TouchPad-Flop: Wer hat's verbockt? HP!

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Mit seinem Tablet-PC wollte Hewlett-Packard dem iPad Konkurrenz machen. Doch nach gerade mal sieben Wochen nahm HP sein TouchPad vom Markt. Das Desaster kostet den Konzern Milliarden, den HP-Boss seinen Job - und zeigt, weshalb Apple immer noch Marktführer ist.

Das webOS-Tablet: HP Touchpad Fotos
SPIEGEL ONLINE

Das Tablet-Abenteuer ist Hewlett-Packard (HP) teuer zu stehen gekommen. Insgesamt 3,3 Milliarden Dollar musste das Unternehmen im vergangenen Jahr abschreiben. Mehr als die Hälfte davon, so HP, gehen zu Lasten der Abkehr von webOS-Geräten. Dabei sollte das Betriebssystem webOS das Unternehmen weit nach vorne bringen, dafür sorgen, dass die Firma, die mit PC gewaltige Umsätze erwirtschaftet, bei den boomenden Smartphones und Tablet-PC nicht den Anschluss verliert. Eine trügerische Hoffnung, wie man jetzt weiß.

Die Tragödie begann im Jahr, als der Computerkonzern für 1,2 Milliarden Dollar den Handy-Hersteller Palm übernahm. Palm hatte ein eigenes mobiles Betriebssystem namens webOS entwickelt, auf das es HP abgesehen hatte. Die Kaufsumme sollte durch den Verkauf von Mobiltelefonen und Touch-Rechnern schnell wieder eingespielt werden.

Tatsächlich erhöhte Leo Apotheker, der gerade erst HPs Chefposten übernommen hatte, noch im selben Jahr die Budgets für die webOS-Entwicklung drastisch. So schnell wie nur möglich wollte er Apples und Googles Vorherrschaft bei Mobilgeräten etwas entgegensetzen. Genau dafür schien webOS das Mittel der Wahl. Es ist ein vollkommen eigenständiges, Linux-basiertes System, nutzt offene Standards wie HTML 5, JavaScript und CSS. HPs Hoffnung war, dass sich schnell viele Entwickler finden würden, die für das System Apps schreiben. Schließlich würde dann ja HP dahinter stehen, ein Konzern mit einer gewaltigen Marketingmacht und weltweiten Distributionszentren.

Hunderte neuer Ingenieure

Doch bevor es damit losgehen konnte, musste erst einmal ein webOS-Tablet und damit eine neue Software-Version her. Zwar hatte Palm stets betont, webOS sei für alle denkbaren Plattformen anpassbar, umgesetzt wurde diese Behauptung aber bis dahin nicht. Um die Software auf einem Tablet-PC verwenden zu können, waren Umbauten nötig.

Weil die offenbar erheblich umfangreicher waren als angenommen, stockte HP die webOS-Entwicklungsabteilung kräftig auf. Ein ehemaliger HP-Mitarbeiter berichtet der "New York Times" von Hunderten neuen Ingenieuren und etlichen Vice Presidents, die helfen sollten, das Ziel zu erreichen. Nötig war das wohl, denn HP gab den Entwicklern nur neun Monate Zeit, um fertig zu werden. Ob viel in diesem Fall auch viel geholfen hat, ist eine andere Frage.

Der Designer gibt der Software die Schuld

Im Mai 2011 dann zeigte HP endlich in Europa sein TouchPad genanntes webOS-Tablet. Allerdings nur auf einer einzigen Veranstaltung, nur wenigen Journalisten. Das System sei noch lange nicht fertig, brauche noch Feinschliff, hieß es damals. Hochtrabende Pläne wurden verkündet. Man wolle Geschäftskunden für das HP-Tablet begeistern, SAP-Anwendungen für Außendienstler liefern.

Aus all dem wurde nichts. Als das Gerät Ende Juni tatsächlich auf den Markt kam, war von den erhofften Apps, längst ein Killer-Argument für den Erfolg von Smartphones und Tablet-PC, kaum etwas zu sehen.

Ohnehin seien die Software-Grundlagen das Kernproblem des webOS, sagt jetzt Paul Mercer, früher Designer von Palms Handys. "Palm war seiner Zeit voraus, als es versuchte, ein Handy-Betriebssystem auf Basis von Web-Technologie zu entwickeln", erklärt er der "New York Times". Man sei einfach nicht in der Lage gewesen, die ambitionierten Pläne umzusetzen. Vor allem die Verwendung von WebKit, einer Software, die als Grundlage für Webbrowser wie Safari und Chrome dient, sei eine Schwachstelle, so Mercer. Webkit sei einfach zu langsam.

Unausgereift, bis zuletzt

Und tatsächlich: Im Test von SPIEGEL ONLINE wies das HP-Tablet etliche Probleme und Fehlstellen auf. Das Fazit lautete deshalb: "So ganz rund läuft es noch nicht mit dem TouchPad. Ein Aufreger, ein echter Game-Changer womöglich, ist HPs Fuchtel-PC keineswegs."

Und das blieb auch so, bis der damalige HP-Chef Leo Apotheker im August seine Entscheidung bekannt gab, HPs PC-Sparte abstoßen und das Engagement im Mobilbereich einstellen zu wollen. Der Tablet-Effekt sei real, hatte Apotheker damals gesagt und damit vor Apple und Google kapituliert.

Diese Entscheidung sollte ihn den Job kosten. Seiner Nachfolgerin, Meg Whitman, gebot der Kehrtwende Einhalt. Man werde doch weiter im PC-Business bleiben und das webOS weiterentwickeln, heißt es nun. Laut Whitman arbeiten immer noch 600 Entwickler an der Software. Ob sich dieser Einsatz jemals auszahlen wird, ist fraglich. Denn Whitman will die Software nun, nach erfolgloser Suche nach einem Käufer, kostenlos für jedermann als Open-Source-Software bereitstellen, so ähnlich wie bei Android. Sollte das Erfolg haben, könnte man vielleicht irgendwann auch wieder über Smartphones von HP auf webOS-Basis nachdenken, so die vage Ankündigung.

Bitte mal anders als Apple

Ein Fünkchen Hoffnung schwingt da mit, mehr aber auch nicht. Zumindest vorläufig bleibt der Tablet-Markt fest in Apples Hand. Selbst wenn HPs Software fehlerlos wäre, hätte es der Konzern kaum geschafft, sich gegen die iPad-Vormacht durchzusetzen. Denn genau wie etliche andere hat sich der PC-Bauer zu sehr an Apple orientiert. Bildschirmgröße, Gehäuseform und Speicherausstattung des TouchPad unterschieden sich nur marginal von denen eines iPad - und ebenso der Preis. Warum aber soll man sich für ein unausgereiftes Produkt mit geringem Software-Bestand entscheiden, wenn es ebenso teuer ist wie der Marktführer?

Wie man Tablet-PC tatsächlich erfolgreich verkaufen kann, lernte HP erst als es seine Restbestände an TouchPads anbot. Als die Geräte zu Schleuderpreisen ab 99 Euro angeboten wurden, waren die Lager binnen Stunden leer gekauft. Dass der Preis offensichtlich das einzige Mittel ist, um Tablet-Käufer vom iPad abzubringen, haben längst auch andere erkannt. Kurz vor Weihnachten senkte Research in Motion (RIM) den Preis seines Playbook in den USA um bis zu 350 Dollar. Bei einem Einstiegspreis von 199 Dollar wurde es zur Massenware. Zum Jahresbeginn folgte Sony diesem Trend und reduzierte den Preis des Tablet S in den USA um 100 Dollar auf jetzt 400 Dollar.

Aber dabei kann es nicht bleiben. Wollen Apples Konkurrenten endlich wirklich erfolgreich werden und sich nicht nur als billige Alternativen behaupten, müssen sie sich von dem Diktum lösen, Apple nachzuäffen. Sie müssen eigenständiger werden. Ein alter Apple-Slogan könnte dabei helfen: "Think different", denke anders.

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insgesamt 85 Beiträge
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1. .
Hagbard 03.01.2012
Das Wesentliche steht im letzten Absatz. Apple hat das Rad auch nicht neu erfunden. Und auch Apple hatte seine Flops. Aber die haben es meistens verstanden, Technik so einzupacken, dass etwas dabei herauskam, was die Leute haben wollten. Die Apple-typische Art, ein System zu bedienen ist meiner Meinung nach eines der hauptsächlichen Unterscheidungsmerkmale. Wenn Wettbewerber da mitmischen wollen, und sich nicht einfach über einen niedrigeren Preis unterhalb von Apple positionieren wollen, brauchen sie etwas, das nicht nach Apple-Kopie aussieht. Ich habe den Eindruck, als hätte der HP-Chef den Fehler vieler Konzerne gemacht: "Wir stecken einfach ganz viel Geld rein, dann wird das schon."
2. Kein Geld der Welt
Kuppelbauer 03.01.2012
Eines geht in der IT-Branche gar nicht: Ein Projekt X in einer kürzeren Zeit als erforderlich herunterzubiegen! Da nützen keine zusätzlichen Hunderte Spezialisten (und vor allem keine Vice Presidents), denn allein schon die Design- und Interface-Abstimmungen können ewig dauern. In der Regel umso länger, je mehr Leute beteiligt sind. Keine Firma der Welt kann in 10 Monaten aus einem Irgendwas-System ein funktionierendes geschmeidiges Betriebssystem für ein Tablet herbeizaubern, und hieße sie HP und böte alles Geld der Welt dafür auf!
3. Webkit zu langsam?
Volks.Hirn 03.01.2012
So ein Schmarrn. Das Problem ist ja eher - das die verwendete Technik CSS, HTML5, Javascript zu resourcenaufwendig ist um vernünftige Applikationen zu erstellen. Auf dem Desktop mit entsprechender Power stört es weniger, denn da wird die Usability dem "läuft überall" geopfert und jeder der eine Web-Applikation benutzt weiss das auch vorher. Fehlt die unbegrenzte Stromqueller für ein schnelles System, dann stört es aber gewaltig. Ein Problem das normalerweise durch entsprechende Optimierung der Software behoben wird Das alles war Palm vorher bekannt. Auch das Webkit eine Seite bevor sie angezeigt werden kann 13 (DREIZEHN !!) mal rendern muss! Weniger geht anscheinend nicht um die ganzen schwachsinnigen Web-Standards zu erfüllen. Das ist also bereits das Optimum. Da kann man nichts machen - ausser auf CSS und Gedöns zu verzichten. Erstaunlich ist das HP das alles nicht wusste. Aber sich mal der Technik dahinter zu beschäftigen und nachzudenken was das wirklich bedeutet - dafür hat man in den Führungsetagen halt keine Zeit.
4. Dumping-Preise
missoni 03.01.2012
Zitat von sysopMit seinem Tablet-PC wollte Hewlett-Packard dem iPad Konkurrenz machen. Doch nach gerade mal sieben Wochen nahm HP sein TouchPad vom Markt. Das Desaster kostet den Konzern Milliarden, den*HP-Boss seinen Job - und zeigt, weshalb Apple immer noch Marktführer ist. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,806740,00.html
Also ich finde man hätte das Teil in der ersten Version zu Dumping-Preisen auf den Markt bringen sollen. Dann hätte man im 1 Jahr für das Teil nur ¼ des Preises für den eines vergleichbaren iPads verlangt. Das hätte dann vielleicht die Käufer und dann die Entwickler angelockt.
5. Elektronikgroßmärkte & Ipad/Iphone
hanscastorp5 03.01.2012
Neulich habe ich in einem Media Markt ein Verkaufsgespräch mitgehört in dem der Verkäufer offensichtliche Lügen/Mythen über Android erzählt hat um den Kunden zu einem Ipad zu überreden. Eine der Geschichten war zum Beispiel, dass ein PDF, das man auf einem Android-Gerät öffnet/bearbeitet, dann vielleicht nicht mehr auf einem anderen Gerät zu öffnen ist ("Die Offenheit von Android ist das Problem!"). Man könnte sich gut vorstellen, dass so etwas kein Einzelfall ist.
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