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Kreative Bastelei: Zweites Leben für die Zelle

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Statt Schrottplatz: Diese Telefonzelle dient auf einem Bootssteg als Dusche Zur Großansicht
anoldent/ Flickr

Statt Schrottplatz: Diese Telefonzelle dient auf einem Bootssteg als Dusche

Jeder hat ein Handy, wer braucht da noch Telefonzellen? Aus dem Stadtbild sind die Kästen dennoch nicht verschwunden. Viele existieren weiter - als winzige Wohnung, öffentliche Dusche oder gar als Porno-Kabine.

Telefonzellen gibt es nicht mehr? Von wegen. Man muss nur genau hinschauen, dann findet man an vielen Orten einen öffentlichen Telefonapparat. Immerhin standen laut Statista 2014 noch rund 36.000 Münz- und Kartentelefone auf deutschen Straßen. Mittlerweile werden es zwar laufend weniger, doch ganz verschwunden sind die Zellen noch nicht, sie sind bloß unauffällig geworden.

Noch in den Achtzigerjahren ein alltäglicher Anblick: Statt zum Handy zu greifen, suchen Menschen eine der überall zu findenden Telefonzellen auf, um dringende Gespräche zu führen.

Einige Jahre später sah es schon ganz anders aus. Je stärker sich Handys und Smartphones verbreiteten, desto weniger wurden Telefonzellen genutzt. Diese malerisch in der britischen Grafschaft Warwickshire gelegene Zelle wurde Ende des Jahrtausends mit 500 Pfund pro Jahr von der nahe gelegenen Ortschaft Corley gesponsert. Nur so konnte sie weiterbestehen.

Ein fast schon typisches Bild gibt diese alte Telefonzelle im Olympic National Park nahe Seattle ab. Pflanzen überwuchern den seit Jahren ungenutzten Bau.

Aktionen wie diese tragen zum Niedergang der öffentlichen Telefonapparate bei: Unbekannte haben in der Silvesternacht 2015 eine Telefonzelle auf dem Hamburger Kiez gesprengt.

Dabei können Telefonzellen auch nach Ablauf ihrer Nutzungszeit noch ein erfülltes Dasein fristen. So wie diese, die als "Bücherzelle" auf dem Gelände des Kulturzentrums "Moritzhof" in Magdeburg steht

Dieses alte schalldicht isolierte Telefonhäuschen wollte ein 30 Jahre alter Mann aus Hamburg 2011 offenbar benutzen, um darin eine junge Frau einzusperren, die er entführt hatte. Glücklicherweise gelang der 26 Jahre alte Israelin die Flucht aus der Wohnung des Geiselnehmers, bevor dieser sie in das winzige Verließ sperren konnte.

Der Untergrundkünstler Banksy hat die Telefonzelle zum Kunstobjekt gemacht. Wenige Meilen vom Hauptquartier des britischen Geheimdienstes GCHQ entfernt zeichnete er Agenten in Trenchcoats, die jedes Gespräch mithören, neben die Zelle.

Im brasilianischen Sao Paulo wollte die lokale Telefongesellschaft ihren Telefonzellen wohl attraktiver machen und ließ 100 davon von Künstlern dekorieren. Das Ergebnis sind Kunstwerke wie dieses, das zu schreien scheint: "Telefoniere, aber mit Hirn."

Telekom Austria hat sich etwas durchaus Nachhaltiges ausgedacht, um Telefonzellen auch in Zukunft einen Sinn zu geben. 2010 präsentierte das Unternehmen diesen Prototypen, der den Telefonapparat mit einer Stromtankstelle für E-Autos, E-Scooter und E-Fahrräder verbindet.

Künstler Dylan Mortimer fragte sich offenbar, warum man von einer Telefonzelle aus nicht auch gleich "ganz oben" anrufen können sollte. Das Ergebnis ist diese Gebetszelle.

Home Phone heißt diese alte Telefonzelle, die von kanadischen Designbüro Contexture Design zur Miniaturwohnung ausgebaut wurde. Das kleine Gebäude mit Ausklappbett sollte als Anregung zur Diskussion über die Unterbringung von Obdachlosen dienen.

Kunst braucht keine Größe, scheint der schwedische Bildhauer Kent Viberg sagen zu wollen, der 2009 im südschwedischen Nymolla die nach seiner Aussage kleinste Galerie der Welt in eine Telefonzelle baute.

Die Idee scheint sehr verschroben und funktioniert ob der Klarglasfenster wohl auch nur im Wald: Diese Zelle wurde zum Toilettenhäuschen umgebaut. Foto: Antti.

Ist das Kunst? Ja, ist es. Japanische Künstler haben diese Telefonzelle aufwendig abgedichtet und dann mit Wasser und Goldfischen gefüllt. Passanten hatten ihren Spaß daran. Ob es den Goldfischen ebenso ging, ist nicht geklärt.

