Tipps für Actionfotos Mit weniger Schärfe zum besseren Bild

Ein Greifvogel, der auf den Fotografen zufliegt, ist ein aufregendes Motiv. Doch leicht zu machen ist so eine Aufnahme nicht. Unserem Beispielbild fehlt vor allem eins: die Tiefe.

Von "fokussiert"-Autor


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Bei der fokussiert.com-Bildkritik werden Fotos besprochen, die von Hobbyfotografen eingeschickt wurden. Die Besprechungen liefern Tipps und Tricks zu Technik, Komposition und Nachbearbeitung.

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Canon EOS 70D 1/320s bei Blende 4.5 mit 31mm Brennweite und ISO 200 © Nico Koch
Nico Koch/ fokussiert.com

Canon EOS 70D 1/320s bei Blende 4.5 mit 31mm Brennweite und ISO 200 © Nico Koch

Die "fokussiert"-Bildkritik:

Nico Koch aus Köln schreibt leider nichts zu diesem Bild. Mich hätten die Umstände und die Absicht interessiert: Flog der Vogel nur einmal auf den Fotografen zu? Denn im Wiederholungsfall hätte Gelegenheit bestanden, die technischen Einstellungen zu optimieren.

Wir sehen in dieser Farbfotografie einen großen Greifvogel mitten im Bild, der direkt auf uns zufliegt. Im unteren Bildteil sind die Köpfe von vor der Kamera stehenden Zuschauern zu sehen. Sie blicken von uns weg, teils wenden sie ihren Kopf nach hinten. Im oberen Bildteil sind weitere Zuschauer zu sehen, die in unsere Richtung blicken. Dazwischen steht im Zentrum der Falkner, der dem Vogel nachblickt.

Ich weiß, diese Bildbeschreibung ist steif und umständlich. Aber das liegt am großen Manko der Aufnahme: Sie hat keinerlei Tiefe. Vorder-, Mittel- und Hintergrund liegen allesamt in einer (Schärfen-) Ebene, was das Bild flach und mäßig attraktiv macht.

Der Betrachter muss das Motiv sozusagen selbst aus dem Durcheinander des Bildinhalts herausschälen: Ohne drei der Köpfe im Publikum, die dem Vogel zugewandt sind, wäre nicht zu eruieren, wo im Raum des Bildes er sich befindet. Das hat nicht zuletzt mit dem Reiz des Bildes zu tun, welcher den Fotografen zum Titel "Er kommt direkt auf uns zu" inspiriert hat.

Hier fliegt der Vogel: er ist viel näher an der Kamera als gedacht
Nico Koch/ fokussiert.com

Hier fliegt der Vogel: er ist viel näher an der Kamera als gedacht

Umso wichtiger wäre es für das Bild und unser Gehirn, dass wir mittels Schärfenabgrenzung einen Hinweis erhielten, wie wir im Kopf aus dem flachen Bild einen Raum machen können und wo darin der Vogel zu platzieren ist.

Das Bild verständlicher machen

Ich bin sicher, an dieser Stelle werden einige clever argumentieren, der Reiz des Bildes bestehe just im Charakter als Vexierbild - das sei ihnen belassen. In der Fotografie hat sich allerdings eingebürgert, dass die Aufnahmen so gestaltet werden, dass sie für den Betrachter möglichst gut verständlich sind.

In Fällen wie diesem geschieht das mittels einer Freistellung durch selektive Schärfe. Will heißen: Eine offene Blende und eine lange Brennweite sorgen dafür, dass nur eine geringe "Schicht" des abgebildeten Raums in der Schärfe liegt. Logischerweise befindet sich das Hauptmotiv in dieser Schicht.

Hier wäre es so, dass der Fotograf mit einer längeren Brennweite und einer offenen Blende dafür hätte sorgen können, dass der Adler scharf und alles dahinter mit größerer Tiefe unschärfer wird.

Inzwischen - beim fünften oder sechsten Hinschauen - habe ich übrigens noch den Kopf des Falkners im Vordergrund entdeckt und bin zur Überzeugung gelangt, dass außer ihm und seiner Hand alles Weitere im Bild hinter dem Vogel liegt. Das würde man auf den ersten Blick nicht annehmen.

Das Gehirn setzt falsche Bezüge

Der Vogel verdeckt nicht den kleinsten Teil des Publikums, weshalb mein Gehirn ihn direkt auf die Höhe der jungen Frau im weißen T-Shirt und des sich nach rechts wegbückenden Mannes mit Fotogurt setzt. Wenn er aber auf deren Tiefe im Raum wäre, würde es sich um einen wahren Giganten der Lüfte handeln.

Anders gesagt: Weil dem Bild jeder Hinweis auf die Position des Vogels fehlt, macht ihn das Gehirn übermäßig groß, weil es falsche Bezüge setzt.

Man kann sich nun fragen, was das alles soll: Das Bild ist doch scharf, und Schärfe ist doch gut? Ja, noch besser ist aber Schärfe, wenn sie sehr exakt und bildgestaltend eingesetzt wird. Denn alles im Bild scharf zu kriegen, ist mit Weitwinkel und geschlossener Blende (oder sehr kleinem Sensor) am einfachsten: Kamerahersteller haben deshalb damit geworben, dass ihre Kompakten immer scharfe Fotos schießen. Dass das nicht in allen Fällen die besten sind, merken viele Käufer erst später.

Sehr grobe Tiefenschärfen-Simulation aus Photoshop. Mit einer solchen Freistellung wäre mehr Raum im Bild entstanden.
Nico Koch/ fokussiert.com

Sehr grobe Tiefenschärfen-Simulation aus Photoshop. Mit einer solchen Freistellung wäre mehr Raum im Bild entstanden.

Sehr grobe Tiefenschärfen-Simulation aus Photoshop. Mit einer solchen Freistellung wäre mehr Raum im Bild entstanden.

Was der Fotograf hätte tun können? Ich würde bei solchen Anlässen am Zoom grundsätzlich nicht in den Weitwinkelbereich unterhalb von 50mm Brennweite gehen, außer, ich will die Zuschauermassen oder sonst etwas zeigen, das sich im Raum ausbreitet.

Die Fokusfalle hilft

Wenn aber damit zu rechen ist, dass einzelne Vögel in spektakulären Flugsituationen isoliert werden sollen, würde ich eher mit langer Brennweite, offener Blende und Autofokus im "Kontinuierlich"-Modus und mit den Einstellungen für bewegte Motive fotografieren (letzteres allerdings kann bei einem Objekt, das sehr schnell und genau auf einen zufliegt, möglicherweise überfordernd sein).

Wenn es sich um einen sich wiederholenden Bewegungsablauf handelt, gäbe es dann noch die Fokusfalle, bei der die Kamera erst auslöst, wenn ein Objekt in den gewählten Fokusabstand eindringt. Man stellt also den Fokusabstand auf den Kopf des Falkners, bringt diesen aber aus dem Messbereich heraus und drückt den Auslöser - die Kamera löst aber erst aus, wenn der Vogel in den Fokusmessbereich einfliegt.

Unterm Strich eignet sich die Situation im Bild durchaus für eine Weitwinkelaufnahme, und zwar in dem Stil, wie man sie nicht selten bei Reportage-Fotografen der großen Magazine sieht: der Vogel einen Sekundenbruchteil vor dem Landen auf der Hand, die Menge im Hintergrund. Nur: Damit dabei die erkennbare Unschärfe im Hintergrund die nötige Tiefe schafft, hätte der Fotograf in diesem Fall noch viel näher am vorderen Falkner sein müssen.



insgesamt 8 Beiträge
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ratem 21.10.2017
1. Kleine Korrektur ...
Zitat: "Ich würde bei solchen Anlässen am Zoom grundsätzlich nicht in den Weitwinkel-Bereich unterhalb von 50mm Brennweite gehen ... " Hier ist dem Schreiber der Zeilen vermutlich entgangen, dass die verwendeten 31mm an der EOS 70D keinesfalls im Weitwinkelbereich liegen ... sie liegen auch oberhalb der Normalbrennweite (vom 50mm KB-Äquivalent, was der Schreiber vermutlich meinte). Insofern trifft die Anmerkung des Schreibers auf das gezeigte Bild gar nicht zu.
Emil Peisker 21.10.2017
2. Hahnebüchen...
Zitat von ratemZitat: "Ich würde bei solchen Anlässen am Zoom grundsätzlich nicht in den Weitwinkel-Bereich unterhalb von 50mm Brennweite gehen ... " Hier ist dem Schreiber der Zeilen vermutlich entgangen, dass die verwendeten 31mm an der EOS 70D keinesfalls im Weitwinkelbereich liegen ... sie liegen auch oberhalb der Normalbrennweite (vom 50mm KB-Äquivalent, was der Schreiber vermutlich meinte). Insofern trifft die Anmerkung des Schreibers auf das gezeigte Bild gar nicht zu.
Sehe ich auch so. Der Autor fragt auch, ob man die Aufnahme nur einmal machen konnte, oder ob man sie wiederholen könnte. Der Falkner lässt den Vogel los, und die Zeit für den Fotografen ist relativ kurz. Dafür ist die Aufname gut gelungen. Wenn dem Autor die Tiefenschärfe nicht passt, er zeigt ja selbst, was man mit Photoshop noch ändern kann. Allerdings zu verlangen, dass in einer solchen Situation der Fotograf die von ihm gewünschten Einstellungen in Skundenbruchteilen parat hat, ist eben Klugscheißerei...
Ringmodulation 21.10.2017
3. Bevor man zu Bildverfälschungen rät
sollte man erstmal den gesunden Menschenverstand einschalten und überlegen, was man da sieht: Der Adler ist (höchstwahrscheinlich) von den Holzklötzen in der Bildmitte gestartet und befindet sich im Landeanflug auf den Arm des Herrn mit Schutzhandschuh im Vordergrund. Nach der Bildverfälschung kann man diesen Sachverhalt viel schwerer erkennen.
PerciGang 21.10.2017
4. Mehr Schärfe
Das schöne Bild erzählt die Geschichte einer Falknervorführung. Es zeigt den Falken, den Falkner und die erstaunten Menschen. Der Vorschlag des Autors reduziert diese Geschichte auf den Falken und macht das Bild damit beliebig, ohne Kontext. Meiner Meinung nach wäre etwas mehr Schärfe im Vordergrund besser gewesen, also Blende etwas mehr zu. Die Brennweite ist perfekt und wie schon angemerkt, keineswegs Weitwinkel. Der Falke hätte sich ein wenig größer besser gemacht. Aber bevor man das Original in Photoshop verschandelt, lieber so lassen wie es ist. Wenn der Spiegel schon solche Besprechungen macht, warum dann nicht mit Leuten, die das Handwerk etwas besser verstehen. Einfach mal beim Stern anfragen;).
sikasuu 21.10.2017
5. Das ist ein Zufallsfoto/Schnappschuß!
Der Vogel fliegt im Augenhöhe mit der Optik = Aufnahmestandort überhöht zum Startpunkt.. Ein wenig in die Knie gegangen hätte das Tier gegen den Himmel frei gestellt, wenn Start & die Flugrichtung kalkulierbar war. Etwas Rand unten (Leute Wald stören dabei nicht) . Die automatische Entfernungsmessung ist dabei wohl überfordert. Ein "Kenner" hätte die abgestellt und die Optik auf "Hyperfocal Distance" betoniert, wenn das bei den "Schreben" überhaupt möglich ist:-(( Mit mir bekannten Optiken (1 zu 3 Zoomverhältnis) geht das. . Die "Bildkritik" und das Foto/Forum belegen mMn. recht gut, das "Photografie" :-) immer noch Handwerk&Erfahrung ist, die die besten "Vollautomaten" nur sehr schwer ersetzen können:-) . Über den Bildinhalt kann man streiten. Was wollte der Fotograf rüberbringen..... ???? . MMn. war in der Szene von der Bildgestaltung auch mehr drin, sie scheint planbar gewesen zu sein. Eine Reihenbelichtung mit "weg tauchen (runter in die Knie) des Fotografens" bei den o.a. Rahmenbedingungen, hätte selbst "analog ....T90, Festbrennweite 2.8/85-130mm. kleines Reportagezoom.... usw) wohl bessere Ergebnisse gebracht!
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