Watsons Sieg im "Jeopardy"-Duell Der Gewinner schweigt und surrt

Kniet nieder ihr Menschen, die Computer übernehmen die Macht! Das zumindest deutet Watsons Triumph im "Jeopardy"-Duell an. Der IBM-Superrechner düpierte seine beiden Human-Gegner deutlich - und konnte sich sogar einige Schwächen leisten.

Von Nina Rehfeld, New York


Die Mienen waren ernst, die Daumen bereit für den entscheidenden Druck auf den Knopf: So waren die beiden menschlichen Kandidaten zum finalen "Jeopardy"-Match gegen ihren Computer-Kontrahenten Watson gekommen, das am Mittwoch ausgestrahlt wurde.

Um es vorweg zu nehmen: Die Menschen schlugen sich wacker. Ex-Champion Ken Jennings kämpfte wie ein Löwe gegen seinen digitalen Gegner, konnte den uneinholbar scheinenden Vorsprung des Superrechners zum Ende hin sogar deutlich verringern. Am Schluss aber obsiegte das Schaltkreismonster aus dem IBM-Keller.

Watson sollte beweisen, dass auch ein in natürlicher Sprache geführtes Quiz, in dem es die passende Frage zum jeweiligen Schlüsselsatz zu finden gilt, für einen zeitgenössischen Computer ein Kinkerlitzchen ist. Das glich einer Kriegserklärung an alle Streber und Besserwisser. Ein Computer, der mit Wortwitz und Sprachrätseln umgehen kann? Unmöglich!

Und so war der Drei-Millionen-Dollar-Gewinner Brad Rutter zur "Verteidigung der Menschheitsehre" angetreten. Super-Champ Ken Jennings hatte großmäulig bekräftigt, er würde jederzeit sein Geld auf die Menschheit verwetten. Mutige Worte, doch dem Wissenskompendium und der Reaktionsgeschwindigkeit der stoisch blinkenden Maschine hatten die "Jeopardy"-Helden kaum etwas entgegenzusetzen.

Dabei gab es zu Beginn noch Hoffnung für die Menschheit. Am ersten von drei Turniertagen war Watson an simplen Wortspielen gescheitert, hatte mit Brad Rutter gleichauf gelegen. Am zweiten Spieltag blamierte Watson sich bitterlich, als er auf die Frage nach Chicagos Flughäfen falsch mit der kanadischen Großstadt Toronto antwortete. Doch da lag die Maschine bereits mit einem Gewinn von 35.000 Dollar weit vor Brad Rutter, der gerade mal 10.400 Dollar auf seinem Konto verbuchen konnte. Jennings dümpelte weit abgeschlagen bei 4800 Dollar herum. Nun also, an Tag drei, ging es um alles.

Rasante Aufholjagd

Kampfbereit hielt Jennings, gekleidet in schwarzem Sakko und dunkler Krawatte, im Finale die Faust mit dem Antwortknopf in die Höhe. Rutter tippelte mit offenem Hemdkragen und Streetfighter-Miene von einem Fuß auf den anderen. Zunächst kamen die Menschen nicht einmal zum Zug. Entnervt entwich Jennings ein Stöhnen, als Watson wieder und wieder schneller am Drücker war, das drohende Schwenken des Druckknopfs blieb eine leere Geste. Eiskalt spielte der Rechner seinen Nanosekunden-Vorteil aus. Nur einmal geriet er anfangs ins Schleudern: Bei der Frage nach der EU-Mitgliedschaft von Slowenien.

Watson hatte bereits 3600 Dollar Vorsprung, bevor Brad Rutter den Bann brechen und Ytterling-Untersetzer korrekt Ikea zuweisen konnte. Da stieß plötzlich Jennings aus dem Schatten hervor. Mit vor Konzentration geweiteten Augen ordnete er Hollywoodstars, Milchhersteller und Zeitungsbeilagen korrekt zu, robbte sich so an Watson heran. Jennings genoss sein Aufholmanöver, die Rechte locker um den Drücker geschlossen, die Linke selbstbewusst auf dem Podium.

Doch dann war Watson wieder schneller dabei, den vedischen Dialekt dem Sanskrit zuzuordnen. Jennings presste die Lippen aufeinander, Schlusslicht Rutter bog seinen verspannten Körper wie einen abschussbereiten Bogen nach hinten. Als Jennings mit einem "Daily Double" die Möglichkeit erhielt, seinen ganzen Gewinn einzusetzen, knurrte er: "Mir bleibt zweierlei, Watson abzuschalten oder alles zu setzen, also setze ich alles!"

Stilles Understatement

Eine gute Entscheidung, die richtige Antwort gelang ihm nach kurzem, angestrengtem Nachdenken - das war die Führung, der kurze Triumph des Menschen über die Maschine! Jennings setzte sich an die Spitze, ihm gelang eine korrekte Antwort nach der anderen, bis er schließlich die Frage nach einem Kleidungsstück nicht mehr beantworten konnte. Ratlos verzog Jennings das Gesicht zur Grimasse - und Watson nahm ihm kühl das Heft aus der Hand, indem er Platt mühelos als deutschen Dialekt einordnete.

Die Führung behielt Jennings zunächst, doch sein Selbstbewusstsein war dahin. Nervös, trippelte er hin und her, bis Watson erneut ein schwerer Fehler unterlief und Jennings seinen Vorsprung auf 15.000 Dollar gegenüber Watsons 6373 ausbauen konnte. Doch in seine Schranken gewiesen war der Rechenknecht damit noch lange nicht. Statt zu verzagen, wie es einem Menschen vielleicht passiert wäre, drehte er jetzt erst richtig auf. Literatur, Geografie, Mode, Recht - Watson wusste alles und war wieder schneller am Drücker.

Bei den menschlichen Kandidaten machte sich Verzweiflung breit. Jennings gab alles, konnte aber nicht verhindern, dass Watson an ihm vorbeizog und ihm auch bei Wortspielen Paroli bot. Auf die Aussage "Auch eine kaputte zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit an" antwortet er routiniert: "Was ist eine Uhr?"

Als Watson schließlich mit 77.147 Dollar Gewinn den Sieg für sich verbuchen kann, entgleitet Jennings die bittere Bemerkung: "Ich heiße unsere neuen Computer-Herrscher willkommen!" Ein letzter, wirkungsloser Seitenhieb, eines deutlich abgeschlagenen Verlierers. Als der TV-Sender CBS gerade zur Werbung umschalten will, sah man Jennings gerade noch die Niederlage der Menschheit in einem symbolischen Würgegriff gegen den Rechner zusammenfassen - der seinen Sieg leise summend genießt.

Immerhin, das ist stilles Understatement. Hal 9000, der maligne Supercomputer aus Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum", mit dem "Watson" oft verglichen wird, hätte den Triumph der Technik womöglich noch mit einer kühlen Spitze unterstrichen: "Ich führe das auf menschliches Versagen zurück."

insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
pussinboots 17.02.2011
1. ...
Spielen wir mal Jeopardy ! Die Antwort ist 78. Wie lautet die Frage ? Richtig: "Wieviele Threads zum Thema Watson findet man beim SPON Forum" :)
carlosowas, 17.02.2011
2. Mensch muss immer noch den Computer bedienen
Zitat von sysopKniet nieder ihr Menschen, die Computer übernehmen die Macht! Das zumindest deutet Watsons Triumph im "Jeopardy"-Duell an. Der IBM-Superrechner düpierte seine beiden Human-Gegner deutlich - und konnte sich sogar einige Schwächen leisten. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,746056,00.html
Ein Computer ist ein Gerät, was durch Menschen bedient werden muss. Solche Geräe sind immer wieder dem Menschen allein überlegen. Man könnte einen Ferrari beim 100m-Lauf in der Leichtathletik antreten lassen oder einen Hubschrauber beim Hochsprung.
dazzzl12 17.02.2011
3. Ein Computer ist ein Gerät.....
"Ein Computer ist ein Gerät, was durch Menschen bedient werden muss". --------------------------------------------------------- Da haben Sie natürlich recht, nur darum geht es gar nicht.
DeeKay 17.02.2011
4. H.G.Wells/Simpsons-Zitat
"I for one welcome our new X overlords" (X ist im Original "Insect") ist ein in Amerika beliebtes Zitat aus der Verfilmung von H.G. Wells "Empire of the Ants", das insbesondere durch eine Simpsons-Folge äußerst populär und im Netz zum Meme wurde: http://knowyourmeme.com/memes/i-for-one-welcome-our-new-x-overlords Jennings hat also "nur" ein Meme gebracht als er besiegt wurde. So. Was hab ich jetzt gewonnen? ;-)
knob.creek, 17.02.2011
5. Anthropomorphismus
Ohne die zweifellos überragende Leistung der IBM-Ingenieure damit schmälern zu wollen: Watson ist ein Google mit Sprachschnittstelle. Sein "Wissen" haben Menschen ins Internet eingegeben und sein "Summen" hat nichts mit Vergnügen, sondern mit dem amerikanischen 60-Hz-Netz zu tun. Der technologischen Singularität sind wir dadurch nicht näher gekommen.
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