Dieses Modell ist gleich doppelt bemerkenswert. Zum einen, weil sein Besitzer es vom Post-Gelb auf britisches Rot umlackiert hat. Zum anderen, weil die Tür der Telefonzelle jetzt als Tür zu einem Gasthaus dient. Zumindest war das 2008 so, als Julia Seeliger diese Aufnahme gemacht hat.

Auf den britischen Jungferninseln findet man diese Telefonzelle, die auf einer Anlegestelle für Boote platziert wurde. Telefonieren kann man darin nicht mehr, denn das Häuschen wurde zur Dusche umgebaut. (Bild: Anoldent)

Mit diesem kleinen Kunstwerk will ein Künstler, der sich bumblebeelovesyou nennt und der ganz offenbar wenig von der Digitalisierung des Alltags hält, auf etwas hinweisen. Für ihn symbolisieren die kleinen Pappmaché-Bienen in der ausgemusterten Telefonzelle die Ironie hinter der Frage, wo all die Bienen hin sind. Schließlich gebe es Theorien, wonach Mobilfunksignale die Navigation der Honigsammler stören können.

Während Tausende New Yorker Telefonzellen zu WLAN-Hotspots umgebaut werden, will die auf Sexspielzeuge spezialisierte Firma Hot Octopuss die ungenutzten Unterstände lieber anders weiterverwenden. Hinter einem schwarzen Vorhang stehen ein Stuhl und ein Tischchen mit einem Notebook darauf. Gestresste Büroarbeiter sollen sich darin "erleichtern" können, heißt es in einer Pressemitteilung. Hundert Männer, so wird berichtet, sollen das bisher einmalige Angebot bereits am ersten Tag benutzt haben.

Um dem Vandalismus etwas entgegenzusetzen, hat die Telekom sich schon vor Jahren von den traditionellen gelben Boxen verabschiedet: Sie stellt lieber schmucklose graue Kästen mit magentafarbenen Telefonhörern am Stahlkabel auf.

Am liebsten nutzt sie aber wohl das Modell BasisTelefon, das ganz ohne Münzeinwurf oder Karteneinschub nur wenigen Grundfunktionen bietet, dafür aber auch kaum Angriffsfläche. Bemerkenswert: Selbst die modernen Münztelefone nehmen laut Telekom immer noch Pfennige und D-Mark-Stücke an.

Doch selbst die Kompatibilität zu veralteten Zahlungsmitteln wird den Niedergang der Telefonzellen nicht aufhalten können. Und so landen immer mehr Zellen auf dem Schrottplatz. Für die alten Kästen aus Stahl und Kunststoff muss das aber noch lange nicht das Ende bedeuten.

In New York zum Beispiel sollen die obsoleten Apparate umgebaut werden und als WLAN-Hotspots weiterleben. Und eine auf Sexspielzeug spezialisierte Firma will die Stationen gar nutzen, um kleine "Entspannungskammern" für Männer daraus zu machen. Die erste dieser GuyFi genannten Boxen wurde gerade in Betrieb genommen.

Vor allem interessieren sich aber Bastler, Künstler und Enthusiasten für die alten Kästen. Und was sie daraus zusammenbauen, ist manchmal verwunderlich und nicht selten erstaunlich. Die besten Beispiele haben wir in einer Fotostrecke gesammelt.

Mitarbeit: Markus Böhm

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Telefonzelle
Knock 20.01.2016
Gestern habe ich so eine alte blaue Telefonzelle gesehen. Ich hatte mich kurz umgedreht, schon war se weg. Sind doch sehr begehrt...
2. ich find die jut
naklar261 20.01.2016
ne jute alte telefonzelle....klasse
3. Ja! Das eine Schild bei uns am Elbstand
MannAusmNorden 20.01.2016
"Öffentlicher Münzfernsprecher" sag ich nur! Wurde nun leider vor ein paar Jahren demontiert, weil das Telefon nun von draußen in die Poststelle verlegt wurde. Wirklich schade drum! Aber die Telefonzelle steht immer noch da.
4. Nicht zu fassen
mol1969 20.01.2016
Ich kenne einige Leute, die zwar ein Handy haben, es aber nicht ständig bei sich tragen. Meine Eltern zum Beispiel und auch ich trage es nicht ständig sklavisch mit mir umher. Wenn dann ein Notfall eintritt, ist man auf den guten Willen anderer Leute angewiesen. Klar, man benötigt sicherlich nicht mehr 10 Zellen nebeneinander auf dem Bahnhofsvorplatz. Aber eine schon.
5. Mit freundlichem Gruß vom Doktor
the-writer 23.01.2016
Zitat von KnockGestern habe ich so eine alte blaue Telefonzelle gesehen. Ich hatte mich kurz umgedreht, schon war se weg. Sind doch sehr begehrt...
Geronimoooooo!!! :-)
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