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Steampunk: Das wundersame Werk des Chocolatisten

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Steampunk: Einblick in das Werk des Chocolatisten Fotos
Dan Aetherman

Steampunker sind Visionäre, die eine Perspektive des 19. Jahrhunderts einnehmen. Sie entwerfen eine Zukunft, die in der Vergangenheit möglich gewesen wäre. Kompliziert? Eher wunderschön, wie Dan Aetherman in seinem neuen Werk zeigt.

Früher war selbst die Zukunft besser. Das Zitat von Karl Valentin könnte auch in ein Messingschild graviert über der Werkstatt von Dan Aetherman hängen. Der Schweizer, der sich "The Chocolatist" nennt, ist Steampunker. Valentins Satz liest sich wie das Motto seiner Arbeit.

Er hat sie nun in einem Buch verewigt: "Steampunk - Jules Vernes Erben und ihre fantastischen Maschinen" bietet einen Einblick in die Welt des Schweizers. Das kann für Einsteiger und Profis gleichermaßen faszinierend sein.

Wer bisher mit der Steampunk-Bewegung keine Berührung hatte, dem erklärt Aetherman anschaulich und leicht verständlich die Faszination des sogenannten Retro-Futurismus. Für fortgeschrittene Steampunker bietet das Buch Fotografien von Aethermans Erfindungen und vielleicht den einen oder anderen Tipp für eigene Projekte.

Steampunk, das ist Science Fiction aus der Perspektive des 19. Jahrhunderts. Mit den Mitteln der heutigen Technik bauen Erfinder wie Aetherman Apparate, die aussehen wie Zukunftsfantasien aus dem viktorianischen Zeitalter. Steampunk steht für die Begeisterung für vermeintlich dampfgetriebene Maschinen, gefertigt aus Materialien wie Messing und Kupfer, Holz und Leder. Oft kombiniert Steampunk neue Maschinen oder deren Funktionen mit "altem" Design und entsprechenden Materialien. Die Szene kombiniert das mit einer Kleidermode, die zwischen Gründerzeit und Fliegermode, Punk, Goth und Romantik laviert.

Doch es sind vor allem Dampf-Apparate wie aus den Romanen Jule Vernes, welche die Steampunk-Szene von anderen absetzen: "Wundervoll monströse Maschinen, die lebten und atmeten und unverhofft explodierten", zitiert Aetherman zu Anfang des Buches ein Steampunk-Magazin.

Der fertige Wildbad 7: Aethermans Buch enthält zahlreiche Gerätefotos Zur Großansicht
Dan Aetherman

Der fertige Wildbad 7: Aethermans Buch enthält zahlreiche Gerätefotos

Steampunk ist eine Nische mit Massen-Appeal

Auch Hollywood griff die Steampunk-Bewegung auf. Zu den Perlen des Genres gehören Filme wie "Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen", "Howl's Moving Castle", "Die Zeitmaschine", "Sleepy Hollow", "Der goldene Kompass" oder "Die Stadt der verlorenen Kinder".

Doch nicht alles, was dampft, ist auch gut. Für den als Blockbuster angelegten Flop "Wild wild West" hat sich Hauptdarsteller Will Smith sogar öffentlich entschuldigt. Zu bombastisch kam das Machwerk daher, Steampunk funktioniert am besten, wenn diese Brüche in der Realität ganz selbstverständlich als Teil des Alltags erscheinen. Gigantische, dampfende Spinnenmaschinen sind witzlos, wenn man sie beispielsweise mit Aethermans LCD-Schirm-Schreibmaschine vergleicht - eine letztlich ironische Symbiose von Alt- und Neutechnik.

Innerhalb der Steampunk-Szene gibt es unterschiedliche Strömungen. Manche Steampunker treffen sich, um gemeinsam für ein paar Tage ihre Fantasiewelt zu betreten. Sie schlüpfen dann in fiktive Rollen und leben in einer idealisierten Version des viktorianischen Zeitalters. Nichts für Dan Aetherman: "Ich spiele nicht die Rolle des Chocolatisten", schreibt er im Vorwort seines Buches, "ich bin 'The Chocolatist'." Sein Künstlername hat einen einfachen Grund: Der Schweizer produziert und verkauft Schokolade - hergestellt mit Steampunk-Maschinen.

Die Bauteile für Aethermans Erfindungen sind allesamt gebraucht und natürlich soll das auch als Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft verstanden werden. Doch das Buch ist kein Pamphlet gegen die Konsumgesellschaft. Es ist vielmehr eine bildstarke Führung durch die Ideenwelt eines Steampunk-Besessenen, seine Werkstatt und seine Sammlung.

Zu jeder vorgestellten Erfindung hat der Autor eine Geschichte parat. Detailliert beschreibt er, wie er die Einzelteile für seine Apparate zusammengetragen hat. "Die Jagd nach verlorenen Schätzen" nennt er diesen Teil seiner Arbeit. Er widmet ihm im Buch ein ganzes Kapitel. Darin erklärt er, wie man verhindern kann, dass Steampunk zu einem allzu teuren Hobby wird und verrät seine liebsten "Jagdgründe". Zum Beispiel Industriesammelstellen, den Sperrmüll oder Flohmärkte und Online-Auktionsportale.

Für Einsteiger hat Aetherman am Ende noch einen Tipp: Am besten mit einem kleinen, einfachen Projekt beginnen. Zum Beispiel einem Steampunk-USB-Stick. Eine Bauanleitung dafür liefert er gleich mit.

Das Buch ist im Franzis-Verlag erschienen, hat 192 Seiten und kostet 39,95 Euro.

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
Oberleerer 13.07.2015
Eigentlich mag ich das Design und die Handwerkskunst. Was ich nicht mag, sind Komponenten, die eine Funktion vorgaukeln, aber keine Funktion haben, wie die Röhre am USB-Stick. Der LCD-Monitor ist dann auch eher etwas phantasielos. Ein goldumrahmter Spiegel wäre da schon eher was. Selbst Bang & Olufsen hatte vor 20 Jahren Fernseher, die beim Ausschalten die Sichtfläche mit einem Stoffrollo verdeckten. Wie wäre es mit einem Hochkant Duo-Screen, der sich wie ein Buch öffnet, oder wie wine Schatulle?
2. wunderschöne
felisconcolor 13.07.2015
Arbeiten. Hier sieht man deutlich das heute den alltäglichen Gegenständen die Ästhetik verloren gegangen ist. Man findet im Netz einige Seiten die wirklich tolle Arbeiten zeigen. Steampunk und seine Seitenzweige verklären vielleicht die "gute alte Zeit" aber macht es diese Zeit dadurch schlechter und die neue Zeit um sovieles besser? Ich denke nicht.
3.
Oberleerer 13.07.2015
Ich würde nicht sagen, daß es die ZEit verklärt. Man muß nicht immer jedes Elend einer Epoche zelebrieren. Die damalige Zeit mit dem rasanten Fortschritt von Wissenschaft und Technik war eine sehr hoffnungsfrohe ungeduldige Zeit. Ich glaube, das macht den Reiz aus.
4. Warehouse 13
hausmeistah 14.07.2015
war eine tolle Serie auf SyFy, die nach 4,5 Staffeln leider viel zu früh eingestellt wurde. Da wurde auch intensiv gesteampunked mit Farnsworth und Co.!
5. @Oberleerer
eulenspiegel1979 14.07.2015
Na Hauptsache was kritisiert. Selber und vor allem besser machen! Ihr Name ist wohl Programm: nicht leer sondern oberleer.
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