Von Matthias Kremp
Hamburg - Das soll wohl die Ruhe vor dem Sturm sein: Mit einer Reihe von Abkündigungen bereitet sich der Handykonzern Nokia auf einen Neustart in den USA vor. Das Highend-Handy N9 soll in Nordamerika erst gar nicht an den Start gebracht werden, Lowend-Telefone mit Series-40-Betriebssystem (S40) sowie Symbian-Smartphones will der Konzern dort ebenfalls vom Markt nehmen. Stattdessen, erklärt Nokias Nordamerika-Boss Chris Weber gegenüber AllThingsD, wolle man sich ganz auf die Einführung von Windows-Phone-7-Smartphones konzentrieren.
"Wenn wir unsere ersten Windows-Handys einführen, werden wir das Geschäft mit Symbian und S40 weitgehend eingestellt haben", sagte der Manager. An deren Stelle werde Nokia sich in den USA voll auf die neuen Windows-Modelle und Zubehör für diese konzentrieren. Wie groß der Druck durch diese Umstellung ist, lässt er klar erkennen: "Wenn wir mit Windows Phone nicht erfolgreich sind, ist alles andere sowieso egal."
Nokias Entscheidung beendet die zeitweilig ausgesprochen erfolgreiche Präsenz des Konzerns mit sogenannten Feature-Phones, also günstigen Brot-und-Butter-Handys, im US-Markt. Bis zu einem Drittel Marktanteil hatten die Finnen in den USA in ihren besten Jahren, verloren mit der steigenden Popularität von Smartphones aber stetig an Bedeutung. Heute beherrschen Apples iPhone, Android-Geräte und Blackberrys den Markt.
Mangelndes Interesse bei den US-Providern
In einer Erklärung, die das Unternehmen gegenüber Engadget abgab, heißt es: "Bei Nokia fällt jedes Land seine eigenen Entscheidungen darüber, welche der verfügbare Produkte im jeweiligen Markt eingeführt werden." Als Grundlage für diese Entscheidungen dienen den jeweiligen Landeschefs Erkenntnisse über den Absatz aktueller Modelle und das Wissen über geplante Neuvorstellungen.
Genau das hat Nokia USA nun offenbar dazu veranlasst, die einst weltweit führenden Systeme Symbian und Series 40 aufzugeben. Viel zu verlieren hat der Konzern dabei aber nicht. AllThingsD gegenüber bestätigte Weber, das zuletzt eingeführte Nokia Astound, hierzulande als Nokia C7 im Handel, habe nur enttäuschend geringen Absatz gefunden. Die zuvor erfolgte Ankündigung, Nokia werde künftig mit Microsoft zusammenarbeiten, sich auf Windows-Handys konzentrieren, hatte wohl Anteil an dieser Schlappe.
In Zukunft ohne Onlineshop
Ohnehin ist Nokias Präsenz bei amerikanischen Mobilfunkanbietern derzeit ausgesprochen gering. T-Mobile USA bietet 24 Android-Modelle aber nur zwei Nokia-Handys an. A&T hat eines im Portfolio, Verizon verzichtet ganz auf Nokia. Wer in den USA ein Nokia-Handy kaufen will, muss das Gerät online ordern, unsubventioniert von einem Netzbetreiber und deshalb teuer. Seinen eigenen amerikanischen Onlineshop hat das Unternehmen allerdings Ende Juni geschlossen, verweist jetzt auf Amazon als Bezugsquelle.
Genau dieses Verhältnis soll mit der Einführung von Windows-Handys umgekehrt werden. Künftig, so Nokias Plan, will man seine Produkte in den USA ausschließlich über die Mobilfunk-Provider anbieten. Zum einen würden die Handys dann, durch die Subventionen der Provider, billiger. Zum anderen würde man den Netzbetreibern einen zusätzlichen Anreiz schaffen, Nokia-Handys anzubieten, wenn Nokia nicht mehr selbst als Anbieter, also als Konkurrent, in Erscheinung tritt.
Was Nokia zum N9 sagt
Ob dieser Plan aufgeht wird sich aber erst zeigen, wenn Nokia mit der Einführung seiner Windows-Telefone beginnt. Wann es soweit sein wird, ist bislang allerdings noch vollkommen unklar. Nur, dass Nokia zumindest sein künftiges Hightech-Vorzeige-Windows-Smartphone noch in diesem Jahr vorstellen und in den Handel bringen will, hat das Unternehmen bereits angekündigt. Einen Termin dafür gibt es allerdings noch nicht. Zumindest denkbar wäre eine Vorstellung im Rahmen der Ifa, Anfang September in Berlin. Möglich wäre, dass der Konzern seine jährliche Entwicklermesse Nokia World im Oktober nutzt. Im vergangenem Jahr stand die Veranstaltung ganz im Zeichen des damals neuen N8.
Was nun aber aus dem technologisch weit fortgeschrittenen N9 wird, lässt sich nur vermuten. Tester, die sich mit dem Gerät länger beschäftigen konnten, zeigten sich meist begeistert. Dreh- und Angelpunkt von Kritik ist aber das MeeGo-Betriebssystem des neuen Nokia-Flaggschiffs. Denn dieses Linux-Derivat hat zur Zeit keine nennenswerte Verbreitung und ein nur mageres Umfeld verfügbarer Apps. Einen konkreten Termin für den Verkaufsstart des N9 hat Nokia bisher nur für Schweden bekanntgegeben und den 23. September genannt. Dem britischen "Inquirer" gegenüber wollte Nokia UK allerdings keinen Termin für Großbritannien nennen. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE gab Nokia Deutschland eine deckungsgleiche Auskunft bezüglich der Markteinführung hierzulande.
Alles wird anders - vielleicht
Vielleicht wird das N9 so zu einer Randnotiz der Technikgeschichte - in dem es die Grundlage für Nokias erstes Windows-Phone bildet. Der Grund für diese Vermutung: Ende Juni verbreitete das ungarische Blog Technet den Videomitschnitt einer Presseveranstaltung, auf der Nokia-Chef Stephen Elop einen Sea Ray genannten Prototyp eines Windows-Handys vorführte - der mit dem N9 bis auf wenige Details identisch war.
Sollte dieses Video authentisch sein, könnte das N9 zum Weihnachtsgeschäft unter anderem Namen als Windows-Phone-7-Handy in die Läden kommen. Die technischen Voraussetzungen und das richtige Design dafür bringt es jedenfalls mit.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gadgets | RSS |
| alles zum Thema Nokia | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH