Tatsch-PC für die Ärmsten: Aus dem 100-Dollar-PC wird ein 100-Dollar-Tablet

Neustart beim Projekt 100-Dollar-PC: Aus dem Klapp-Rechner soll jetzt ein Touch-Tablet werden. Die Chancen stehen gut, dass der angepeilte Tiefpreis dieses Mal tatsächlich erreicht wird - denn statt eines Alleinganges versucht es die Organisation jetzt mit einem Industriepartner.

Prototyp des 100-Dollar-Tablets: Gute Chancen auf Verwirklichung Zur Großansicht
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Prototyp des 100-Dollar-Tablets: Gute Chancen auf Verwirklichung

Nicht nur wohlhabende Besserverdiener der Industriestaaten, auch die Kinder in Entwicklungsländern sollen künftig von der modernen Touchscreen-Technologie profitieren. Die gemeinnützige Organisation One Laptop Per Child (OLPC) hat Pläne bekanntgegeben, wonach der bisherige 100-Dollar-Laptop schon bald durch ein futuristisches 100-Dollar-Tablet ersetzt werden soll. Das geplante Gerät soll allerdings nicht vollkommen neu entwickelt, sondern auf Basis eines 99 Dollar teuren Tablets gebaut werden, das Chip-Hersteller Marvell vor kurzem angekündigt hat.

Die Ziele, die er sich für den 100-Dollar-PC gesetzt hatte, konnte Nicholas Negroponte von OLPC nicht einmal ansatzweise erreichen. Nach seinen Vorstellungen hätten die Schulen der dritten Welt von seinen Kinder-Laptops förmlich überflutet werden sollen. 100 Millionen Exemplare, so der ursprüngliche Plan, wollte er innerhalb der ersten zwei Jahre nach Produktionsstart ausgeliefert haben. Nahezu jedes Kind in Entwicklungsländern wollte er damit ausstatten. Deshalb auch der Name seiner Organisation: One Laptop per Child (OLPC), ein Laptop pro Kind.

Die Gründe für das Scheitern der ambitionierten Pläne sind vielfältig. Produktionsprobleme sollen einen höheren Ausstoß verhindert haben. Zudem gelang es nicht einmal ansatzweise, den Preis zu realisieren, der dem 100-Dollar-Laptop seinen Namen gab. Statt 100 Dollar kostet er fast doppelt so viel. Der Massenabsatz hätte niedrigere Einkaufspreise für die Komponenten ermöglichen sollen.

Fast so groß wie ein Blatt Papier

Auf einen solchen Effekt hofft Negroponte offenbar auch beim 100-Dollar-Tablet. " Wir wollen, dass der Preis sinkt, und der Schlüssel dazu ist die Masse", sagte er der Nachrichtenagentur AP. Schon im Januar 2011 will er das neue Gerät auf der Consumer Electronics Show ( CES) in Las Vegas vorstellen. Wenig später soll es bereits den glücklosen, knubbeligen und knallgrünen 100-Dollar-Laptop ersetzen.

Der Verzicht auf eine richtige Tastatur soll dann helfen, den Flachrechner besser weltweit zu vermarkten. Bisher mussten am Grund-Design des Schüler-Rechners immer wieder regionale Anpassungen vorgenommen werden. Beispielsweise, um die Tastatur an besondere Umweltbedingungen oder nicht-lateinische Buchstabensysteme anzupassen. Da die Tasten künftig nur noch virtuell auf dem Bildschirm existieren, also Software sind, sollen solche Änderungen einfacher, schneller und vor allem billiger durchgeführt werden können.

Über die geplante Hardware-Ausstattung ist bereits einiges bekannt. Laut Marvell-Mitgründer Weili Dai soll der Bildschirm 8,5x11 Zoll groß sein, was den Maßen eines Blattes Din-A4-Papier zumindest nahe kommt. Natürlich soll der Bildschirm Multitouch-Gesten interpretieren und 3D-Grafiken anzeigen können. Die Vernetzung werde per W-Lan erfolgen und außerdem würden ein, möglicherweise sogar zwei Videokameras eingebaut. Dazu, welche Chips das Gerät antreiben werden, machte Weili keine Angaben. Naheliegend wäre es allerdings, Marvells eigenen Armada-600-Chip zu benutzen. Der etwas schwachbrüstige, aber auf geringen Stromverbrauch getrimmte Chip soll auch den von Marvell angekündigten Tablet-PC Moby antreiben, er könnte durch die zusätzlich für das 100-Dollar-Tablet produzierten Mengen billiger werden.

Realismus bremst Visionen

Als Betriebssystem für das Tablet favorisiert Negroponte Linux. Vermutlich werde die erste Version von einer Variante des Google-Betriebssystems Android gesteuert werden, die später möglicherweise durch eine Eigenentwicklung abgelöst werden könnte. Die aktuellen 100-Dollar-Laptops nutzen ebenfalls eine Linux-Variante, über die eine eigens für Kinder entwickelte Benutzeroberfläche namens Sugar gestülpt wurde.

Kritikern, die argwöhnen, das Projekt der Dritte-Welt-Computer sei bereits gescheitert, entgegnet Negroponte, das Projekt habe ganz im Gegenteil mittlerweile einen Wendepunkt erreicht und sei jetzt auf dem richtigen Weg. Er werde nun nicht mehr gefragt, ob das Konzept überhaupt funktionieren könne, sondern müssen sich eher damit auseinandersetzen, Finanzierungsmodelle für interessierte Staaten aufzutreiben.

Mit Blick auf Apples iPad kritisiert er, das teure Tablet sein kein "kreatives Gerät", ganz anders als sein geplantes Billig-Tablet. "Unser Gerät […] wird offener sein, Flash unterstützen und mehr ein Computer als ein Zusatzgerät sein", sagte er " Forbes". Auf die Frage, ob seine Pläne nicht unrealistisch seien, entgegnet er nur: "Die Welt braucht Leute, die nicht realistisch sind, sonst bekommt man immer nur dasselbe alte Zeug."

mak

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