Von Frank Patalong
Der Tod von Steve Jobs ist eine Zäsur, nicht nur für das Unternehmen, dem er das Gros seiner Karriere gewidmet hatte, sondern für eine ganze Branche: Sein Tod markiert das Ende einer Gründerzeit. Von jetzt an werden es vor allem ausgebildete Manager sein, die den großen Informationstechnik-Unternehmen vorstehen. Sie sind Profis einer anderen Couleur.
Steve Jobs verkörperte sein Unternehmen. Eine Diskussion darüber, ob das einem seiner Nachfolger noch einmal gelingen könnte, ist so müßig wie unsinnig, aus einem ganz einfachen Grund: Er nahm in der Geschichte des Erfolgsunternehmens Apple eine singuläre Position ein - als Gründer, der das Unternehmen prägte. Wie sollte es so etwas zweimal geben?
Gründer sind, wenn sie Erfolg haben, stets mythische Gestalten. In besonderem Maße gilt das für die Begründer ganzer Industrien: Henry Ford kennt jeder - kennt man irgendeinen seiner Nachfolger? Was Jobs mit Ford, Carl Benz, Robert Bosch, August Thyssen, Alfried Krupp, Thomas Alva Edison und anderen mythischen Gründern gemein hat, lässt sich mit Substantiven beschreiben: Aufbau und Innovation.
Wer schillert, prägt sich ein
Jede Industrie bringt so eine Gründergeneration hervor: Man denke an William Randolph Hearst, den prototypischen Zeitungstycoon. Seine Nachfolger vom Schlage eines Rupert Murdoch scheinen in ihren Branchen ähnliches Gewicht zu haben. Doch wenn sie abtreten, sind sie schnell vergessen. Was für eine Rolle spielt Robert Maxwell, einst der Fels, an dem sich Murdoch rieb und verlässlicher Lieferant weltweiter Skandal-Schlagzeilen, noch in unserer Erinnerung? "Citizen Cane" Hearst ist auch mehr als 60 Jahre nach seinem Tod noch ein Mythos. An die meisten heutigen Medien-Tycoons wird sich in 60 Jahren kaum ein Mensch erinnern. Es reicht eben nicht, ein großer Firmenlenker zu sein - zum Mythos bringt es nur der innovative Gründer mit prägendem Einfluss.
Steve Jobs ist das längst, er produzierte schon zu Lebzeiten Legenden. Charismatisch, heißt es, sei Jobs gewesen, aber eben auch cholerisch. Kreativ war er, heißt es, aber auch ein besessener Korinthenkacker, wie er im Buche steht: Er soll seine Angestellten mit nächtlichen Anrufen am Wochenende genervt haben, um schnell mal eine Detailfrage wie den präzisen Farbton eines Lackes auf einem Produkt zu klären. Ein Sich-Einmischer also, ein Autokrat, der sein Unternehmen nach Gutsherrenart beherrschte. Zu Lebzeiten war Jobs innerhalb seines Unternehmens so verehrt wie gefürchtet. Nach seinem Tod bleibt die Verehrung, das andere wird Futter für Legenden.
Auch das ist typisch für Unternehmensgründer, deren Lebensgeschichte aufs engste mit ihren Firmen verbunden ist. Denen man den Aufstieg von Unternehmen als persönliche Leistung anrechnet.
Wir haben in den vergangenen 35 Jahren so eine Gründergeneration erlebt. Neben Bill Gates und seinen Partnern gelang es Jobs Mitte der 70er, an die 1939 von Bill Hewlett und Dave Packard begründete Garagen-Legende der IT-Industrie anzuschließen: Wie Hewlett-Packard entstanden auch Apple und Microsoft als "Garagen-Firmen", erlebten also einen Aufstieg von der Schrauberwerkstatt zum Großunternehmen.
Armut adelt
Auf seltsame Weise wertet der Garagen-Mythos Unternehmen und ihre Macher auf. Sie erscheinen viriler, authentischer, inspirierter als Firmen, die ihren Markt mit einem Businessplan und Risikokapital-Millionen im Rücken aufrollen.
Das liegt vor allem daran, dass der Garagenfirmen-Gründer seine finanzielle Unterstützung oft erst erhält, wenn er Erfolge und Produkte vorweisen kann - die Gründung einer Garagen-Firma beruht selten auf einem Business-Plan. Doch es waren nicht nur Produkte und dadurch generierte Umsätze, die den Mythos dieser Firmen ausmachten, sondern auch die Charakterköpfe ihrer Gründer.
Dass er dann keine Karriere als Urschrei-Therapeut machte, verdankte er der Teilnahme an einer Hobby-Gruppe, in der er auf den Schrauber Steve Wozniak traf. Der konnte programmieren und Computer bauen, aber Jobs konnte sich vorstellen, was man daraus machen könnte. Die beiden taten sich 1976 zusammen und gründeten Apple. Der Rest ist im Sinne des Wortes Geschichte.
Jobs wurde zum Verkäufer, aber auch Denker, Planer und Lenker. Er selbst war kein Konstrukteur, aber er wusste, was er von seinen Konstrukteuren wollte: Dass die Stärken von Apples Produkten bis zum heutigen Tag nicht zuletzt über ihr Design, über die Einfachheit, mit der sie bedienbar sind und ihren Prestigewert definiert sind, ist der Stempel des Marketing-Genies Steve Jobs. Schon Anfang der Achtziger wertete Apple traditionell grau-beige-langweilige Büroelektronik zu schicken Lifestyle-Accessoires auf - und leitete damit den Beginn des digitalen Zeitalters ein, in der einstige Werkzeug-Technik zu einem unverzichtbaren Teil unseres Alltags und Lebens in Arbeit und Freizeit werden sollte.
Das ist es, was bleiben wird von ihm: Wie die großen Gründergestalten vor ihm hat auch Steven Paul Jobs die Welt nachhaltig und merklich ein gutes Stück verändert. Es wird eine geraume Zeit dauern, bis man das wieder über einen Firmenlenker wird sagen können.
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