind das erste Hardware-Produkt von Snapchat. Bisher war Evan Spiegels Firma, seit Kurzem umbenannt in Snap Inc., ausschließlich für die Snapchat-App bekannt. Sie lässt mit lustigen Filtern verschönte Bilder und Videos nach spätestens 24 Stunden wieder verschwinden.

Filmen ohne Smartphone

Der dicke Rahmen der Brille ist in Türkis, Orange oder in einem dezenten Schwarz verfügbar. Auf einer Seite ist eine kleine Kamera in den Rahmen eingelassen, auf der anderen Seite befindet sich der LED-Ring. Oben auf der Brille ist der Aufnahmeknopf angebracht.

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Videobrille von Snap: Das sind die Spectacles

Wird der gedrückt, zeichnen die Spectacles ein extrem weitwinkliges Minivideo aus der Ich-Perspektive auf. Nach jedem Druck auf den Auslöser werden zehn Sekunden Video aufgenommen. Das Filmen klappt nach einigen Versuchen schon ganz gut. Ungewohnt ist, dass man als Träger nicht sehen kann, ob eine Aufnahme begonnen hat und wann sie beendet ist. Klärung bringt nur ein Blick aufs Smartphone.

Schwächen bei schlechtem Licht

Das nervt. Denn das Interessante an den Spectacles ist, dass man eben nicht mit dem Smartphone vor dem Gesicht herumläuft, sondern viel unmittelbarer und spontaner Momente aufzeichnen kann. Mit längerer Nutzungsdauer dürfte man aber ein besseres Gefühl für die Brille bekommen.

Die Videos, die die Spectacles liefern, sind von annehmbarer Qualität, auch wenn jedes halbwegs aktuelle Smartphone bessere Aufnahmen machen dürfte. Gerade bei schlechten Lichtverhältnissen schwächeln die Spectacles. Das könnte ein Grund sein, warum man sich bei Snap dafür entschieden hat, eine Sonnenbrille herauszubringen: So wird Nutzern unauffällig nahe gelegt, die Brille lieber bei Sonnenlicht zu benutzen.

Ohne Snapchat-Konto ist die Brille nutzlos

Da vereinfacht gesagt ein rundes Bild aufgenommen wird, lässt sich das Handy während des Abspielens vom Hoch- ins Querformat drehen und das Bild wird entsprechend ergänzt. Wer die Videos lokal speichert oder auf anderen Netzwerken postet, bekommt ein kreisförmiges Video zu sehen. Welche Möglichkeiten sich durch die gleichzeitige Aufnahme in Hoch- und Querformat ergeben, kann aber erst ein langfristiger Test zeigen.

Die Kamera verbindet sich per Bluetooth mit dem Smartphone und lädt ihre Videos automatisch in den Snapchat-Kanal des Besitzers, wenn die App geöffnet wird. Damit das klappt, muss man die App einmalig mit der Brille verbinden.

In Deutschland noch nicht auf dem Markt

Um Videos zu finden, muss man allerdings erst einmal umständlich durch seine Videosammlung wischen. Wer keinen Snapchat-Account hat, kann die Spectacles nicht nutzen.

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Anleitung in Bildern: So funktioniert Snapchat

Noch gibt es die Spectacles nicht in Deutschland zu kaufen. Auch in den USA ist es schwierig, an eines der Modelle zu kommen. Vor den temporären Verkaufsautomaten, die dort aufgestellt wurden, bildeten sich lange Schlagen. Fast erinnern einen die Szenen vor den Läden an damals, als das erste iPhone auf den Markt kam. Wir konnten die Spectacles dennoch schon einen Tag lang in Berlin testen, zusammen mit der Lifestyle-Seite "In Search Of". Blogger Kai Kreuzmüller und seine Kompagnons, die Zwillinge Maria und Sophia Giesecke, hatten ein originalverpacktes Paar Spectacles im Internet bestellt.

Poppig, nicht edel

Das Etui der Spectacles dient zugleich als Ladestation. In seinem Inneren kann die Brille auf einem magnetischen Kontakt platziert werden. Wenn der Akku des Etuis leergesaugt ist, wird er per USB-Kabel aufgeladen.

Das Gesamtpaket aus Etui und Brille wirkt durchdesignt und nicht so billig, wie es der US-Verkaufspreis von 130 Dollar vermuten lassen würde. Klar: Der Look der Spectacles ist eher poppig als edel. Das dürfte der jungen Snapchat-Zielgruppe aber gefallen, die eher auf knallige Farben als auf gediegene Metallic-Oberflächen stehen dürfte.

So wird Snap auch versuchen, seine Brille von dem ungeliebten und mittlerweile eingestellten Brillenprojekt Google Glass abzusetzen. Besitzer von Google Glass hatten schnell den bösen Spitznamen "Glassholes" weg. Solche Antipathien sollen dank des von Snapchat transportierten Coolness-Faktors bei den Spectacles gar nicht erst aufkommen.

Fazit

Die Spectacles ist eine ausgereifte, einfach zu bedienende Videobrille, die mit ihrem günstigen Verkaufspreis als Lifestyle-Produkt positioniert werden soll. Das Design ist auffällig und für viele wohl gewöhnungsbedürftig. Der jungen Zielgruppe dürfte es gefallen. Die Videoqualität ist nicht berauschend, aber es ist die extreme Ich-Perspektive, die Spectacles-Videos spannend macht.



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