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11. Juli 2013, 12:16 Uhr

Optik

Kontaktlinse zoomt entfernte Objekte heran

Kontaktlinsen könnten bald mehr leisten als nur Brillen ersetzen. Forscher haben eine Linse entwickelt, die eine Vergrößerung erlaubt. Zunächst soll sie Menschen mit einer bestimmten Art von Sehschwäche helfen, doch eines Tages könnte die Technik Ferngläser überflüssig machen.

Wissenschaftler von der University of California in San Diego und der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne haben eine dünne Teleskop-Kontaktlinse entwickelt. Sie lässt sich zwischen normaler und vergrößerter Sicht umschalten. Die Forscher hoffen, so Patienten mit altersbedingter Makuladegeneration (AMD) helfen zu können, die Auswirkungen ihrer Erkrankung abzumildern und den Verlust ihrer Sehfähigkeit auszugleichen. Bisherige Hilfsmittel sind groß, unhandlich und behindern die Erkrankten oft. Kontaktlinsen mit einer einschaltbaren Vergrößerungsfunktion wären da eine attraktive Lösung, wenn auch nur für den Übergang: "In Zukunft können wir das Problem hoffentlich im Kern lösen, mit effektiven Behandlungen oder Netzhautprothesen", sagt Eric Tremblay von der Eidgenössischen Technische Hochschule Lausanne. "Bis wir so weit sind, könnten die Kontaktlinsen AMD aber weniger hinderlich machen."

Das von Wissenschaftlern um den Physiker Joseph Ford entwickelte Linsensystem funktioniert im Prinzip wie ein Teleskop mit vielen keinen spiegelnden Oberflächen. Es ist allerdings nur etwa einen Millimeter dick. Zudem können die Linsen in zwei Zuständen betrieben werden: Das Zentrum der dünnen Kontaktlinsen sorgt für eine normale unvergrößerte Sicht. Die ringförmige Teleskop-Anordnung vergrößert einfallende Bilder etwa 2,8-fach. Um zwischen der normalen und vergrößerten Ansicht hin- und herzuschalten, nutzen die Forscher eine Brille mit Flüssigkristallen. Sie blockiert je nach Einstellung Anteile des Lichts, für den bestimmte Teile der Linse empfänglich sind. So ist entweder der vergrößernde oder der normale Teil der Linse aktiv. Das macht sie in der Anwendung theoretisch auch für Träger ohne Sehfehler interessant, die ihre Sehkraft mit der Technik steigern könnten.

Die Forscher testeten ihre Entwicklung an einem elektronischen Augenmodell, das die Sicht durch die Kontaktlinse über eine Kamera wiedergab. Denn die Verträglichkeit des Kontaklinsenmaterials ist noch ein Problem. Derzeit besteht die feste Kontaktlinse aus einem Material, das in nur in frühen Linsen zum Einsatz kam: Polymethylmethacrylat (PMMA) - auch Acryl- oder Plexiglas genannt. Das ist aber gasundurchlässig und könnte so nur für eine kurze Zeit vor dem Auge getragen werden. Ford und seine Kollegen arbeiten daher an einer Konstruktion, die luftdurchlässig ist.

Bisher ist der Modellversuch der Wissenschaftler nur ein Beweis dafür, dass die Technik auch auf einer kleinen Skala und mit dem menschlichen Auge funktionieren könnte. Bis die vergrößernden Kontaktlinsen auf dem Markt erhältlich sind, könnten noch Jahre vergehen. Finanziert wird die Arbeit der Forscher unter anderem von der Darpa, der Forschungsbehörde der US-Streitkräfte. Dort dürfte man sich für diese Technologie noch ganz andere Anwendungsgebiete vorstellen.

 kpg

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