Straßenfotografie Wen und was man knipsen darf - und was nicht

Straßenfotografen schaffen Bilder ihrer Zeit - aber ist es eigentlich rechtlich zulässig, was sie tun? Wann gilt das Recht am eigenen Bild, was darf veröffentlicht werden und was nicht? Wir beantworten die wichtigsten Rechtsfragen.

Fotograf Bruce Gilden mit Foto-Brille in New York: Was darf man knipsen?
Natan Dvir / DER SPIEGEL

Fotograf Bruce Gilden mit Foto-Brille in New York: Was darf man knipsen?

Von Matthias Krug


Wen man wann fotografieren und ob man die Bilder veröffentlichen darf, ist hierzulande im Gesetz betreffend das Urheberrecht an Werken der bildenden Künste und der Photographie (KunstUrhG) geregelt. Einschlägig sind die Paragraphen 22 und 23 KunstUrhG.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Straßenfotografie:

Mein Haus wird fotografiert. Ich stehe auf dem Balkon meines Hauses. Dürfen Touristen das fotografieren? Und dürfen sie ihre Fotos möglicherweise sogar veröffentlichen?

Im öffentlichen Raum ist das Fotografieren, auch von Personen, grundsätzlich nicht verboten. Es gibt aber keinen legitimen Grund, Bilder von dem Hausbewohner ohne sein Einverständnis zu veröffentlichen. Eine Ausnahme ist, wenn er auf dem Bild nur Beiwerk ist, zum Beispiel auf einem Landschaftsfoto. Gebäude als solche genießen keinen besonderen Schutz. Wenn es von einer öffentlich einsehbaren Stelle, etwa von der Straße aus aufgenommenen wurde, dann darf das Bild des Hauses auch veröffentlicht werden. Nicht zulässig ist, das Haus vom Grundstück des Besitzers aus zu fotografieren. Ein Personenbezug darf bei Veröffentlichung des Gebäudes grundsätzlich nicht hergestellt, insbesondere der Name des Bewohners also nicht gleichzeitig erwähnt werden.

Wo fängt eine Veröffentlichung an?

Sofern der Abgebildete mit der Veröffentlichung einverstanden ist, oder er auf dem Bild nur als Beiwerk erscheint, ist die Veröffentlichung grundsätzlich zulässig.

Ansonsten ist nicht nur die Veröffentlichung, sondern nach herrschender Rechtsansicht auch die nichtöffentliche Verbreitung unzulässig - also auch eine Weitergabe im privaten Freundeskreis. Ob dies in dieser Absolutheit, zumal angesichts der Allgegenwart von Handyfotografie, noch zeitgemäß ist, erscheint aber fraglich. So ist nicht wirklich nachzuvollziehen, weshalb bei im öffentlichen Raum aufgenommenen Personenbildnissen auch eine Weitergabe in einem eng beschränkten privaten Umfeld selbst dann unzulässig sein sollte, wenn keine besonderen Umstände (etwa Nacktheit, erkennbare Verzweiflung etc.) für ein erhöhtes Schutzbedürfnis des Abgebildeten sprechen. In Fällen einer Weitergabe im Freundeskreis wird aber wohl ohnehin oft gelten: Wo kein Kläger, da kein Richter.

Klar ist aber: Jede Verbreitung, die nicht nur an einen eng beschränkten persönlichen Freundeskreis gerichtet ist, sollte in jedem Falle unterbleiben. Dies gilt insbesondere auch für eine Nutzung auf Facebook - und zwar natürlich um so mehr, je weniger man den Kreis seiner zugriffsberechtigten Facebook-Freunde beschränkt - und erst recht für eine Verbreitung über Instagram oder Twitter, wo einem ohnehin jeder folgen kann.

Ich bin als Tourist in Berlin unterwegs. Darf ich auf dem Alexanderplatz fotografiert werden? Kann ich den Fotografen zwingen, das Foto zu löschen?

Man kann den Fotografierenden nicht zwingen, die Bilder zu löschen. Ein Fotografierter kann lediglich verlangen, dass das Bild nicht veröffentlicht wird, sofern er darauf nicht lediglich Beiwerk ist.

Welche Regeln gelten bei Gruppenaufnahmen, zum Beispiel bei einer Demonstration, bei Faschingsumzügen oder bei Konzerten?

