BQ Aquaris E4.5 im Test Das kann das erste Ubuntu-Smartphone

Ubuntu? Für viele ist das die Windows-Alternative für den PC. Doch jetzt kommt das erste Ubuntu-Smartphone in den Handel. Ob es mit iOS- und Android-Geräten mithält - der Test.

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Matthias Kremp

Es ist schon ein Weilchen her, dass eine Ubuntu-Version für Smartphones angekündigt wurde. Im Januar 2013 wurde eine frühe Entwicklungsversion der Software auf der Technikmesse CES in Las Vegas gezeigt. Beim Ausprobieren machte das alternative Betriebssystem seinerzeit einen guten Eindruck. Samsung-Handys dienten als Entwicklungsplattform.

Zwei Jahre später kommt jetzt endlich das erste Gerät mit Ubuntu-Phone-Betriebssystem auf den Markt, das BQ Aquaris E4.5 Ubuntu.

BQ ist eine spanische Firma, die auf Android-Smartphones spezialisiert ist. Vom Aquaris E4.5 gibt es bereits eine Android-Variante. Technisch ist diese identisch, vom Zusatz "Ubuntu" und dem Betriebssystem abgesehen.

Die Ausstattung des Aquaris passt in die untere Mittelklasse: Dem Vierkernprozessor mit 1,3 GHz steht ein Gigabyte Arbeitsspeicher zur Verfügung, der Massenspeicher ist mit acht Gigabyte spärlich bemessen. Erst recht, weil von den acht Gigabyte dem Anwender kaum mehr als fünf zur Verfügung stehen. WLAN nach 802.11 b/g/n, Bluetooth 4.0 und HSPA+ komplettieren die Ausstattung, LTE gibt es nicht.

Kein Homescreen

Interessanter als die technische Ausstattung ist bei diesem Gerät aber die ungewöhnliche Software. Ubuntu ist eine Linux-Variante, die bisher in erster Linie als PC-Betriebssystem und Windows-Alternative bekannt ist. Die Software tritt in Konkurrenz zu den Marktführern Android und iOS, aber auch zu bislang weniger verbreiteten Angeboten wie Windows Phone und Firefox OS.

Ubuntu Phone soll die Konkurrenz offensichtlich nicht durch mehr oder bessere Funktionen ausstechen, sondern - wie am PC - durch seine Andersartigkeit überzeugen. Was beim Ausprobieren sofort auffällt: Ubuntu Phone hat keinen Desktop, keinen Homescreen, wie man es von anderen Handy-Betriebssystemen gewohnt ist. Stattdessen werden Eigenschaften, Funktionen und Medien auf einzelnen Seiten zusammengefasst, den sogenannten Scopes. Zusätzlich gibt es Apps, die wiederum als Karten dargestellt werden und den ganzen Bildschirm einnehmen, wenn sie aktiv sind.

Wischverwirrrung

Die Bedienung dieses Systems ist zunächst ungewohnt. Ein Wisch von links ruft eine Leiste mit Schnellstartsymbolen für häufig benutzte Funktionen und Dienste auf, ein Wisch von rechts öffnet eine Multitasking-Ansicht aller aktiven Scopes und Apps. Diese werden wie ein offenes Kartenspiel dargestellt, durch das man mit den Fingern navigieren kann. Um eine App zu beenden, schiebt man deren Karte mit einem Fingerwisch nach oben oder unten weg. Ähnlich funktionierte vor Jahren das Multitasking auf Palms WebOS-Smartphones.

Weil man gleichzeitig durch den Home-Scope navigiert, indem man nach links oder rechts wischt, kam es im Test oft vor, dass ich statt der gewünschten Multitaskingansicht die Scopes verschob. Statt von einem Scope zum nächsten zu wechseln, rief ich auch oft die Multitasking-Ansicht auf.

Web-Apps

Noch verwirrender wird alles dadurch, dass man Apps aufruft, indem man bis zum dritten Scope wischt, auf dem alle installierten Apps versammelt sind. Das erschien zumindest in meinem Kurzzeit-Test umständlich und aufwendig. Die einzige Möglichkeit, eine App schneller zu starten, ist die Schnellstartleiste, die aber nur eine begrenzte Zahl an Apps aufnehmen kann.

Ohnehin plagt Ubuntu Phone - wie alle neuen Smartphone-Betriebssysteme - ein Mangel an Apps. Viel Auswahl gibt es nicht und vieles von dem, was angeboten wird, entpuppt sich im Grunde als Link zu den Mobil-Webseiten von Angeboten wie Ebay oder Here Maps.

