Ich bekam meinen Commodore 64, kurz C64, zu meinem elften Geburtstag, am 1. Februar 1984. Er erhielt einen Ehrenplatz in der Ecke zwischen einem von oben bis unten mit Werbeaufklebern verzierten Buchenkleiderschrank und der Gasheizung auf unserem alten Kinderzimmertisch mit seiner zerkratzten und bemalten Kiefernholzplatte. Meine Computerecke sah aus wie eine knallbunte Kinderzimmerversion eines jener Cubicles, in denen moderne Großraumbüroarbeiter ihre Arbeitstage verbringen. Über dem Fernseher hing ein selbst gemaltes Bild vom Räuber Hotzenplotz mit sieben Messern und einer Pistole im Gürtel.
Rein rechnerisch stand im Jahr 1994, dem letzten, in dem der C64 noch hergestellt wurde, in mehr als jedem zehnten deutschen Haushalt einer, er verkaufte sich allein in Deutschland etwa drei Millionen Mal. Bis heute ist der Rechner der meistverkaufte Computer der Geschichte. De facto dürfte die Dichte in Westdeutschland ungleich höher, in den damals tatsächlich noch neuen Bundesländern im Osten dafür ungleich niedriger gewesen sein - obwohl Ramschverkäufe bei Aldi und anderen Discountern Anfang der Neunziger sicherstellten, dass auch die Kinder der ehemaligen DDR noch einen C64 bekommen konnten, wenn sie wollten. Karstadt verkaufte eine "Terminator 2 Edition", samt Joystick, Laufwerk, Spiel zum Film und Bild von Arnold Schwarzenegger auf dem Karton für 600 D-Mark. Und die "Action Box" von Quelle warb mehr oder minder explizit mit den Möglichkeiten, sich durch Raubkopien schnell eine Spielesammlung zuzulegen. Neben dem Laufwerk und ein paar Spielen lagen ihr zehn Leerdisketten bei - und ein abschließbarer Diskettenkasten mit Platz für hundert Stück.
Illegale Subkultur, gegründet von Teenagern
Kopiert wurde dann auch gleich bei Quelle und Karstadt. Weil die Kinder, die sich damals an den Geräten zu schaffen machten, längst viel versierter waren als jeder Fachverkäufer, war es für sie kein Problem, von einer mitgebrachten Diskette ein Kopierprogramm in den Speicher des Rechners zu laden und dann vom Kopierschutz befreite, "gecrackte" Spielversionen von einer Diskette auf die andere zu kopieren. Dazu mussten Vorlage und Leerdiskette immer wieder abwechselnd ins Laufwerk geschoben werden, außerdem ratterte und brummte das Diskettenlaufwerk Floppy 1541 deutlich hörbar. Die Verkäufer begriffen aber entweder nicht, was da vor sich ging - oder es war ihnen egal.
Die illegale Subkultur der Cracker und Kopierer, die sich innerhalb kürzester Zeit im Umfeld des C64 entwickelte, fand fast vollständig unter Ausschluss einer erwachsenen Öffentlichkeit statt. Weder Eltern noch Verkäufer konnten sich wirklich vorstellen, was diese elf oder dreizehnjährigen Jungs da tatsächlich anstellten - und dass sie dabei manchmal an einem einzigen Nachmittag Spiele im Verkaufswert von mehreren 100 D-Mark kopierten.
Der Begriff Cracker (von "to crack", knacken) entstand zu Beginn der Achtziger, um jemanden zu bezeichnen, der so gut mit Computern umgehen konnte, dass er auch Software kopieren konnte, die nicht zum Kopieren freigegeben war. Wir, die Nutznießer diese Szene, verbrachten lange Nachmittage damit, dem Tackern und Stöhnen der 1541 zu lauschen.
Elite-Cracker mit weißen Socken und Flaum auf der Oberlippe
Wie viele Cracker und Swapper es in Deutschland tatsächlich gab, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Vermutlich waren es nur einige hundert, vielleicht auch ein paar tausend. Von ihrer freiwilligen Arbeit aber profitierten Millionen. Auf nahezu jedem der Millionen von C64 in deutschen Haushalten wurde gespielt. Auf nahezu jedem zumindest gelegentlich eine Schwarzkopie, auf den meisten kaum etwas anderes.
Nach heute geltendem Recht waren die Cracker-Gruppen organisierte Kriminelle. Das Urheberrecht verbietet inzwischen ausdrücklich das bewusste Aushebeln von technischen Kopierschutzmaßnahmen. In den Achtzigern war die Rechtslage noch weniger eindeutig, und wirklich bedroht fühlte sich kaum einer der Cracker oder der Nutznießer von Cracker-Aktivitäten.
Sieht man sich Fotos von Szenetreffen aus den Achtzigern an, kann man darauf keine knallharten Techno-Avantgardisten mit Elitestatus erkennen. Die 16-, 17-, 18-jährigen Jungs auf den Bildern, einige von ihnen damals schon internationale Legenden, sehen aus, wie Nerds in den Achtzigern eben aussahen: Sie tragen Karottenjeans, dazu weiße Socken und Slipper oder Turnschuhe, sie haben Fönfrisuren und Flaum auf der Oberlippe, sie lächeln nett in die Kamera. Bei der ersten der heute legendären Partys der Cracker-Gruppe "Radwar " im Jahr 1988, die in einer Discothek stattfand, traten ein professioneller Michael-Jackson- und ein Amateur-Prince-Imitator auf, außerdem veranstaltete der lokale Jeansladen eine Modenschau. Der heute noch online abrufbare Partybericht vermerkt, der Amateur sei der Bessere der beiden gewesen und zu mehreren Zugaben aufgefordert worden.
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