Manager Steven Sinofsky: Der rätselhafte Abgang des Windows-Chefs

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Mit Steven Sinofsky verliert Microsoft seinen wertvollsten Manager. Er renovierte nicht nur Windows von Grund auf, sondern konnte seine Produkte auch auf der Bühne perfekt präsentieren. Wurde er wirklich aus dem Unternehmen gedrängt, wie einige vermuten?

Ex-Microsoft-Manager Steven Sinofsky: Ein charismatischer Bühnenprofi Zur Großansicht
REUTERS

Ex-Microsoft-Manager Steven Sinofsky: Ein charismatischer Bühnenprofi

Nach einem tränenreichen Abschied hört sich das nicht an: Man ändere das Führungsteam, "um die nächste Welle an Produkten voran zu treiben", teilt Microsoft ganz nüchtern mit. Tatsächlich verkündet der Konzern so den Abgang des langjährigen Windows-Chefs Steven Sinofsky. Seine Aufgaben sollen künftig die Software-Managerin Julie Larson-Green und Tami Reller übernehmen heißt es weiter. Und schließlich: "Diese Änderungen sind sofort wirksam." Punkt.

Auch Microsoft-Boss Steve Ballmer hat seinem Ex-Windows-Chef nur ein paar knappe Worte zum Abschied mitgegeben. "Ich bin dankbar für die vielen Jahre Arbeit, die Steven dieser Firma gewidmet hat", heißt es in der Mitteilung. Dann lobt Ballmer die Erfolge der vergangenen Monate, spricht nicht mehr von Sinofsky, sondern nur noch von einem "Wir", von einer Gemeinschaft, die Windows 8, Windows Phone 8 und die Surface-Tablets zustande gebracht hat. Seinen Text schließt er mit der Feststellung, es sei "notwendig, alle Microsoft-Teams auf Kurs zu bringen".

Das sind wenig Worte für einen Mitarbeiter, der so etwas wie der zweite Mann im Hause Microsoft war. Steven Sinofsky war nicht nur Chef der Windows-Sparte, ihm unterstanden auch die unter der Marke Windows Live zusammengefassten Online-Dienste des Unternehmens.

Alles muss Windows sein

Vermutlich also hat Steven Sinofsky, der Windows-Mann, seinen Schreibtisch bereits ausgeräumt. Mit ihm verlässt ein Manager den Konzern, der das Unternehmen in vielen Details kennt, der vor 23 Jahren bei Bill Gates angeheuert hat. Vor allem aber ist Sinofsky derjenige, der Microsofts wichtigstes Produkt gerettet hat: Windows.

In Rekordzeit machte er aus den Trümmern, die Windows Vista hinterlassen hatte, Windows 7, ein PC-Betriebssystem, das von Presse und Anwendern gleichermaßen für seine Stabilität und klare Benutzerführung gelobt wurde. Nur zwei Jahre später legte er Windows 8 nach und sorgte dafür, dass Windows Phone 8 auf denselben Grundlagen errichtet und somit Smartphone-, Tablet- und PC-Software vereinheitlicht wurden.

Keine Frage, Steven Sinfosky war ausgesprochen erfolgreich mit dem, was er bei Microsoft tat. Rücksichtsvoll war er nicht gerade. Das berichten zumindest Microsoft-Mitarbeiter, die mit ihm zu tun hatten.

Die Karriereleiter

Wenn er auf der Bühne stand, um ein neues Produkt zu präsentieren, sprühte er vor Energie, verströmte einen charmanten, jungenhaften Enthusiasmus, eine Begeisterung für seine Produkte, wie man sie in seinem Konzern nur selten findet. Seinen Kollegen zufolge erstreckte sich eben diese Begeisterung aber nur auf seinen Arbeitsbereich und damit auf seine Produkte. Er wird als einer beschrieben, der argwöhnisch sein Revier absteckte, niemanden rein und nichts raus ließ. Windows war seine Welt. Was sonst noch im Konzern vor sich ging, schien ihn nicht zu interessieren.

Genau das dürfte auch der Grund sein, weshalb er keine echte Chance hatte, tatsächlich einmal den Chefposten von Steve Ballmer zu übernehmen, den ihm manche Beobachter nach seinen Windows-Erfolgen zugedacht hatten. Die Gewissheit, im Konzern an einem Endpunkt angekommen zu sein, könnte es auch gewesen sein, die Sinofsky aus dem Haus Microsoft trieb.