Kein Kontakt zum Notebook

Schade war auch, dass sich das Testgerät nicht zur Zusammenarbeit mit unseren Testrechnern bewegen ließ. Weder an einem Windows-10-Notebook noch an einem Macbook war eine Datenübertragung von oder zum Handy möglich. Musik konnte ich deshalb nur aufs Gerät bekommen, indem ich sie am Computer auf eine Speicherkarte kopierte und diese in das Handy einsetzte. Eine solche Speicherkarte mit maximal 32 GB sollte man angesichts des geringen Speicherplatzes ohnehin beim Kauf mit einplanen.

Ansonsten lässt sich mit dem Aquaris gut arbeiten. Die Leistung reichte aus, um alle ausprobierten Anwendungen flüssig laufen zu lassen. Der Bildschirm hat eine ordentliche Farbwiedergabe, aufgrund der moderaten Auflösung aber Schwierigkeiten, kleine Schriften lesbar darzustellen.

Eine positive Überraschung war die 8-Megapixel-Kamera, die recht gute Schnappschüsse zustande brachte. Ebenso positiv ist, dass sich zwei Sim-Karten unterschiedlicher Provider einsetzen lassen, was beispielsweise auf Reisen praktisch sein kann.

Fazit

Es macht Spaß, mit dem neuen Betriebssystem umzugehen - auch wenn es einige Zeit dauert, sich daran zu gewöhnen, wie die Aktionen per Fingerwisch ausgelöst werden. Trotzdem bleibt das Aquaris E4.5 Ubuntu vorläufig ein Liebhaberstück, denn echte Vorteile gegenüber seinem Android-Gegenstück hat es nicht. Nicht einmal der Preis unterscheidet sich, beide kosten im Onlineshop des Herstellers 170 Euro.



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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
hanfiey 02.03.2015
1. Drucksystem?
Was ich bis jetzt vermisse ist ein Drucksystem, vom Telefon über Wlan direkt zum Netzdrucker. Auch eine "vernünftige" Benutzerverwaltung ist interessant, solche Dinge würden mich interessieren.
netroot 02.03.2015
2. Was mir bei Ihrem Bericht fehlt...
Bei Apple, Android etc. geht mir auf den Nerv, dass jeder meiner Schritte ueberwacht wird (wortwoertlich) - dass eine einzige Firma nahezu mein komplettes Verhalten kennt, bloss weil ich erreichbar sein muss (geschaeftlich).... Laesst sich dies mit dem Ubuntugeraet vermeiden?
monolithos 02.03.2015
3.
Interessanter fände ich den Aspekt, wie ich dieses Handybuntu auf ein bereits vorhandenes Smartphone draufkriege, das es dem Hersteller nicht mehr wert ist, es mit Updates zu versorgen. Leider macht auch Cyanogenmod einen Bogen um das Gerät, sodass andere Alternativen interessant wären.
Liberalitärer 02.03.2015
4. Testbericht könnte besser sein
Zitat von netrootBei Apple, Android etc. geht mir auf den Nerv, dass jeder meiner Schritte ueberwacht wird (wortwoertlich) - dass eine einzige Firma nahezu mein komplettes Verhalten kennt, bloss weil ich erreichbar sein muss (geschaeftlich).... Laesst sich dies mit dem Ubuntugeraet vermeiden?
Wohl eher, Firefox OS wäre vielleicht auch eine Alternative. Die Rechteverwaltung soll leider noch nicht funktionieren, eine Benutzerverwaltung sollte eigentlich machbar sein. Die Dual Sim ist für micht "lebenswichtig", da ich meistens Tagesdatenflatrates nutze und das Telefon auch als Accesspoint einsetze. LTE wäre natürlich sehr schön. Leider kein Wort zum Akku. Ob es so etwas wie Goggle Cloud Print gibt? Keine Ahnung. Nun, man darf hoffen, dass es sich entwckelt. Bis dahin benutze ich meist ein einfaches Telefon und ein Tablet mit Bluetooth Keyboard. Das reicht als Notebook Ersatz und fürs Telefonieren reicht das Telefon auch allein. Andere mögen andere Prioritäten haben.
salamicus 02.03.2015
5. Schade...
...vor zwei Jahren war ich gespannt auf das angekündigte Ubuntu-Phone. Nun wurde anscheinend wieder mit zu heißer Nadel genäht, um das Produkt schnell und zeitnah mit iPhone 6/Android auf den Markt zu bringen. Warum einen Flop riskieren? Ein oder zwei Jahre mehr Entwicklung und Reifung hätten vielleicht was wirklich Interessantes bringen können. Nach der Lektüre des Artikels habe ich kein Interesse an diesem Phone.
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