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"The Daily": Groschenheft fürs iPad

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Kurze Texte, schöne Bilder - Murdochs neue iPad-Zeitung "The Daily" bietet zwar keine aufregenden Inhalte, dafür lassen sich Artikel kommentieren und per Link verschicken. Die kostenpflichtige App soll damit Online-Angeboten Konkurrenz machen.

Mit dürren Texten und satten Fotos will Rupert Murdoch die Zeitung in das Internetzeitalter retten. Oder viel mehr das Prinzip Zeitung, denn das für den US-Markt konzipierte Bezahlangebot "The Daily" erscheint ausschließlich digital, zunächst exklusiv auf Apples iPad. Am Mittwoch stellte der 79-jährige Unternehmer, dessen Medienkonzern Umsätze in zweistelliger Milliardenhöhe macht, das Projekt mit großer Geste vor.

Nicht weniger als einen neuen Journalismus für neue Zeiten versprach Murdoch bei der Präsentation in New York. Das Zeitungsprinzip ist dann aber doch ganz das Alte: Jeden Tag schnürt seine Redaktion ein Nachrichtenpaket, das an die Leser ausgeliefert wird. In diesem Fall ist es eine App, die ihre Texte und Bilder via Internet zugeliefert bekommt.

Außerdem kann die Redaktion im Tagesverlauf aktuelle Nachrichten hinterherschieben.

Unterteilt in sechs Rubriken - News, Gossip, Opinion, Arts & Life, Apps & Games sowie Sports - bietet "The Daily" knappe Artikel, große Bilder und zum Teil Videos und interaktive Elemente. Titelgeschichte der ersten Ausgabe ist der Aufstand in Ägypten. Mit den Fingern wischt, drückt und schiebt man sich durch die Seiten von "The Daily" - und liest unter anderem von der schwangeren Natalie Portman, über Bollywood-Filme und starken Schneefall. Zwischendurch gibt's Werbung.

Facebook, Twitter, E-Mail

Neu ist das nicht - weder die Inhalte noch die Verpackung. Ähnliches bietet, nur ein Beispiel, die "Frankfurter Rundschau" bereits seit September 2010 an. Eine Sparversion der Printzeitung landet, ansprechend verpackt, gegen Bezahlung auf dem iPad. Was der "Frankfurter Rundschau" und dem Großteil der iPad-Angebote allerdings fehlt, ist eine Verknüpfung mit dem Internet, die über bloße Verweise auf Websites hinausgeht.

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iPad-Zeitung: So sieht "The Daily" aus
Die soziale Komponente, die so selbstverständlich im Umgang mit Angeboten im Web geworden ist, lassen viele iPad-Angebote vermissen: Ohne Mühen oder Tricks lassen sich keine Links verschicken, keine Sätze und Bilder kopieren, keine Kommentare schreiben. Die iPad-Zeitung der "Frankfurter Rundschau" sieht zwar gut aus, sie lässt sich tadellos bedienen - und wirkt im Vergleich zur herkömmlichen Website doch wie amputiert.

Genau das will "The Daily" anders machen. So können die Nutzer Kommentare zu Artikeln verfassen oder einsprechen. Zwar ist das Bezahlangebot ganz auf Apples Sofa-Surf-Computer zugeschnitten - doch für alle anderen gibt es eine kostenlose Sparversion im Netz. So lassen sich Links über Facebook, Twitter oder E-Mail verschicken, direkt aus der App heraus.

Bezahlen für den schönen Schein

Das funktioniert auch, wenn der Empfänger weder iPad noch die "Daily"-App hat: Über den Link, und nur über den Link, gelangt man zu einer Version des Artikels auf der öffentlich zugänglichen Website.

Dort wird man auf die iPad-Version hingewiesen, kann den Artikel aber trotzdem in kleiner, gedrungener Schrift und ohne grafische Verpackung lesen. Mit dieser Lösung öffnet sich "The Daily" dem Internet - und schottet seine zahlenden Kunden nicht künstlich vom Rest des Internets ab.

Das Ergebnis ist ein Hybridmodell, ein Zwitter aus Digitalseitung mit angeflanschter Internetseite. Zweck der Doppelstrategie, die Schluss machen soll mit der strikten Trennung zwischen kostenlosen Online-Angeboten und den auf Hochglanz polierten Bezahlprodukten für das iPad: "The Daily" verfolgt einen Erziehungsauftrag. Leser sollen für Nachrichten wieder Geld bezahlen, trotz der Nachrichtenfülle im Internet.

Eine Million Abonnenten sollen reichen, damit sich "The Daily" finanziell für den Konzern lohnt. Dabei kostet die Zeitung den eher symbolischen Preis von 99 Cent pro Woche für das tägliche Update - schließt man ein Jahresabo ab, sind es 11 Cent pro Tag. Weil die Nutzer damit aber ihre Wertschätzung für "The Daily" signalisieren, hoffen die Werbekunden auf erhöhte Aufmerksamkeit - und geben zumindest theoretisch mehr Geld für Anzeigenplätze aus.

Große Bilder, kleinster Nenner

Entsprechend aufmerksam blickt die Branche auf das Experiment. Denn viele Medienhäuser, die über Jahrzehnte mit Zeitungen und Zeitschriften Traumrenditen erzielen konnten, konkurrieren nun mit Facebook und Google um Aufmerksamkeit und Werbegelder - oftmals zu ihrem Nachteil. Da kommt das iPad, dass sich eher als andere Computer für den Medienkonsum jenseits des Schreibtisches eignet, mit seinem schönen Schein gerade recht.

Zumal deren Besitzer von Anfang an daran gewöhnt werden, in Apples Online-Shop für zusätzliche Programme kleine Beträge auszugeben. Ein einfaches Abrechnungssystem und eine rigide Qualitätskontrolle wiegen den Nachteil auf, dass Apple an den Inhalten mitverdient und den technischen Rahmen absteckt. Außerdem gibt es selbst ein Jahr nach dem Start des iPad immer noch keine nennenswerte Konkurrenz.

Bleibt noch die Frage, wer "The Daily" eigentlich lesen soll.

"Everybody", verkündete Chefredakteur Jesse Angelo am Mittwoch.

Während sich die Medienangebote nicht nur im Internet immer weiter ausdifferenzieren, will "The Daily" den Massengeschmack treffen. So sieht die erste Ausgabe leider auch aus: Ein wenig zu belanglos und langweilig, mehr Groschenheft als Zeitung.

Nur gibt es Geschichten über Natalie Portman und ihren Babybauch ebenso kostenlos im Internet. Massenhaft - und mit vielen, großen Fotos.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. hatte ich ja gestern schon gemeldet -
frank_lloyd_right 03.02.2011
kann aber nicht sehen, wie das klappen soll. murdoch meint, er habe fast keine kosten, es sei also auch kein risiko. nun, immerhin versucht er es. leute wie die spon-redaktion sollten ihm besser glueck wuenschen...
2. Der Preis...
hansglueck 03.02.2011
...ist zumindest mal heiß - ganz im Gegensatz zu der iPad-Version des bekannten deutschen Magazins, auf dessen Internetseite wir hier schreiben. Die Preise für die iPad Ausgabe des Spiegels ist leider jenseits von Gut und Böse, 1,- bis 1,50 Euro wären angemessen. Und wenn dann alles wegen der überzogenen Preise schief geht, dann heißt es wieder, die bösen Internetnutzer seien einfach nicht Willens, für Inhalte zu zahlen. Das ist aber vollkommen falsch, der Internetnutzer will einfach keine abstrusen Beträge zahlen.
3. ...
sverris 03.02.2011
groschenheft: neindanke. murdoch: neindanke. ipadhype: neindanke. da lese ich lieber SPON, notfalls gedruckt (kein witz).
4. Egal was es kostet...
matt_us, 03.02.2011
Man kauft sich ein schoenes teures i-pad, nur um das dann von einer Murdoch Zeitung entstellen zu lassen? Soweit kommt noch, das kommt mir nicht auf das Ding, auch nicht umsonst!
5. Jetzt hab ich mir es doch angeguckt.
matt_us, 03.02.2011
Hier ein Videobericht ueber The Daily vom Guardian in england http://www.guardian.co.uk/media/video/2011/feb/02/the-daily-ipad-newspaper-video
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