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Mit Windows RT: Das ist Microsofts Surface-Tablet
Der Fall erinnert nicht zufällig an den Rausschmiss des Apple-Managers Scott Forstall vor einer Woche. Auch Forstall, der bei Apple für das iOS-Betriebssystem von iPhone und iPad zuständig gewesen ist, wird als einer beschrieben, der innerhalb des Konzerns um sich trat und sein Revier verteidigte. So wie Forstall angeblich die Zusammenarbeit mit dem Apple-Designer Jonathan Ive verweigert hatte, soll Sinofsky Probleme mit J Allard gehabt haben. Allard hatte bei Microsoft zuletzt an einem Tablet-PC namens Courier gearbeitet, dessen Entwicklung 2010 wohl auf Sinofskys Wirken hin eingestellt wurde. Allard verließ das Unternehmen, Sinofsky entwickelte die Surface-Tablets.

Wer füllt die Lücke?

Darüber, ob Sinofsky nun aus freien Stücken gegangen ist oder gegangen wurde, kann man derzeit nur spekulieren. Offiziell heißt es in Microsofts Mitteilung nur, dass er geht. In einer E-Mail an Microsoft-Mitarbeiter schreibt Sinofsky, er habe nach 23 Jahren beschlossen, die Firma zu verlassen, um neue Möglichkeiten zu suchen, seine Erfahrung einzubringen. Spekulationen über die Gründe oder das Timing seines Abgangs erteilt er eine Absage und betont nochmals, auf eigenen Wunsch zu gehen.

Ungeachtet von den Motiven - für Steve Ballmer ist Sinofskys Weggang ein Riesenproblem. Dass der Windows-Macher nicht einfach zu ersetzen ist, zeigt sich schon darin, dass künftig nicht eine, sondern zwei Managerinnen seine Aufgaben übernehmen sollen. Ohne Zweifel sind beide dazu fachlich in der Lage.

Die Frage ist, ob sie dasselbe Durchsetzungsvermögen und ähnlich klare Vorstellungen von der Windows-Zukunft haben wie Sinofsky. Unter ihm wurde das Betriebssystem von einer monolithischen Software-Dauerbaustelle, die sich mühsam von Update zu Update schleppte, zu einem modernen Betriebssystem. In seiner jüngsten Inkarnation wirkt es fast so, als wäre es gerade erst erfunden worden - und nicht vor einem Vierteljahrhundert.

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insgesamt 103 Beiträge
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1.
janne2109 13.11.2012
Überall Rätsel....., vielleicht ist es für die betroffenen und den engsten Kreis drum herum gar kein Rätsel?? Soll das Wort Rätsel eine Angelegenheit nur spannend für den Leser machen??
2. Ich kann nicht viel zu seinen Managerqualitäten sagen ...
olaf_olafson 13.11.2012
Zitat von sysopMit Steven Sinofsky verliert Microsoft seinen wertvollsten Manager. Er renovierte nicht nur Windows von Grund auf, sondern konnte seine Produkte auch auf der Bühne perfekt präsentieren. Wurde er wirklich aus dem Unternehmen gedrängt, wie einige vermuten? Steven Sinofsky: Warum der Windows-Chef gehen musste - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/steven-sinofsky-warum-der-windows-chef-gehen-musste-a-867009.html)
... aber ein Bühnenprofi war er sicher nicht. Man erinnere sich nur daran, wie nervös er bei der Surface-Präsentation rumgestottert hat und dann vertuschen wollte, dass sich sein Gerät aufgehangen hatte. Ein Profi hätte da anders reagiert. Ich habe bei MS noch keinen Bühnenprofi gesehen. Die versuchen alle zu krampfhaft, die Apple-Shows zu kopieren. Vielleicht ist auch ein Fremdschämen für die Auftritte ihres CEOs dabei ...
3. von MS zu Apple?
wind_stopper 13.11.2012
Zufall? Vor einer Woche wurde bei Apple eine aehnliche Stelle frei, nun verlaesst Sinofsky MS ... vielleicht geht er ja zu Apple und man is bei MS deshalb so kurz angebunden?
4. Naja
megaflax 13.11.2012
Welches Rätsel? Wer Windows 8 mal ausprobiert hat, der weiß dass einiges schief läuft in der Abteilung...
5. Was ist daran rätselhaft?
zensorsliebling 13.11.2012
Immerhin hat Forbes erst dieses Jahr bestätigt, dass Steve Ballmer der schlechteste CEO Amerikas ist: http://www.forbes.com/sites/adamhartung/2012/05/12/oops-5-ceos-that-should-have-already-been-fired-cisco-ge-walmart-sears-microsoft/3/ Wenn man sieht, wie unrealistisch "King Kongs Deoroller" die Chancen von Microsoft einschätzt, würde ich auch das Weite suchen. Windowsnutzer aufgepasst, schaut euch nach Alternativen um.
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