Die Gruppe ist kein Rechtsbegriff. Eine Gruppenaufnahme ist aber in der Regel zulässig, wenn sie zeitgeschichtliche Bedeutung hat oder es sich um das Bild einer Versammlung oder eines ähnlichen Ereignisses handelt. Wenn der Einzelne auf dem Bildmotiv eine hervorstechende Rolle hat, spricht das gegen eine Veröffentlichung. Pauschal lässt sich nicht sagen, ab welcher Personenzahl bei einem Ausschnitt aus einer größeren Ansammlung von Menschen noch der Gruppencharakter im Vordergrund steht. Aber natürlich gilt: Je kleiner die Zahl, desto eher liegt der Fokus nicht mehr auf dem zeitgeschichtlichen Kontext, sondern auf den abgebildeten Einzelpersonen.

Schon ein Weihnachtsmarkt oder ein Mieterfest können zeitgeschichtlich relevant sein. In diesem Rahmen können Aufnahmen, die das Ereignis dokumentieren, zulässig sein, auch wenn einzelne Personen mit abgebildet werden. Für die Abwägung, ob ein Bild gezeigt werden darf, ist stets auch von Bedeutung, was mit ihm ausgesagt werden soll. Faschingsumzüge, Demonstrationen und sonstige Aufzüge sind von dem Einwilligungserfordernis grundsätzlich ausgenommen. Gruppenaufnahmen von solchen Ereignissen dürfen in aller Regel ohne Weiteres veröffentlicht werden. Hält jemand bei einer Demo ein Plakat hoch, so wird man meist davon ausgehen dürfen, dass auch eine herausgehobene Veröffentlichung zulässig ist. Denn durch sein Verhalten bekundet er erkennbar den Willen, mit seiner Botschaft in die Öffentlichkeit hinein zu wirken. Personen, die einfach bei der Demo mitlaufen, sind dagegen nicht als Einzelpersonen zu veröffentlichen, obwohl sie sich auf einer Demonstration und im öffentlichen Raum bewegen.

Bei Konzerten oder Sportveranstaltungen gilt es, die Bedingungen auf der Rückseite der Eintrittskarte zu lesen. Unter Umständen gilt auf Basis des Hausrechts ein Fotografier-Verbot. Ansonsten gilt: Wird die Gesamtheit der Fans oder Konzertbesucher fotografiert, dokumentiert dies das Ereignis und ist damit zeitgeschichtlich relevant. Bei herausgestellten einzelnen Personen kann es dagegen Probleme geben.

Hat Straßenfotografie als Kunstbegriff in Deutschland eine Sonderstellung?

Bildnisse, die einem höheren Interesse der Kunst dienen, dürfen auch ohne Einwilligung der Abgebildeten verbreitet werden. Auch Straßenfotografie verdient Anerkennung als Kunstform und ist damit schützenswert. Umstritten ist aber, inwieweit Bilder von Passanten unter diesem Gesichtspunkt veröffentlicht werden dürfen, ohne dass die Abgebildeten einverstanden sind. Der Fotograf Espen Eichhöfer führt zu dieser Frage gerade einen Prozess. In erster Instanz ist er zum Unterlassen der Verbreitung eines Bildes verurteilt worden, bei dem die Abgebildete mit der Veröffentlichung nicht einverstanden war. Denkbar wäre, dass der Ausgleich zwischen Kunstfreiheit und Persönlichkeitsschutz am Ende so gefunden wird, dass eine Verbreitung in Galerien und Kunstbüchern möglich bleibt, eine darüber hinausgehende Verbreitung, insbesondere über das Internet, aber untersagt wird. Damit man sich auf die Kunstfreiheit berufen kann, sollte mit dem Foto tatsächlich auch ein künstlerischer Anspruch verfolgt werden.

Wie ist das in den USA und anderen Ländern?

In den USA gilt nach unserem Rechtsverständnis, dass in der Öffentlichkeit abgelichtete Personen und Straßenszenen grundsätzlich auch veröffentlicht werden dürfen. In anderen Teilen der Welt ist das aufgrund unterschiedlicher kultureller Prägungen sehr unterschiedlich, teilweise auch deutlich strikter als in Deutschland. Innerhalb von Europa gibt es durch die europäischen Rechtsordnungen eine gewisse Angleichung der Rechtslage. Aber auch hier gibt es in der Rechtspraxis noch deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern.

Tipp:

Am besten bittet man die abgelichteten Personen um ihr Einverständnis zur Veröffentlichung. Zugegeben, es ist schwierig und in der Praxis eher zu leisten, wenn man zu zweit ist. Wenn man sich die E-Mail-Adresse der abgelichteten Personen geben lässt, kann man das Einverständnis auch nachträglich noch einholen, wenn man das Foto nach Sichtung aller Aufnahmen für zeigenswert hält.

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