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Supercomputer Watson: Mensch und Maschine im Kopf-an-Kopf-Rennen

Von Nina Rehfeld

Wie ein Streber wirkte IBMs Supercomputer Watson, als er in der US- Quizshow "Jeopardy" gegen zwei menschliche Champions antrat. Zwar konnte der mächtige Rechner blitzschnell Wissen aus seiner gigantischen Datenbank abfragen. Mit dezenten Zwischentönen konnte der Computer wenig anfangen.

Supercomputer gegen Mensch: Watson spielt Jeopardy Fotos
AP/ Jeopardy Productions

New York - Es geht um viel, um die geistige Vorherrschaft auf dem Planeten. Kandidaten der Menschheit: Ken Jennings, der schon 74 Folgen "Jeopardy" in Serie gewonnen hat, und Brad Rutter, der mit über 3,25 Millionen Dollar Gewinn bislang finanziell erfolgreichste Kandidat der Rate-Show.

Auf der anderen Seite: IBMs Quiz-Rechner mit dem Namen Watson, ausgestattet mit etwa 16 Terabyte Arbeitsspeicher, 80 Billionen Berechnungen pro Sekunde, ausgeführt mit der Hilfe von 90 3,5-Gigahertz-Prozessoren. Schlau und schnell genug, um es in dem von Wortspielen geprägten Quiz mit den besten menschlichen Experten aufzunehmen. So jedenfalls hoffen es die Schöpfer der Rechenmaschine.

Watson, benannt nach dem Unternehmer Thomas J. Watson Sr., der als IBM-Vorstand von 1914 bis 1956 IBM aus einem kleinen Betrieb eine Firma von Weltruf schmiedete, hatte in einem Testlauf vor der Presse die menschlichen Kandidaten bereits geschlagen. Nun stand er symbolisch zwischen Jennings und Rutter: Ein Quizshow-Avatar des in Wahrheit zehn Großkühlschränke umfassenden Computers, der im Nebenzimmer des IBM-Zentrums bei New York platziert war, wo die Sendung aufgezeichnet wurde.

Watson trat als schwarzer Monolith in Erscheinung, verziert mit einer hübschen, leuchtenden Erdkugel, um die symbolische "Gedankenströme" oszillierten, und fünf nach oben fortstrebenden Strichen. Kein Vergleich zum bedrohlichen roten Auge, mit dem der Supercomputer HAL 9000 in Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" den Astronauten ihre Geheimnisse von den Lippen ablas.

Ein Gefühl für die Komplexitäten

"Ich bin ein System, das komplexe Fragen beantwortet", stellte sich Watson mit dem freundlichen, männlichen Bariton eines Telefonleitsystems vor. "Komplexe Fragen" sind in diesem Zusammenhang die Schlüsseltexte von "Jeopardy" - wortspielerische Sätze, zu denen die Kandidaten binnen fünf Sekunden die passende Frage formulieren müssen.

Darauf sind die 25 IBM-Ingenieure, die vier Jahre lang an Watson bastelten, besonders stolz: Dass sie ihrem System ein Gefühl für die Komplexitäten der menschlichen Sprache beibrachten. "Gesucht für den Diebstahl eines Laibes Brot in ,Les Miserables' und sehr, sehr gefragt auch aus anderen Gründen" lautete etwa eine Aufgabe, die Watson korrekt mit der Frage "Wer ist Jean Valjean?" zu beantworten wusste.

In Millisekunden, so wurde den Zuschauern erklärt, durchforstet der Computer sein 200 Millionen Seiten umfassendes Wissenskompendium. Auf einer am Bildrand mitlaufenden Grafik wurden die drei vielversprechendsten Übereinstimmungen und eine sogenannte Zuversichtsschwelle dargestellt, nach der Watson die Geschwindigkeit seiner Meldung und seine Antwort bestimmt.

Das Prinzip dahinter: Wer zuerst den Knopf drückt, kommt dran; eine richtige Antwort beschert dem Kandidaten den Geldwert der Frage, eine falsche hat den Abzug der Summe vom bisher erzielten Gewinn zur Folge. Wie sich zeigte, hatte Watson besonders bei Textzeilen aus Beatles-Songs gut aufgepasst, und auch die Bösewichte aus "Herr der Ringe" und "Harry Potter" vermochte er anhand der Schlüsselworte blitzschnell zu identifizieren.

"Die menschliche Ära wird enden"

Watson erwies sich außerdem als Zocker: Mit einem "Daily Double" konfrontiert, das dem Spieler den Einsatz seines Höchstgewinns erlaubt, ging er aufs Ganze - und gewann. Schon nach wenigen Minuten lag er in der Wertung weit vorn. Am Ende der Sendung war Watson dann mit Brad Rutter gleichauf, bei einer Gewinnsumme von 5000 Dollar, mit 3000 Dollar Vorsprung vor Jennings. Dies war ja erst der Auftakt eines dreitägigen Turniers, dessen Sieger am Mittwoch bestimmt wird.

