T-Mobile/Microsoft Schwund in der Datenwolke

Bei Microsofts Tochterfirma Danger ist der Name offenbar Programm: Der Dienstleister hinter T-Mobiles Sidekick-Datenservice hat die Daten Tausender Kunden im Nirwana versenkt. Der Fall ist Wasser auf die Mühlen von Kritikern des Cloud-Computing-Konzeptes.


US-Kunden des Sidekick-Service von T-Mobile haben derzeit wenig Grund zur Freude: Vor rund einer Woche verlor der Dienstleister offenbar die Daten einer ungeklärten Zahl seiner Kunden. Die Zahl der Betroffenen könnte im sechstelligen Bereich liegen.

Betroffen sind Adressbücher, Organizer-Daten, Fotos und andere Dinge, die Sidekick-Nutzer in der sogenannten Datenwolke abgespeichert hatten. Diese aber, musste T-Mobile nun in einer ungewöhnlich offenen Entschuldigung an die "sehr geschätzten Nutzer" zugeben, hat sich offenbar vollständig aufgelöst: "Bedauerlicherweise müssen wir Sie nun darüber informieren, dass, basierend auf der letzten Einschätzung zur Datenwiederherstellung von Microsoft/Danger, persönliche Daten, die Sie auf Ihrem Sidekick gespeichert haben, mit höchster Wahrscheinlichkeit auf Grund eines Server-Fehlers bei Microsoft/Danger verlorengegangen sind."

Der beispiellose Datenverlust geschah offenbar im Rahmen einer Migration des Datenbestandes: Statt von einem Server auf den anderen emigrierten die Kundendaten aber ins digitale Nirwana. Seitdem herrscht Zeter und Mordio in amerikanischen Kundenforen, zumal Anbieter T-Mobile auch keine Abhilfe versprechen kann: Der Mobilfunkanbieter rät zurzeit dazu, unbedingt dafür zu sorgen, dass dem Sidekick-Handy des Kunden nicht der Saft ausgeht, weil dann definitiv keine Wiederherstellung der verlorenen Daten mehr möglich sei. Diese sei aber so oder so unwahrscheinlich.

Nur peinlich, schon fahrlässig oder sogar juristisch bedenklich?

T-Mobile verweist in Pressemitteilungen ungewöhnlich deutlich auf die Schuld von Danger und stellt seinen Kunden als Wiedergutmachung zunächst einen vollen Monat freien Datentransfer in Aussicht. Da daran im Sidekick-Kundenkreis aktuell ein verlustbedingter Mangel herrscht, will T-Mobile hier noch nachlegen: Weitere Kompensationen könnten folgen.

Das ist nicht unwahrscheinlich, freiwillig oder nicht: Natürlich besteht zurzeit ein Klagerisiko. Denn bei Cloud-Computing-Diensten wie Sidekick, die ihren Reiz daraus beziehen, dass man im Echtzeit-Datenabgleich seine Notizen und speicherunsgwürdigen Informationen stets zugriffsbereit extern vorhält, besteht die eigentliche Dienstleistung nicht nur aus dem Filehosting, also der Speicherung der Daten, sondern aus ihrer erfolgreichen Zurverfügungstellung - und definitiv nicht ihrer Vernichtung. In einem Land wie den USA, wo man mit juristischer Hilfe reich werden kann, wenn man sich die Finger an einem Kaffeebecher ohne Temperaturwarnung verbrüht, könnte der eine oder andere durchaus auf die Idee kommen, Schadensersatz zu verlangen.

Der Fall ist Wasser auf die Mühlen vorsichtiger EDV-Leiter und Systemadministratoren, die sich dagegen sperren, wichtige Daten einer so genannten Cloud zu übergeben, statt sie Inhouse gespeichert vorzuhalten: Cloud Computing ist ein in Fachkreisen seit Jahren heiß diskutiertes Thema, das in der geschäftlichen Praxis aber anhaltend Probleme hat, sich durchzusetzen. Auch im Privatkundenbereich dürfte das Image der Cloud mit dem Sidekick/Danger-Fall einige Kratzer abbekommen haben.

Cloud Computing: Die Killer-Applikation, die kaum einer will

In der Theorie versprechen Cloud-Computing-Systeme Vorteile für die Nutzer, weil sie Daten oder Dienste aus einer vernetzten "Wolke" von Servern beziehen. Das Konzept geht meist über bloßes Fileshosting hinaus: Man speichert Daten auf einem virtuellen Server, der aus einem oder vielen physischen Servern bestehen mag, und greift über eine auf diese Cloud-Plattform abgestimmte, oft browserbasierte Serviceplattform darauf zu. Die Daten sollen so ortsunabhängig überall zugänglich sein, in Echtzeit aktuell abgeglichen werden, zudem über ein Netzwerk von Servern verteilt werden, das die Lasten stets optimal verteilt, um die Zugänglichkeit der Services zu gewährleisten.

So klingt das zumindest in der Theorie, denn offenbar hat Microsofts Tochterfirma Danger die Sidekick-Daten der T-Mobile-Kunden auf einem einzigen Rechner gespeichert. Auch ein Backup scheint nicht zu existieren, was dem Konzept des Cloud-Computing völlig widerspricht: Die Cloud soll nicht nur ein Backup vorhalten, sondern durch die Verteilung der Informationen auf viele Speicherorte sogar Redundanzen schaffen, die für eine erhöhte Sicherheit sorgen sollen. Was Danger hier anbot, war mithin das Gegenteil von Cloud Computing - eine Mogelpackung, die mit dem schicken Trendwort beworben wurde, sich nun aber als unzureichend abgesichertes Filehosting entpuppte.

pat

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