Spektakuläre Virus-Analyse: Stuxnet sollte Irans Uran-Anreicherung stören

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Der Stuxnet-Wurm scheint endlich enträtselt. Virenforscher sind jetzt überzeugt: Die mysteriöse Software ist eine Art Undercover-Agent, der die iranischen Uranzentrifugen sabotieren sollte - gezielt, subtil und hinterhältig.

Iranisches Atomkraftwerk Buschehr: Sollte Stuxnet hier zum Dauergast werden? Zur Großansicht
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Iranisches Atomkraftwerk Buschehr: Sollte Stuxnet hier zum Dauergast werden?

Welches Ziel verfolgt Stuxnet? Über diese Frage rätseln Experten, seit die ungewöhnliche Schadsoftware im Juli entdeckt wurde. Schnell war klar, dass sie Industriesteuerungsanlagen der Firma Siemens angreift. Wie sie das tut und vor allem, was sie dort anrichtet, war allerdings selbst Virenforschern ein Rätsel. Jetzt haben Schadsoftware-Spezialisten die Arbeitsweise des Angreifers analysiert und sind zu dem Schluss gekommen: Stuxnet ist noch viel hinterhältiger als gedacht, soll seine Ziele über Jahre manipulieren, ohne dabei Spuren zu hinterlassen. Der Schädling hatte wohl wirklich iranische Atomanlagen zum Ziel, sollte Irans Atomprogramm unbemerkt langfristig sabotieren.

Befürchtungen, Stuxnet habe dort katastrophale Schäden, den Austritt von radioaktivem Material oder gar eine Kernschmelze auslösen sollen, konnten die Experten des IT-Sicherheitsunternehmens Symantec aber nicht bestätigen. Stattdessen fanden sie heraus, dass Stuxnets Einsatz auf eine lange Verweildauer ausgerichtet war. Er sollte die Anlagen ganz subtil manipulieren, die Prozesse der Uran-Anreicherung kaum spürbar aber wirkungsvoll unterwandern. Das Ergebnis wäre minderwertiges Uran gewesen.

Diskreter Schädling

Dass es so lange gedauert hat, zu diesem Schluss zu kommen, liegt an der Komplexität der Software. Stuxnet, da sind sich alle Beobachter einig, ist eine ausgesprochen ungewöhnliche Software. Die Entwicklungskosten werden auf Millionen Dollar geschätzt, das Programmierer-Team muss groß gewesen sein. Alleine die Kosten für den Erwerb von Wissen um bis dahin unbekannte Windows-Sicherheitslücken dürften siebenstellig gewesen sein. Sie haben es ermöglicht, Stuxnet selbst an aktueller Schutzsoftware vorbei unbemerkt auf Rechner einzuschleusen.

Wie der Wurm das schaffte und was er auf den befallenen Systemen tun sollte, haben Symantecs Forscher jetzt in dem Bericht "W32.Stuxnet Dossier" ( PDF) auf 63 Seiten zusammengefasst. Eine leichte Lektüre ist das nicht, eine spannende schon.

Bei der Sabotage des iranischen Atomprogramms sollte die Schadsoftware ausgesprochen subtil vorgehen. Zwar hat sich Stuxnet laut Symantec auf mehr als 100.000 Systemen eingenistet, aktiv wird er aber nur, wenn er ganz bestimmte Bedingungen vorfindet. Demnach ist er darauf ausgerichtet, bestimmte Siemens-Industriecomputer anzugreifen, die über Steuerungsmodule sogenannte Frequenzumrichter regeln. Symantec zufolge geht die Software dabei nur auf Umrichter los, die entweder vom finnischen Hersteller Vacon oder von der iranischen Fararo Paya stammen. Das mag kein Beweis sein, immerhin jedoch ein Indiz dafür, dass Stuxnets Ziel die iranische Kernbrennstoff-Anreicherungsanlage in Natans ist.

Die richtigen Frequenzen

So explizit ist das Symantecs Bericht zwar nicht zu entnehmen, zwischen den Zeilen aber doch deutlich zu lesen. Denn dort wird darauf hingewiesen, dass Stuxnet nur Frequenzumrichter beeinflusst, die mit Frequenzen zwischen 807 Hz und 1210 Hz arbeiten. Darauf folgt im Bericht der Hinweis, dass der Export von Umrichtern, die Frequenzen oberhalb von 600 Hz unterstützen, aus den USA verboten ist - weil solche Geräte in Urananreicherungsanlagen verwendet werden.