Die Faszination mit künstlicher Intelligenz reicht in den USA weit in diesen Tagen. Gerade hatte das Wochenmagazin "Time" eine Geschichte über die Singularity-Bewegung auf dem Titel, die der totalen Umkrempelung der menschlichen Zivilisation durch intelligente Maschinen entgegen fiebert. Unter anderem wird darin das exponentielle Wachstum der Rechnerkraft seit 1900 illustriert - und der Science-Fiction-Autor Vernor Vinge mit den Worten zitiert: "Binnen 30 Jahren werden wir die Möglichkeiten haben, übermenschliche Intelligenz zu erzeugen. Wenig später wird die menschliche Ära enden."

Doch der zentrale Streitpunkt der Debatte um künstliche Intelligenz ist ja, ob der quantitative Anstieg der Rechnerkraft auch qualitative Auswirkungen haben wird. Die zentrale Frage lautet: Wann lernen Rechner denken?

Bei "Jeopardy" zumindest wurden die Grenzen der Rechnerintelligenz schon bei doppelbödiger Semantik offenbar. "Abgeleitet vom lateinischen Wort für ,Ende', ist dies ein Ort, wo auch Züge ihren Ausgang nehmen", lautete etwa der Text einer Aufgabe. Gesucht wurde: "Was ist ein Terminal?" Hier versagte Watson kläglich. Mit "finis" nannte er zwar ein passendes lateinisches Wort, konnte aber nicht den Zusammenhang zum Bahnhof herstellen.

Und als Ken Jennings die Genese von Kreuzworträtseln und Oreo-Doppelkeksen in der falschen Dekade platzierte und die Reihe an Watson kam, probierte es der Computer tumb noch einmal mit demselben falschen Jahrzehnt. Zu dem komplexen Feedbacksystem, das den Grundbaustein menschlicher Intelligenz bildet, hat der Faktenfresser offenbar keinen Zugang.

Noch nicht. Denn Watson ist auf Selbstverbesserung programmiert und baut sein Wissen beständig aus - je mehr Fehler er macht, desto mehr lernt er. Ob er damit bloß menschliche Quizshow-Kandidaten schlagen oder womöglich tatsächlich den Graben zwischen Wissen und Verständnis überbrücken kann, bleibt dahingestellt. Nach dem Ende des "Jeopardy"-Matches wollen ihn die IBM-Ingenieure, die unter anderem auf die Anwendung von Watsons Intelligenz in der medizinischen Diagnostik hoffen, auseinandernehmen. Sein Ende durch Menschenhand wusste letztlich auch HAL 9000 nicht zu verhindern.

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1. Warum...
mavoe 15.02.2011
Zitat von sysopWie ein Streber wirkte IBMs Supercomputer "Watson", als er in der US- Quizshow "Jeopardy" gegen zwei menschliche Champions antrat. Zwar konnte der mächtige Rechner blitzschnell Wissen aus seiner gigantischen Datenbank abfragen. Mit dezenten Zwischentönen konnte der Computer wenig anfangen. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,745579,00.html
...warum wird zu diesem Thema jetzt ein zweites Forum aufgemacht? http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=29502&page=7
2. Klar dass die USA verzweifelt auf der Suche
si_tacuisses 15.02.2011
Zitat von sysopWie ein Streber wirkte IBMs Supercomputer "Watson", als er in der US- Quizshow "Jeopardy" gegen zwei menschliche Champions antrat. Zwar konnte der mächtige Rechner blitzschnell Wissen aus seiner gigantischen Datenbank abfragen. Mit dezenten Zwischentönen konnte der Computer wenig anfangen. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,745579,00.html
nach "künstlicher Intelligenz" sind. Die natürlich scheint ihnen ja in großem Stil abhanden gekommen zu sein. Zumindest wen man sich die Administrationen seit 1976 anschaut.
3. ...
oloarkh 15.02.2011
Zitat von si_tacuissesnach "künstlicher Intelligenz" sind. Die natürlich scheint ihnen ja in großem Stil abhanden gekommen zu sein. Zumindest wen man sich die Administrationen seit 1976 anschaut.
Einen derartig unproduktiven Beitrag von jemandem, der sich Si Tacuisses nennt... Zum Artikel: Ich glaube, dass der Übergang "von Quantität zu Qualität" noch sehr sehr lange auf sich warten lassen wird, wie auch bereits in dem letzten Artikel angeklungen, Faszination KI hin oder her.
4. Intelligenz
Meckermann 15.02.2011
Jeopardy hat generell wenig mit Intelligenz zu tun. Im Grunde wird hier wie in den meisten Quizshows Müllwissen abgefragt, mit dem kleinen zusätzlichen Twist, dass zu der gegebenen Antwort die Frage genannt werden muss. Bemerkenswert ist mit Sicherheit das Sprachinterface von Watson und vermutlich auch seine Datenbank. Eine kreative Eigenleistung kann ich hier aber nicht erkennen.
5. hier doppelt gemoppelt, andererorts "Forenverbot"
schmalhans, 15.02.2011
Zitat von mavoe...warum wird zu diesem Thema jetzt ein zweites Forum aufgemacht? http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=29502&page=7
Eine berechtigte Frage, auch angesichts des Umstandes, das SPON bei manchen (zu heiklen ?) Themen quasi schon vorsorglich zensierend erst gar kein Forum bzw. Meinungsaustausch ermöglicht oder zulässt. Ärgerlich sind Doppelforen für jene, die noch im ersten Forum ihre Meinung kundtun, sie aber nicht mehr wahrgenommen werden, weil alle zum neuen Forum umgezogen sind.
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