Technikwandel Das Leid der Lampendesigner

Mit der 1841 patentierten Glühbirne verabschiedet sich in den nächsten Jahren die wohl älteste noch gebräuchliche Errungenschaft des E-Zeitalters aus unserem Alltag. Für manchen Lampendesigner ist das eine Katastrophe - ihre Produkte sind für das "kalte" Licht der Sparlampen nicht gemacht.


Espelkamp - Das Verbot der klassischen Glühbirne ist aus Sicht von Lampendesignern ein ästhetisches Unglück. "Da ist ein europäisches Kulturgut bedroht", sagte der Vorstandsvorsitzende des Zentralverbandes Europäischer Designkultur (ZVEDK), Michael Gärtner, im ostwestfälischen Espelkamp der Deutschen Presse-Agentur.

Uralt (links) gegen neu: Viele Menschen empfinden das Licht herkömmlicher Glühbirnen als wärmer. Probleme machen aber oft auch die Formen und Dimensionen neuer Leuchtmittel: Eineinhalb Jahrhunderte wurden Lampen und ihre Fassungen für die international standardisierten Glühbirnen-Größen entworfen. Mitunter passt das neue Leuchtmittel ganz einfach nicht hinein
ddp

Uralt (links) gegen neu: Viele Menschen empfinden das Licht herkömmlicher Glühbirnen als wärmer. Probleme machen aber oft auch die Formen und Dimensionen neuer Leuchtmittel: Eineinhalb Jahrhunderte wurden Lampen und ihre Fassungen für die international standardisierten Glühbirnen-Größen entworfen. Mitunter passt das neue Leuchtmittel ganz einfach nicht hinein

Viele Klassiker des Leuchten-Designs verlören ihre gestalterische Aussagekraft und Brillanz mit dem flauen Licht der Sparlampen, sagte Gärtner. Als Beispiel nannte er die bekannte Bauhaus- Lampe WG 24 von Wilhelm Wagenfeld (1900-1990). "Wenn man dort eine Energiesparlampe hineinschraubt, ist sie zwar durch einen Glasschirm verdeckt, aber es ergeben sich schreckliche Schatten, und die Leuchte verliert ihre wertige Aussagekraft. Der beabsichtigte ästhetische Ausdruck ist nicht mehr gegeben." Bei Schreibtischlampen sei schon aus gesundheitlichen Gründen eine Lichtleistung nötig, die Sparlampen nicht erfüllen könnten. Die Designer setzen auf LED-Technik.

Vom 1. September an greift in der Europäischen Union die erste Stufe des Verbots für Glühlampen (siehe Kasten). Bis 2012 will Brüssel im Sinne des Klimaschutzes nach und nach auch schwächere klassische Glühlampen verschwinden lassen.

Designer Gärtner ist darüber wenig erbaut. "Die klassischen Leuchtmittel bilden annähernd das gesamte Lichtspektrum des Sonnenlichtes ab", sagt Gärtner. "Bei Energiesparlampen ist das Licht dagegen sehr künstlich, und der Weißanteil viel zu hoch. Durch das begrenzte Lichtspektrum wirkt das Licht so flau."

Das ist mehr als nur ein subjektiver Eindruck: Die Farbtemperatur einer Lichtquelle ist eine tatsächlich messbare Größe. Herkömmliche Glühbirnen liegen hier in einem Bereich von circa 2000 bis 2500 Kelvin, wobei eine niedrige K-Zahl mit weniger Lichtausbeute und "wärmerem" Licht korreliert. Eine Kerzenflamme liegt hier bei etwa 1500 K, während die herkömmliche Energiesparlampe (Kompaktleuchtstofflampe) bei 2700 Kelvin gemessen wird - ihr Licht ist also generell "weißer", wird oft als greller empfunden, obwohl die kompakten Röhrenlampen weitgehend blendfrei sind.

Eigentlich haben die Hersteller hier längst nachgebessert. Es gibt mittlerweile Energiesparlampen auf dem Markt, die der Farbtemperatur herkömmlicher Birnen zumindest nahe kommen. Dass wir hier gelbliche Töne als warm, blaue als kalt empfinden, ist natürlich Psychologie - das mögen wir so sehen, seit wir fellgekleidet vor dem Feuer kauerten, während vor Höhle oder Hütte der kalte Wind über eisbedeckte Gletscher pfiff. Energiesparlampen mischen ihre Farbtemperatur allerdings auch aus einem anderem Farbmix ("diskontinuierliches Spektrum"), weshalb Farben in ihrem Licht oft anders, nämlich kälter, ins bläuliche oder grünliche verschoben wahrgenommen werden.

Für die Designer kommt das einem verordneten Eingriff in die Wahrnehmung des gestalteten Wohnumfeldes gleich. "Bis wirklich adäquate Leuchtmittel dem Markt zu Verfügung stehen, wäre eine Sondersteuer schon im Interesse der Freiheit auf Wohnqualität wünschenswert gewesen", so Gärtner. Dänemark habe der EU- Kommission einen entsprechenden Vorschlag unterbreitet, sei aber gescheitert.

Für manche Leuchten-Produzenten habe dies drastische Folgen. "Hersteller von Kristall-Lüstern sind in ihrer Existenz bedroht." Energiesparlampen fehle "die Brillanz", sagte Gärtner. Zudem dominierten die massiven Leuchtmittel mit ihren Elektronikelementen das Umfeld der klaren Transparenz und sind dort nicht zu verbergen.

"Die Leuchtmittelindustrie bietet zwar Lösungen auf Halogen-Basis an. Die halbwegs ästhetischen Lösungen werden jedoch aufgrund ihrer nicht ausreichenden Effizienz ebenfalls spätestens 2016 vom Markt verbannt", sagte Gärtner. Für die nächsten Jahre sei noch keine wirklich nachhaltige technische Nachfolge bei Leuchtmitteln in Sicht.

Der ZVEDK sei dabei, sich bei der Entwicklung neuer Technologie mit einzubringen. "Die LED-Technik ist letztlich die angestrebte langfristige Lösung. Sie kann das Lichtspektrum am ehesten abbilden und ist am sparsamsten. Allerdings muss aufgrund der Lichtleistung das Licht optisch gebündelt werden und eignet sich somit eher für gerichtetes Licht und nicht für eine raumfüllende Ausleuchtung."

Der Streit um die Energiesparlampen habe in diesem Jahr den Anstoß zur Gründung des Zentralverbandes geben, sagte Gärtner. In der politischen Meinungsbildung würden die designorientierten Interessen zu wenig berücksichtigt. Neben den großen Industrieverbänden benötigten die entscheidenden Ministerien fachliche Beratung in gestalterischen und kulturellen Fragen. Der ZVEDK repräsentiert unter anderem zwei Dutzend Leuchtenhersteller und deren Zulieferer.

dpa, pat

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.