WDR-Computernacht: Cybersex und Kabelschränke

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15.000 D-Mark für fünf Megabyte: Je tiefer man ins Archiv blickt, desto lustiger wird es. Offenbar nach diesem Motto haben Redakteure des WDR eine vierstündige "Computernacht" zusammengestellt. Einen oft sehr witzigen, aber auch nachdenklich stimmenden Blick in die Vergangenheit der digitalen Zukunft.

WDR-Computernacht: Skurrile Schätze aus dem WDR-Archiv Fotos
WDR/ akg-images

Einer der unerwarteten Nebeneffekte der digitalen Revolution ist historisch bedingte Witzigkeit: Weil die Entwicklung so rasant verläuft, wirkt heute oft drollig, was vor 15 oder 20 Jahren noch unbezahlbare oder doch zumindest unerhörte Avantgarde war.

Allein deshalb lohnt es sich, die "WDR Computernacht", die am Samstagmorgen um Mitternacht beginnt, anzusehen oder doch wenigstens aufzuzeichnen: Diese Momente, in denen man denkt "das gibt's ja nicht, was man damals groß/schnell/beeindruckend fand", verlieren nichts von ihrem Charme und ihrer Komik. Aufs Fernsehen ist man übrigens, ausgerechnet bei diesem Thema, angewiesen: Für große Teile des Materials hat der WDR keine Online-Rechte, die Computernacht kann also nicht über das Internet, sondern tatsächlich nur im TV angesehen werden.

Lustig wird es zum Beispiel dann, wenn die Moderatoren des legendären WDR-"Computerclubs" eine Flash-Speicherkarte in die Kamera halten und tief beeindruckt feststellen, dass da jetzt tatsächlich fünf Megabyte draufpassen, das Gerät aber mit 150 D-Mark eben auch noch relativ teuer ist. Oder wenn, ein paar Jahre früher, ein Kollege extra Hunderte Kilometer weit fährt, um sich für 15.000 D-Mark eine Festplatte zu kaufen - auch diese mit sagenhaften fünf Megabyte Platz.

Man habe sich damals gefragt: "Wie will er die vollkriegen?", erzählt Computerclub-Moderator Wolfgang Back dazu in die Kamera. Heute wäre die Antwort einfach: Eine einzelne MP3-Datei würde reichen.

Das Ei kommt in die Pfanne, samt Schale und Salzstreuer

Dazwischen gibt es sogar Slapstick-Einlagen - etwa, wenn ein rechnergesteuerter Eigenbau-Roboter ein Ei samt Schale in eine heiße Pfanne wirft und dann den Salzstreuer gleich hinterher, begleitet vom Gelächter des ganzen "Computerclub"-Studioteams.

Je tiefer im Archiv die Autoren der vierstündigen, in acht Kapitel eingeteilten Sendung graben, desto witziger werden die Anachronismen. Da öffnet ein Herr in Schwarzweiß einen Rechner in der Größe von zwei bis drei großzügigen Schlafzimmerschränken, klappt quadratmeterweise Transistoren aus, um schließlich das eindrucksvolle Kabelchaos dahinter sichtbar zu machen. Der Off-Kommentator erklärt dazu ungerührt, die "kompakte Bauweise" stelle sicher, dass die Daten "möglichst kurze Wege" zurücklegen müssten.

Unterhaltsam ist die Archivschau aus etwa 50 Jahren Computergeschichte aber auch noch aus einem anderen Grund: Weil sie die Erwartungen der jeweiligen Zeit an die digitale Welt greifbar macht. Da gibt es einen langen Beitrag über das erste große Experiment zur Partnervermittlung, bei dem Fragebogendaten im Rechner verarbeitet und so Paare zusammengestellt wurden. Zwei WDR-Volontäre mussten als Versuchpersonen daran teilnehmen, vor der Kamera peinliche Fragen beantworten, um die Frage zur klären: Kann das überhaupt funktionieren, kalte Computer und heiße Liebe? Die nüchterne Antwort im Beitrag fällt erwartungsgemäß skeptisch aus: 26.000 Teilnehmer, sechs Ehen.

Oder die "Boulevard Bio"-Sendung von 1994, in der ein freudig erregter Alfred Biolek sich von zwei Freiwilligen unförmige Cybersex-Anzüge für Distanz-Zärtlichkeiten vorführen lässt, um schließlich ungläubig und suggestiv zu fragen: "Aber den persönlichen Kontakt kann das doch nicht ersetzen?"

Was man damals dachte, hoffte, fürchtete, erscheint heute manchmal lächerlich, manchmal naiv, manchmal geradezu niedlich. Was, diese Frage bleibt am Ende zurück, werden wir wohl selbst in zehn oder zwanzig Jahren denken, wenn wir uns an die Diskussion über die Digitalisierung unserer Gegenwart erinnern?


"WDR Computernacht", WDR Fernsehen, Nacht vom 5. auf den 6. April, 0.00 bis 4.00 Uhr

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insgesamt 28 Beiträge
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1. An den
arvin_g 05.04.2013
pupsig moderierten WDR Computerclub kann ich mich noch gut erinnern. War damals Pflichtprogramm für alle Computernerds von nebenan um halbwegs up to date zu bleiben...manch unfreiwillige Komik inklusive.
2. Das Schöne am Fortschritt ...
Andreas Kah 05.04.2013
... ist vor allem die Lust am Neuen, Besseren. Der Nachteil die rasche Alterung. Wie bei einer Mode erscheint uns darum auch unser Leben im Rückblick als komisch, naiv, lächerlich. Das ist kein schönes Gefühl und der hohe Preis des sich stets beschleunigenden technischen Wandels.
3. 500 mb
akoppel 05.04.2013
Ich kann mich noch sehr gut an das Tschernobyl-Unglück erinnern. Damals (1986) hatte die Berliner Strahlenmessstelle eine 500 MB Festplatte gekauft, um die ganzen Messdaten zu speichern. Die Platte hatte sagenhafte 50.000,- DM gekostet.
4. Komisch geht schneller als man denkt
horstwaldschrat 05.04.2013
Am stärksten fällt mir auf, wie schnell sich die Technik verändert, wenn man sich Filme oder Serien anschaut, die gerade mal 3, 4, 5 Jahre her sind und auf die Handys dort achtet. Spätestens, wenn ein Handy aufgeklappt oder eine Antenne vor dem Telefonat herausgezogen wird, muss ich schmunzeln...
5. Warum ist...
zaphod_beeblebroxiii 05.04.2013
immer alles "witzig" was heute nicht mehr modern ist? Als jemand, der die Entwicklung aktiv und passiv mitmacht und mitgemacht hat, kann ich dieses Adjektiv nicht nachvollziehen. Das ist jedesmal die Grundlage, auf der das Nachfolgende aufbaut. Ohne das jetzt "Witzige" gäbe es die nachfolgende Gerätegeneration nicht. Ich staune immer wieder über alte ct's in deren Anzeigenteil Festplatten im kleinen Megabytebereich für den Preis eines Kleinwagens (damaliger Kleinwagen) angeboten wurde und finde es immer wieder unglaublich, welche Entwicklungsschritte in den letzten Jahren gelaufen sind. Vielleicht ist das eher die Ehrfurcht des Ingenieurs vor der Technik. "Witzig", "lächerlich" oder "naiv" kann ich da eher nix finden. Es ist eher traurig, dass die meisten Benutzer nicht mal den Hauch einer Ahnung haben, was in den tollen Geräten der Nachrichtentechnik so alles passieren muss (und in der Infrastruktur drumherum) damit ich eine dusslige Mail über das Mobilfunknetz empfangen/senden kann.
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