Von Frank Patalong
Berlin/Hamburg - Wenn es stimmt, dass es eine Generationsfrage ist, an der sich der Erfolg des Buches und seines elektronischen Pendants, der Datei, entscheiden wird, dann geht Aiptek genau den richtigen Weg: Als erster Entwickler stellen die Taiwaner in Berlin einen E-Reader für Kinder vor. Natürlich hat der in Wahrheit ein Farb-LCD als Monitörchen und ist damit kein echter E-Book-Reader. Doch schwarzweiß braucht man dem Nachwuchs auch nicht kommen, schließlich muss das Gerät außer Schrift auch Bilderbücher darstellen können, die es wahlweise auch gleich vorlesen kann. Bis die Sprösslinge so weit sind, richtige Literatur in die Hand zu nehmen, sind auch die E-Ink-basierten E-Reader endlich soweit, Farbe darstellen zu können.
Denn an diesem Manko hat sich auch im Sommer 2010 noch nichts geändert: Nach wie vor können E-Reader einzig und allein mit dem Pfund wuchern, eine nahezu perfekte Schriftdarstellung zu leisten. Noch immer aber sind sie monochrom, und falten oder wickeln kann man sie auch noch immer nicht.
Trotzdem sind sie Trend. Das hatte man im Frühjahr 2010 schon gar nicht mehr gedacht: Apple stellte das iPad vor und löste damit einen Tablet-Boom aus. Die Zukunft schien mit einem Mal nur noch den bunten Alleskönnern zu gehören. Geräte wie Amazons Kindle erschienen im Vergleich äußerst limitiert.
Attraktive E-Book-Angebote sind äußerst selten
Das sind sie auch nach wie vor. E-Reader sind reine Lesegeräte, ein bisschen MP3-Beschallung ist nicht mehr als eine Dreingabe. Und doch bieten sie Vorteile, die zahlreiche Kunden durchaus attraktiv finden: Ihre Akkus halten ewig, ihr Schriftbild ist wie gedruckt und ihr Speicher groß genug, Hunderte von Büchern und Magazinen vorzuhalten, wenn man sich die leisten kann.
Und nicht in Deutschland lebt - und wenn, dann wenigstens höchst firm ist in Fremdsprachen. Denn bisher mauerte die deutsche Verlagslandschaft gegen die Publizierung eines nennenswerten E-Book-Angebotes, als ginge es darum, das christliche Abendland vor dem Untergang zu retten: Attraktive E-Book-Angebote sind äußerst selten, und was der Markt an wenigen Titeln hergibt, ist meist völlig überteuert. Die Branche agierte ähnlich betonköpfig wie die Kollegen vom TV in Bezug auf das Thema Streaming: Ein Geschäft, das man nicht zulässt, ist auch keines, in dem man unter die Räder geraten könnte.
Nicht von ungefähr verzichtet selbst Amazon, Platzhirsch auf dem Weltmarkt für E-Book-Reader, bisher darauf, seine Kindle-Geräte in Deutschland direkt anzubieten. Wozu sollte man Karten für einen Zirkus verkaufen, der kein Programm zu bieten hat?
Bliebe man bei dieser Allegorie, dann hätte die Elektronikbranche in Berlin damit begonnen, in den Zeltverkauf einzusteigen: Auf bisher keiner Messe in Deutschland wurden so viele E-Lesegeräte vorgestellt wie in Berlin (siehe Fotostrecke oben). Bemerkenswert daran sind die pragmatischen Ansätze mit relativ kleinformatigen Geräten, oft ohne Mobilfunkanbindung, aber eben auch mit kleinem Preis. Vor allem aber ist bemerkenswert, dass zunehmend Verlage und Buchhandelsketten als Partner oder Vertriebskanäle der neuen Reader auftreten.
Startschuss: 2010 markiert in Deutschland den Beginn des E-Book-Marktes
So stellte in Berlin nicht nur Libri einen eigenen Reader vor, sondern auch die Buchhandelskette Thalia. Die will natürlich nicht nur das Gerät in ihren Läden anbieten, sondern auch die passende Befüllung. E-Bücher, munkelt es an jeder Ecke, werden auch das große Thema der kommenden Frankfurter Buchmesse. Dort, wird kolportiert, haben vor allem Web-Entwickler, E-Business- und E-Book-Experten dieses Jahr beste Chancen, einen neuen Arbeitgeber zu finden.
Neu ist das Thema in Frankfurt nicht: Der erste E-Book-Reader wurde dort schon 1996 vorgestellt - und seitdem jedes Jahr wieder neue, hoffnungsvolle Aspiranten als Novität. Erst im letzten Jahr begann sich abzuzeichnen, dass aus dem Exoten- und Nischenthema langsam ein ernstzunehmendes Branchenthema erwachsen würde - wenn die deutsche Buchbranche nur endlich aufhören würde zu bremsen. Inzwischen ist auch dort der Groschen gefallen: Bis 2015, glaubt Thalia-Chef Michael Busch, sollten E-Books in Deutschland einen Marktanteil von 15 Prozent erreichen. Selbst konservative Schätzungen gehen noch von zehn Prozent Marktanteil aus - so etwas kann man nicht mehr ignorieren, selbst wenn man das eigentlich möchte.
Wenn die neuen, kleinen Lesegeräte in den Handel kommen, soll es darum erstmals in Deutschland auch ein erwähnenswertes Buchprogramm geben, das über Fach- und Sachbücher hinausgeht - denn die darauf spezialisierten Verlage insbesondere der Computerecke haben den Knall natürlich weit früher gehört.
Was Sci-Fi-Autor William Gibson zu E-Books sagt
Einer, den es weltberühmt gemacht hat, dass er den Knall schon hört, bevor der Schuss fällt, ist William Gibson. Der Sci-Fi-Schriftsteller ist einer der Helden der Nerd-Szene: Einige seiner frühen Visionen ("Cyberspace") wurden nicht nur zu Namensgebern späterer Netz-Phänomene, sondern zu regelrechten Blaupausen für die Arbeit der Netz-Entwickler. Manches, was Gibson sich in Romanen, Novellen und Kurzgeschichten ausdachte, ist heute integraler Bestandteil unserer digital geprägten Lebensweisen.
Bald, glaubt Gibson, werde das auch für das elektronische Buch gelten. Nicht völlig, aber sukzessive, und vor allem, weil es das einzig Vernünftige sei. Er, sagte er am Montag in einem Kurzinterview im "Wall Street Journal", finde den Gedanken daran, dass E-Books das gedruckte Buch einmal ablösen könnten, weniger beängstigend als viele seiner Kollegen. Schließlich fällten wir heute Bäume, um diese mit enormem Energieaufwand zu Papier zu verarbeiten, zu Büchern, die dann als tonnenschwere Last transportiert werden müssten, und dann würden am Ende noch viele davon zurückgeholt, remittiert, eingestampft, recycled und zu neuen, schweren Büchern verarbeitet, die wieder als tonnenschwere Last - ...
"Ökologisch", sagt Gibson, "ist das verrückt."
In Berlin zeigten mehr als ein Dutzend Unternehmen, dass sie daran glauben, dass das künftig immer mehr Menschen so sehen werden. Wenn Aiptek recht hat, wächst gerade die erste Generation heran, für die E-Books und Tablets so normal sein werden, wie für heute unter Zwanzigjährige das WWW.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gadgets | RSS |
| alles zum Thema E-Book-Reader | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH