Vuvuzela-Filter: Volle Dröhnung gegen das Öööööööööööö

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Es reicht! Man muss etwas unternehmen gegen die Vuvuzela-Welle. Technisch ist das denkbar, mit Antischall und Active Noise Reduction beziehungsweise Cancellation. Am Ende aber ruhen unsere Hoffnungen einmal mehr auf einem einst genialen Techniker - Günter Netzer.

Vuvuzelas: Eine Tröte spaltet die Welt Fotos
dpa

Aller Anfang ist schwer: Viel zu fest presse ich die Lippen aufeinander, als ich das erste Mal in meine Vuvuzela tröte. Statt des inzwischen sattsam bekannten "Ööööööööööööööööööööööööööööööööööööööööööööööööö" erklingt ein Ton, der irgendwo zwischen einem tiefergelegten "Iiiiiiiiiihhhhh" und einem Ton changiert, den mein Sohn einst produzierte, wenn er im Säuglingsalter darauf hinweisen wollte, dass Spinat keine akzeptable Ernährung sei. Also "ffffflpppplplplppppiiiiifffppplllliiiiii". Oder so ähnlich.

Mein Umfeld reagiert mit einigem Mitleid, mit Schulterzucken, aber immerhin ohne abwehrende Reaktionen. Fabian, erst zwölf Jahre jung und auch kein Trompeter, übernimmt wortlos die wabbelige Plastiktröte, legt sie an die Lippen - und produziert einen satten, warmen Ton, den alle Anwesenden sofort mit einem "Argh!", mit einem "Och nöööö!", einem "Jetzt lass gut sein!" oder "Nimm dem Jung die Tröte weg!" quittieren. In den Ööööö-Pausen hört man die Proteste sogar. Beeindruckend, wie viel Puste so ein Zwölfjähriger haben kann.

Und kein Zweifel: Das "A" respektive "Ais" ist in den vergangenen Tagen mächtig gesunken auf der Popularitätsskala.

Denn irgendwo zwischen A (circa 440 Hertz) und Ais (rund 466 Hertz), dem Halbton darüber, fluktuiert der Standardton der Vuvuzela, der uns aktuell bei jeder WM-Übertragung sonor wie eine akustische Mauer entgegenbrandet. Das Öööööööööööööööööööööööö ist der Grundton der WM 2010, eine akustische Hirnpenetrierung, die wir alle nur anfänglich belächelten.

Inzwischen ist allen Opfern das Lachen im Halse stecken geblieben. Denn tatsächlich birgt das große Öööööööööööööööööö mit seinen bis zu 120 Dezibel Schalldruck vor Ort nicht nur erhebliche gesundheitliche Risiken, die im stets konsequenten Deutschland natürlich umgehend zu nachvollziehbaren Verboten führten, sondern verhindert auch so mancherlei: Die Kommunikation der Spieler untereinander, verbale Anweisungen der Trainer und - vielleicht das Schlimmste - das Erfassen der Stimmung des Publikums.

Denn statt Jubel und Flüche, Sprechchöre und Lieder hören wir Öööööööööööööööööööö.
Sonst nichts.

Man stelle sich vor, Henry dürfte mit den Händen reden!

Die Vuvuzela legt einen akustischen Teppich auch auf unser Gemüt. Schlimmer aber ist, dass sie eine Art Geheimwaffe darstellt: Während Südafrikas Team über sich hinauswächst, weil die Spieler offenbar längst auf telepathische Kommunikation umgestellt haben, soll es in anderen Teams Überlegungen geben, Gebärdensprache oder gefuchtelte Kurzsymbole wie beim American Football einzuführen.

Man stelle sich vor, was das bedeutet könnte. Selbst der berüchtigte Handballer Thierry Henry bekäme damit ein Alibi, wenn er seine bisher erfolgfreien Bleus mit kurzen Gesten gen Torerfolg und Finale wedelte: "Handspiel? Ne, ich hab nur mit meinem Nebenmann geredet!"

Ach so.
Es ist klar, dass verhindert werden muss, dass Henry wieder redet.

Welle plus Welle macht keine Welle

Technisch möglich ist so was. Physikalisch reden wir beim Öööööööööööööööö über eine Welle, auch wenn es weh tut. Die hat eine Frequenz, die wir uns platt gesagt als deren Höhe und Länge denken dürfen: Stellen Sie sich vor, wie das aussieht, wenn Sie in einem großen Aquarium eine Welle von der Seite sehen, wie sie am Glas entlangwandert. Und jetzt stellen Sie sich vor, aus der Gegenrichtung käme eine andere Welle von passender Größe, die mit unserer ersten Welle kollidiert. Deren Wellentäler träfen dann noch passgenau auf die Höhen der anderen, ihre Höhen auf deren Tiefen. Unter dem Strich ergibt das? Richtig: gar nichts.

Na? Keimt da etwa gerade Hoffnung?

Zurecht: Zumindest wir vor dem Fernseher müssten die Ööööööööööö-Beschallung gar nicht in diesem Maße ertragen - man könnte sie weitgehend ausfiltern. Das physikalische Prinzip nennt sich Interferenz und basiert grob gesagt auf einer Überlagerung zueinander passender Wellen. Auch zum Öööööööööööööö gibt es eine "Gegenwelle", wenn man so will: Das ist nicht ganz so einfach wie hier gesagt, weil die Vuvuzela eben keinen präzisen Ton erzeugt, sondern sich deren changierende Töne in der Masse zu eben jenem Ööööööööööööö summieren. Aber wenn man mehrere Frequenzen und deren Obertöne ausfilterte, könnte man den Ton am Fernseher durchaus wieder anschalten. Seit man sich da nicht mehr ständig Marcel Reif anhören muss, lohnt sich das ja sogar.

Erfunden werden müsste die Technik auch nicht. Schon mit einem Equalizer ließe sich die identifizierte Grundfrequenz (zum Beispiel 233 Hz) zu einem guten Teil ausfiltern, zumindest aber dämpfen. Aber es gibt auch längst technische Möglichkeiten, in Amplitude und Schalldruck passende "Gegenwellen" zu erzeugen, um per Interferenz bestimmte Frequenzen einfach zum Verstummen zu bringen.

Das ist keine Atomwissenschaft: Techniker reden hier - man höre und staune - tatsächlich von Antischall. Das Prinzip wurde früh erkannt: das erste US-Patent für eine Antischall-Apparatur stammt aus dem Jahr 1934.

Die Technik gibt es

Auch zum Einsatz kommen solche Techniken seit langer Zeit. Angefangen hat das mit Methoden zur aktiven Lautunterdrückung durch Kopfhörersysteme für Piloten. Dabei wird über ein Mikrofon die Frequenz der dominanten Lärmquelle erfasst und im Kopfhörer eine entsprechende "Gegenwelle" emittiert, die den Lärm durch Überlagerung ausblenden soll. Nun sind Kampfjets allerdings auch nicht ganz so laut wie Vuvuzelas.

Trotzdem: Dass das ganz gut, wenn auch nicht perfekt funktioniert, wissen heute schon Anwender von Smartphones wie Apples iPhone 4, das mit der gleichen Technik versucht, Hintergrundlärm auszufiltern. Auch bei Rockkonzerten und anderen Großveranstaltungen ist der Einsatz der Technik längst Alltag, im Maschinenbau sowieso. An Flughäfen wird mit Antischall-Lautsprecherbatterien experimentiert, um Start- und Landevorgänge anwohnerfreundlicher zu gestalten. Derweil versuchen Flugzeugkonstrukteure, die Triebwerke selbst durch Noise-Cancellation-Techniken leiser zu machen. Selbst im Autobau ist die Technik inzwischen angekommen, wo etwa Honda versucht, das Dröhnen im Passagierraum per Interferenz wegzudämmen. Der SPIEGEL berichtete schon 1989 von entsprechenden Versuchen.

Und da will man uns erzählen, die Macht der Vuvuzela sei unüberwindlich? Wofür bezahlen wir denn GEZ-Gebühren?

Günter, tu doch was!

Nun ja: Die Sender vor Ort stehen vor zwei Problemen. Zum einen trägt der Lärm der Tröten so stark, dass er selbst in den Kommentatorenkabinen die Mikros beeinträchtigt. Hier filternd einzugreifen, sollte nicht das größte Problem sein.

Dass aber die Fans während der Übertragungen vom Platz nur Öööööööööööö hören, statt der sonst üblichen akustischen Stimmungsmache, liegt an zwei Dingen: Zum einen ist ja auch vor Ort nur Öööööööööööö zu hören, zum anderen liefert der internationale Sender HBS allen übertragenden Sendern den fertig abgemischten Ton zu - und HBS filtert nicht groß. Doch das abgemischte Signal könnte man durchaus noch bereinigen, und das mit einfachen Mitteln, wie eine Anleitung im Blog Techpoeten beschreibt.

Ob dabei dann allerdings noch viel mehr als eine Stummfilmübertragung mit aufgeschaltetem Kommentator herumkäme? Man darf zweifeln - aber selbst relative Ruhe wäre besser als der monotone Dauerton.

HBS wurde übrigens eigens zum Zweck der Fifa-Übertragungen gegründet, und zwar von Infront Sports, der Schweizer Agentur, die die WM-Übertragungsrechte hält und auch an das deutsche Fernsehen verhökert. Damit wird klar, wer wirklich etwas dazu sagen könnte, warum man vor dem Fernseher nicht einfach die Vuvuzelas verstummen lassen kann - oder vielleicht sogar vor Ort: Günter Netzer, der Exekutive Director und Mitbegründer von Infront.

Netzers CEO Philippe Blatter könnte seinen Onkel Sepp fragen, ob man nicht doch eine - ach was - die ultimative Lowtech-Antwort auf die Vuvuzela geben könnte, wirksamer als jeder Antischall. Netzer hat den Draht zu Blatter, Blatter zu Blatter, und Blatter der Ältere ist der Gottkönig der Fifa. Alles, was es brauchte, wäre eine klare Ansage am Stadiontor: "Öööööööö, die muss aber draußen bleiben!" zum Beispiel.

Günter, tu was!

P.S.: Inzwischen kriege ich den 466-Hertz-Ton hin, satt, warm und laut. Heute spiele ich mit. Da hört man den Fernseher nicht mehr. Also ran an den TV-Equalizer!

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