Eben diese Frequenzumrichter sind dringend nötig, um die Drehzahl jener Zentrifugen zu regeln, die für die Anreicherung von Kernbrennstoffen so wichtig sind. Eine konstante Drehzahl ist für den Erfolg des Prozesses essentiell, erklärt Symatec-Forscher Eric Chien im Firmenblog. Deshalb sind die Umrichter so wichtig. Werde die Umdrehungszahl der Zentrifugen verändert, würde die Konzentration der schweren Uran-Isotope unterbrochen. Das Resultat wäre minderwertiges Uran.

Genau an dieser Stelle setzt Stuxnet dem Bericht zufolge an. Über einen Zeitraum von Monaten sollte er die Frequenz der Umrichter wieder und wieder in unterschiedlichen Schritten variieren. In einem Beispiel zeigen die Virenforscher, dass er in einem Beispielsystem die Frequenz zunächst nach 13 Tagen auf 1410 Hz erhöht, um sie 27 Tage später zunächst auf 2 Hz zu senken und gleich danach auf 1064 Hz hochzufahren. In dieser Art geht es über Monate weiter.

Ein großer Erfolg - und dennoch gescheitert

Darüber ob Stuxnet seine Mission schon begonnen hat, herrscht bis heute Unklarheit. Iranische Behörden widersprechen Annahmen, wonach die Software bereits zu Unfällen und Unregelmäßigkeiten im iranischen Atomprogramm geführt habe. Die Entwicklung von Stuxnet lässt sich laut Symantec aber bis mindestens Juni 2009 zurückverfolgen.

Wenige Monate später, etwa ab August 2009, nahm die Zahl der betriebsbereiten Zentrifugen in Iran dramatisch ab - während gleichzeitig die Gesamtzahl an Zentrifugen erhöht wurde. Ein Hinweis darauf, dass es im iranischen Anreicherungsprozess sehr wohl Probleme mit den Zentrifugen gibt, die man zu beheben versucht, indem man einfach neue Zentrifugen neben unbrauchbar gewordene stellt. Denkbar ist das.

Stuxnets Mission ist dennoch gescheitert. Symantecs Experten bestätigen, dass der Aufwand für seine Entwicklung immens gewesen sein muss, sehen in Stuxnet einen Meilenstein in der Geschichte von Schadsoftware. Allerdings einen, der so schnell wohl kaum wiederholt werden wird. Stuxnets Malaise ist, dass er entdeckt wurde und seit Monaten öffentlich diskutiert wird, obwohl er eigentlich jahrelang im Verborgenen hätte wirken sollen - er ist quasi ein Undercover-Agent, der enttarnt und dadurch - wenigstens zum Teil - nutzlos wurde.

Bleibt die Frage, wie seine Entwickler auf die öffentliche Zurschaustellung ihres Projekts reagieren. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten wäre nur eine Weiterentwicklung sinnvoll, jetzt, da die Schwachstellen bekannt sind.

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1. .
frubi 16.11.2010
Zitat von sysopDer Stuxnet-Wurm scheint endlich enträtselt. Virenforscher sind jetzt überzeugt: Die mysteriöse Software ist eine Art Undercover-Agent, der die iranischen Uranzentrifugen sabotieren sollte - gezielt, subtil und hinterhältig. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,729329,00.html
Und das soll die Iraner nun beruhigen und Vertrauen gegenüber dem Westen schaffen? Ist ja wirklich gut gelungen.
2. Wer hat den Virus gemacht.
helmar 16.11.2010
Zitat von sysopDer Stuxnet-Wurm scheint endlich enträtselt. Virenforscher sind jetzt überzeugt: Die mysteriöse Software ist eine Art Undercover-Agent, der die iranischen Uranzentrifugen sabotieren sollte - gezielt, subtil und hinterhältig. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,729329,00.html
Es ist doch eigentlich unrelevant zu wissen, welche Anlage nun genau Ziel war. Da ist offensichtlich ein gewisses Maß an Professionalität dahinter und sowas kann nicht jeder. Mich irritiert ein wenig, daß es nun doch Iran und seine Zentrifugen sein müssen - immerhin steht ja wohl noch irgendwas nordisches auf der Liste (was wiederum ein Indiz für komplizierte Technologie-Transfers wäre). Der Aufruf der Virenforscher ist ja auch, Einsatzbeispiele für die "versteuerten" Motoren zu finden. So spezifisch sind die wohl auch gar nicht - es ist nur eben mehr nicht bekannt (geworden). Zudem: wer macht sowas? Es muß jemand mit ziemlich guten technischen Möglichkeiten sein. Israel hat sowas vllt. - aber für einen spezifischen Motor, der nur irgendwo nähe Polarkreis herumkreist? Das hätten eher westliche oder gar russische Initiatoren. Russland hat es auf jeden Fall, während die Westler (und auch Deutschland) über mangelnde Finanzierung ihres Cyberwars rumjammern (offiziell). Im Grunde ist noch gar nichts gelöst an dem Fall, außer, daß jetzt ein Puzzle-Stein mehr da ist. -Helmar
3. Wer war es denn nun?
Deutscher__Michel 16.11.2010
Kommen ja im Prinzip nur die USA oder Israel in Frage.. Russland ist wenig wahrscheinlich, die haben das Teil ja mit aufgebaut.
4. Die wichtigste Frage ist doch: Wer hat ihn geschrieben?
hman2 16.11.2010
Vermutlich sollte man die Rechnung für den Analyse- und Rechner-Säuberungsprozess nach Fort Meade schicken...
5. .
ambergris 16.11.2010
Dann kann man also davon ausgehen, dass Siemens dem Iran hilft, Uran anzureichern?
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Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potentiell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.
Irans Atomprogramm
Streit
Iran unterzeichnete 1968 den Sperrvertrag für Atomwaffen . Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der Urananreicherung .

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das iranische Atomprogramm .

Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.

Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Anlagen
Arak : geplanter Schwerwasserreaktor
Buschehr : Atomkraftwerk, im Mai 2011 nach mehrfachen Terminverschiebungen in Betrieb genommen - zunächst zu Testzwecken. Im September 2011 ging der Reaktor in Regelbetrieb, allerdings noch nicht auf voller Leistung
Isfahan : Forschungsreaktor
Jasd: Uranminen
Natans : Anlage zur Urananreicherung, angeblich mit 6000 Zentrifugen in Betrieb. Im Herbst 2009 gab Iran bekannt, nahe der Stadt Ghom eine zweite Anlage zur Urananreicherung zu besitzen.
Teheran : Forschungsreaktor
Geschichte
1974: Unter Beteiligung von Siemens beginnt bei Buschehr der Bau eines Kernkraftwerks.
1979: Nach der Revolution und der Ausrufung der Islamischen Republik wird das Atomprogramm nicht weiter betrieben.
1980-1988: Im Irak-Iran-Krieg wird der Atomreaktor in Buschehr mehrfach bombardiert und dabei schwer beschädigt.
Neunziger Jahre: Deals auf dem Schwarzmarkt mit Abdul Qadir Khan , Pakistans "Vater der Atombombe"
1995: Abkommen mit Russland zum Wiederaufbau des Atomreaktors von Buschehr
2002: Iranische Oppositionelle im Exil berichten über ein geheimes Atomprogramm.
2003: Iran unterzeichnet das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag (bislang aber nicht vom Parlament ratifiziert).
2006: Der Uno-Sicherheitsrat verlangt in seiner Resolution 1696 erstmals den Stopp der Urananreicherung .
Juli 2008: Iran droht bei einem Angriff auf seine Atomanlagen mit militärischen Gegenschlägen. Das Regime testet Schahab-3-Raketen, die auch Ziele in Israel erreichen könnten.
November 2008: Iran hat nach eigenen Angaben die Zahl seiner für die Urananreicherung benötigten Zentrifugen auf 5000 erhöht.
Juni 2009: Iran hat laut Internationaler Atomenergiebehörde IAEA weitere tausend Gaszentrifugen im Atomzentrum Natans in Betrieb genommen und bisher knapp 1,4 Tonnen niedrig angereichertes Uran produziert.
Mai 2010: Nach Verhandlungen mit dem brasilianischen Präsidenten Lula und dem türkischen Regierungschef Erdogan erklärt sich Iran bereit, schwach angereichertes Uran im Ausland zu tauschen. Wenig später kündigt Teheran an, an der umstrittenen Urananreicherung auf 20 Prozent festhalten zu wollen.
Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat, die EU und die USA beschließen neue Sanktionen gegen Teheran. US-Präsident Obama spricht von den bisher härtesten Sanktionen überhaupt - doch Beobachter bleiben skeptisch, ob die Strafmaßnahmen Erfolg bringen.
Sanktionen
Uno-Sanktionen: Verbot von Waffen- und Nuklearhandel, Einfrieren von Konten, Reisebeschränkungen, verhängt in Resolution 1737 (23.12.2006), Resolution 1747 (24.03.2007), Resolution 1803 (03.03.2008)

Sanktionen der USA: Vollständiger Handels- und Investitionsboykott, beruhend auf Executive Order 12959 von 1995, neue Sanktionen im Juni 2010

Sanktionen der EU: Einschränkungen für Handel und Investitionen, Einfrieren von Vermögen, Reisebeschränkungen, beruhend auf Verordnung (EG) Nr. 423/2007 des Rates (19.04.2007)

Nahost
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad erklärt, das israelische "Besatzungsregime" müsse "aus den Annalen der Geschichte verschwinden".
Israelische Politiker, darunter auch Kabinettsmitglieder, sprechen sich für präventive Militärschläge gegen Iran aus.
Personen
Said Dschalili , Atomunterhändler seit Oktober 2007
Yukiya Amano , Generaldirektor der IAEA
Der Verhandlungspoker um die Urananreicherung
Oktober 2009: Vertreter Irans, Deutschlands und der fünf Vetomächte im Sicherheitsrat kommen zu Atom-Gesprächen in Genf zusammen.
November 2009: Die IAEA kritisiert in einer Resolution die jahrelang geheim gehaltene iranische Urananreicherungsanlage bei Ghom. Teheran reagiert mit der Ankündigung, zehn neue Uran-Anlagen zu bauen.
Dezember 2009: Iran testet die Mittelstreckenrakete Sedschil 2. Diese habe größere Zielgenauigkeit als das Vorgängermodell Schahab 3.
2. Februar 2010: Ahmadinedschad zeigt sich bereit, auf einen Vorschlag der IAEA einzugehen, der eine Anreicherung iranischen Urans auf 20 Prozent im Ausland vorsieht. Wenige Tage später rudert er wieder zurück.
7. Februar 2010: Iran verkündet, man habe niedrig angereichertes Uran von 3,5 auf 20 Prozent gebracht und sei in der Lage, es auf 80 Prozent anzureichern. Damit könnten Atomwaffen hergestellt werden.
11. Februar 2010: US-Präsident Barack Obama kündigt als Reaktion umfangreiche neue Sanktionen gegen Iran an.
1. April 2010: Nach langem Widerstand gegen neue Sanktionen ist China bereit, sich an den Verhandlungen über den Text einer verschärften Uno-Resolution zu beteiligen.
25. April 2010: Zur Abwehr neuer Sanktionen besucht Irans Außenminister Manutschehr Mottaki Österreich. Gespräche mit dem Chef der IAEA, Yukija Amano, und Österreichs Außenminister Michael Spindelegger bringen jedoch keinen Durchbruch.
17. Mai 2010: Nach Verhandlungen mit Brasilien und der Türkei lenkt Iran ein und will Uran im Ausland anreichern lassen. Doch die internationale Gemeinschaft reagiert skeptisch auf die Ankündigung.
9. Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat beschließt schärfere Sanktionen gegen Iran. Sie beinhalten weitere Hürden für die iranische Finanzbranche und eine Ausweitung des Waffenembargos. Auch die USA und die EU setzen schärfere Maßnahmen gegen Iran in Kraft.
Januar 2011: Die Atomgespräche zwischen Iran und den westlichen Mächten in Istanbul scheitern. Teheran hatte weiterhin "ein Recht auf Urananreicherung" gefordert.

Republik Iran
Land
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Chamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz 5). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2008 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 5200 Dollar. Begünstigt vom hohen Ölpreis wuchs die Wirtschaft zuletzt um etwa sechs Prozent. Neben der Arbeitslosenquote, die laut inoffiziellen Schätzungen bei etwa 30 Prozent liegt, ist die Inflation eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2008 soll sie bei fast 30 Prozent gelegen haben, für 2009 rechnet der IWF mit 25 Prozent. Im Jahr 2005 machten Teherans Ausgaben für das Militär laut Uno-Statistiken 5,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,4 Prozent).
Menschenrechte
Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2009 mindestens 388 Menschen hingerichtet, das waren 42 Hinrichtungen mehr als im Vorjahr. Der Uno zufolge saßen 2007 pro 100.000 Einwohner 214 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 95). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2009 bei 180 beobachteten Staaten den 168. Rang ein (Deutschland: 14).

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