Die magische Welt der Virtual Reality Vorsicht, nicht erschrecken

Virtual Reality ist nur etwas für Gamer? Von wegen, Datenbrillen können den Alltag vielfältiger und aufregender machen.

Crytek

Vom Tech-Festival SXSW in Austin berichtet


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


"Will ich in der virtuellen Realität wirklich Fahrrad fahren? Ich weiß doch, wie das geht." Von mancher Idee, die andere Entwickler für revolutionär halten, ist Johannes Scholl schlicht gelangweilt.

Der Produktdesigner aus München hat eine mutigere Vision: Mit seinem Geschäftspartner hat er über fast sechs Jahre hinweg den Icaros entworfen, eine Flugmaschine, die im April für 7500 Euro auf den Markt kommt. Auf den Icaros legt sich der Benutzer mit einer Gear-VR-Headset vor dem Gesicht. Die Datenbrille vermittelt ihm den Eindruck, in einer virtuellen Landschaft unterwegs zu sein - in der Luft.

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Durch einen Tastendruck mit der rechten Hand lassen sich Schüsse abfeuern, gelenkt wird der Icaros mit dem eigenen Körpergewicht. "ActiveVR" nennt Scholl sein Konzept, das er auf dem Tech- und Musik-Festival South by Southwest (SXSW) vorführt, "eine Mischung aus Spielen und Sport".

2016 wird ein VR-Jahr

Johannes Scholl ist einer von Tausenden Entwicklern weltweit, die hoffen, mit ihren Ideen vom aktuellen Hype um Virtual Reality (VR) zu profitieren - oder diesen sogar noch anzufeuern. Er ist einer derjenigen, die die virtuelle Realität nicht nur irgendwie spannend finden, sondern glauben, dass sich damit gutes Geld verdienen lässt, vielleicht schon bald.

Tatsächlich ist 2016 ein wichtiges Jahr für VR-Entwickler. Mit der Oculus Rift, der HTC Vive und der Playstation VR kommen in nächster Zeit gleich drei viel erwartete High-End-Datenbrillen auf den Markt. Pappbrillen wie Googles Cardboard gibt es schon für wenige Euro, sogar bei Tchibo und im Happy Meal von McDonald's Schweden.

Sowohl auf YouTube als auch auf Facebook lassen sich 360-Grad-Videos hochladen, erste Redaktionen wie die "New York Times" haben eigene VR-Apps. Die Bandbreite der VR-Projekte reicht von der App für Spinnenphobiker über eine T-Rex-Begegnung bis zum Pornofilm, wie unsere Fotostrecke zeigt.

VR ist zwar noch lange kein Mainstream, langsam kommen Datenbrillen aber auch im Alltag jener an, die weder Gadgetliebhaber noch Gamer sind. Manchem begegnet die Technik bei Promoaktionen in der Fußgängerzone, anderen in Freizeitparks wie dem Europapark Rust.

Auch auf dem SXSW, dem vielleicht hipsten Tech-Festival der Welt, ist der VR-Hype nicht zu übersehen. Dem Thema begegnet man hier ständig: bei Installationen, durch 360-Grad-Filme, durch Werbegeschenke in Form von Pappbrillen.

Im "German Haus", wo sich viele deutsche Festivalbesucher treffen, gibt es einen VR-Thementag, im Hauptprogramm des Festivals gar eine dreitägige Programmschiene "VR/AR". Die Vorträge dazu haben Titel wie: "Virtual Reality und die Wiedergeburt des Musikvideos", "In die Geschichte gesaugt: Virtual Reality und Nachrichten" und "VR-Porn: Die Zukunft steht vor der Tür, was kommt als Nächstes?"

Fotostrecke

29  Bilder
Zukunftstechnik: Diese Virtual-Reality-Projekte gibt es
Ein Ding? Ja. Das ganz große? Vielleicht.

Ein Panel-Moderator fasste die Entwicklung am Samstag treffend zusammen: Vor einem Jahr habe man sich beim SXSW noch gefragt, ob VR eine größere Sache werden würde. Zumindest diese Frage sei mittlerweile geklärt - mit einem klaren Ja.

Auf dem SXSW präsentieren Firmen aus allerlei Branchen ihre VR-Vorstöße. Torsten Wingenter zum Beispiel, "Head of Digital Innovations" bei der Lufthansa, berichtete, wie das Unternehmen auf der ITB Eindruck schindete.

Besucher der Tourismusmesse hatten die Chance, mit einer Oculus Rift in einem Lufthansa-Flieger Platz nehmen und sich per Handbewegung ihr virtuelles Getränk zum Mund zu führen. Die Idee: Kunden könnten viel eher auf die Idee kommen, ein First-Class-Ticket zu buchen, wenn sie vorher Probe gesessen haben. Auf der Lufthansa-Website finden sich auch noch mehrere 360-Grad-Reisevideos für Cardboard-Brillen.

"Nicht nur für Computerspiele und Filme"

Neben der Lufthansa experimentiert in Deutschland unter anderem Media-Saturn mit VR: Das Unternehmen bietet neuerdings in zwei Saturn-Märkten die Möglichkeit, mit der HTC Vive und ihren Handcontrollern virtuell eine Küche zu konzipieren. "Wir sehen Virtual Reality als bereichernde Technologie auf vielen Ebenen", hieß es in einer Pressemitteilung des Unternehmens, "nicht nur für Computerspiele oder Filme."

Stephan Christian, zuständig für "Digital Innovation Research", sagte beim SXSW auf Nachfrage, Media-Saturn wolle Erfahrungen sammeln, wie Menschen auf VR reagieren und mit VR interagieren, "von den 16-Jährigen bis zu den Großeltern": "Die zwei Märkte werden nicht die einzigen bleiben, in denen wir VR-Angebote testen."

Andere VR-Ideen sind actionreicher als eine Küchenkonzeption: Ein Football-Coach erzählte in Austin zum Beispiel, wie Training in der virtuellen Realität helfen kann, Profis noch besser zu machen. Und bei einem weiteren Podium tritt ein Filmemacher auf, dessen Kurzfilme Themen wie eine Vergewaltigung auf einer Collegeparty und Polizeigewalt haben. VR-Erlebnisse können auch schockieren oder anstrengend sein.

Beim Flugmaschinenprojekt Icaros von Johannes Scholl ist die Anstrengung gleich Teil des Vermarktungskonzepts: Der Start-up-Gründer will seine Erfindung unter anderem an Fitnessstudios verkaufen, erste Abnehmer für das 7500-Euro-System soll es bereits geben.

"Wir wollen den Körper des Nutzers in neue Positionen bringen", sagt Scholl, während neben ihm schon der nächste Tester mit einem Grinsen im Gesicht abhebt. Ja, spannender als virtuell Fahrradfahren ist Fliegen wohl wirklich.


Zusammengefasst: Virtual Reality ist auf dem Tech-Festival South by Southwest in Austin eins der wichtigsten Themen. Nicht nur Spieleentwickler experimentieren mit Datenbrillen, sondern auch Wissenschaftler, Reiseunternehmen, Freizeitparks, Redaktionen und Pornoproduzenten. Einen Eindruck von der Vielfalt der Ideen liefert unsere Fotostrecke.



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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
mimas101 13.03.2016
1. tststs
Nachdem das viel beschworene 3D im TV tot ist (es kam halt nie über eine Jahrmarktsattraktion hinaus) wird halt die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Bin nur mal gespannt wie lange dieser Hype anhalten wird; ich tippe auf kaum mehr als 3 Jahre um dann in irgendeinem technischen Museum zu landen.
kosaptes 13.03.2016
2. Anwendunge
Noch immer gibt es für den interessierten Privatanwender keine überzeugenden Anwendungen die die Anschaffung einer solchen Technologie nahelegt.
seikor 13.03.2016
3. wo ist jetzt der
Selbst eine Küche kauft man nur wenige Male in seinem Leben. Spiele und Vergnügen zähle ich nicht zum "Alltag" - wo sind also die Beispiele der Nutzung im Alltag?
Hannes Stuhl 13.03.2016
4. Zähl die Fingerchen
Ist kein T-Rex. Ansonsten: VR wird natürlich immer nur eine Spielerei für Nerds und kapitalstarke Protze sein, nichts für die breite Masse, so wie man sich das bei 3D mal gedacht hatte. Den Leuten reicht das einfache DVD-Bild. Darum hat die Blu-Ray schon nie richtig gezündet und die UltraHD-BD dürfte sich noch schwerer tun ...
joynature 13.03.2016
5. Typisch deutsch
Den vorherigen Beiträgen ist klar zu entnehmen wie Deutschland auf neue Technologien reagiert die die Welt verändern werden. Tja Neuland Internet eben. Deshalb hat dieses Land den Einstieg in die wichtigste Revolution der Neuzeit verschlafen, da sich die meisten vor diesem "Neuland" fürchten. Als Administrator sehe ich jeden Tag wie schwer sich die älteren Generationen mit diesem Thema tun. Es ist schade das Deutschland deshalb irgendwann ins hintertreffen geraten wird. Das von einem Land indem das Automobil erfunden wurde und die größten Fortschritte in Physik und Chemie vonstatten gingen. Leider wird der Generationswechsel noch 30 Jahre benötigen. Dann ist es aber zu spät
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