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21. Oktober 2010, 16:45 Uhr

Windows Phone 7 im Praxistest

Der verflixte siebte Versuch

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Microsoft probiert es noch einmal: Mit dem Handy-Betriebssystem Windows Phone 7 meldet sich der Software-Gigant im Smartphone-Geschäft zurück - und will alle früheren Fehler vermeiden. Kann das funktionieren? Ja und nein.

Alles auf Anfang. So ungefähr könnte man das Motto zusammenfassen, nach dem Microsoft sein neues Handy-Betriebssystem Windows Phone 7 (WP7) entwickelt hat. Alles auf Anfang hieß das Motto, weil Microsofts Entwickler hier wirklich einmal mit dem alten Windows-Mobile-System brechen durften. Der US-Konzern hatte eingesehen, dass es sinnlos war, das noch auf dem uralten Windows CE basierende System weiterzuentwickeln. Das Resultat ist ein modernes System für Touchscreen-Handys, mit dem sich der Software-Gigant jetzt gegen die drängende Übermacht der Android- und iPhone-Fraktion aufbäumt.

Als Handy-Hersteller will sich der Konzern allerdings nicht wieder versuchen. Das Desaster mit den Kin-Mobiltelefonen, die wenige Monate nach ihrer Einführung wieder vom Markt genommen wurden, hat wohl tiefe Spuren hinterlassen. Stattdessen überlässt Microsoft wieder etablierten Unternehmen wie HTC, LG und Samsung das Geschäft mit der Hardware. Zum Verkaufsbeginn Anfang November werden diverse Modelle in den Läden stehen.

Und auch bei der Vermarktung will sich das Unternehmen nicht, wie mancher Konkurrent, exklusiv an einen Netzbetreiber binden. Stattdessen wird es bei allen großen Mobilfunkunternehmen Windows-Phone-7-Handys geben. Nur eben unterschiedliche. Die Telekom etwa, in Deutschland Microsofts Lieblingspartner, hat sich ein HTC-Handy namens Mozart als Vorzeigeprodukt ausgesucht, mit dem Microsofts Mobil-Windows beworben werden soll, Vodafone stellt hingegen das E900 von LG in den Mittelpunkt.

Was können die neuen Handys? Was bietet das neue Mobil-Windows? Hat Microsoft das Zeug, Apple und Android Paroli zu bieten? SPIEGEL ONLINE gibt die Antworten:

Was die Handy-Hardware taugt

Microsoft lässt den Herstellern hier kaum Spielraum, legt klare Grenzen und Fixpunkte fest. Dazu gehört, dass alle WP7-Handys denselben ein Gigahertz schnellen Prozessor benutzen und dieselbe Bildschirmauflösung bieten (WVGA, 800 x 480 Pixel). Außerdem müssen sie eine Kamera mit mindestens fünf Megapixeln Auflösung und mindestens acht Gigabyte eingebautem Speicher haben. Ein Steckplatz für Erweiterungskarten ist dagegen nicht vorgesehen. Dafür allerdings gehören GPS, ein Blitz, ein Kompass und ein Beschleunigungssensor zur Ausstattung.

Angesichts dieser strikten Vorgaben fällt es den Herstellern schwer, klar voneinander unterscheidbare WP7-Handys zu entwickeln. Da lohnt es sich schon, auf Kleinigkeiten zu achten. So sind beispielsweise das E900 von LG und auch HTCs Mozart ab Werk mit 16 GB Speicher bestückt. Ein Merkmal, das wichtig wird, wenn man so ein Gerät mit Musik und Video vollstopfen will. Im Mozart steckt zudem eine Acht-Megapixel-Kamera, ein Extra, das Microsoft erlaubt.

Ansonsten aber erlaubt der Windows-Konzern kaum Abweichungen vom Standard - und die Hersteller halten sich daran. Das Resultat ist meist langweiliger Einheitsbrei. Die Bildschirme haben Diagonalen zwischen 3,2 und vier Zoll, die Geräte sind meist dunkel eingefärbt, die übrigen technischen Daten mit W-Lan, Bluetooth und HSDPA-Datenfunk fast immer identisch.

Dass die Telekom das zum Flaggschiff erkorene Mozart als extravagant bezeichnet, lässt also auf eine ordentliche Portion Realitätsferne schließen. Neben Googles Nexus One gelegt, fällt es schon fast schwer, die Unterschiede zu finden - nicht nur optisch, sondern auch technisch.

Mit innovativer Hardware jedenfalls werden Microsoft und seine Partner keine Kunden locken können. Zu eng ist das Korsett, zu lange ist es her, dass die Eckdaten festgelegt wurden. Nicht mal eine Zweitkamera für Videochats ist vorgesehen. Da wird es der Konkurrenz aus dem Android-Lager und auch Apple leichtfallen, Technik-Aficionados vom Wechsel zu Windows abzuhalten.

Was die neue Software kann

Windows Phone 7 macht Spaß. Punkt.

Viel mehr müsste man über Microsofts neues Handy-Betriebssystem eigentlich nicht sagen. Die Systemprogrammierer profitieren offensichtlich sehr von den engen Grenzen der Hardware und konnten ihren Code prima optimieren. Das Ergebnis ist, dass Bilder, Symbole, Texte und Web-Seiten über den Bildschirm flutschen, dass es eine Freude ist. Leichtfüßig fühlt sich Windows Phone 7 an, es nervt nicht mit Wartezeiten, ruckelt nicht und scheint meist stabil.

Nur meist deshalb, weil es während der Testphase eben doch immer mal wieder Augenblicke gibt, in denen Apps mit fragwürdigen Fehlermeldungen abstürzen. Oft kommt das nicht vor, aber es passiert - allerdings stets bei Software, die von Drittanbietern stammt.

Microsoft-Anwendungen, wie etwa das E-Mail-Programm oder die Adressverwaltung, laufen dagegen ausgesprochen stabil und überraschen mit teils sehr eleganter, reduzierter Optik. Manchmal ist der Spaß allerdings mit den Designern durchgegangen, und sie haben optische Extras verteilt, wo sie nicht nötig gewesen wären. Auf dem Startbildschirm etwa blinken auf dem Symbol des Adressbuchs ständig wechselnd und ohne Bezug zu irgendetwas Fotos der darin gespeicherten Personen auf. Man könnte meinen, hier musste noch etwas Rechenleistung verbraten werden. Von derartigen Animationen wimmelt es nur so, was teils nett anzusehen, aber eben überflüssig ist.

Was die Shops bieten

Mit Windows Phone 7 führt Microsoft endlich auch außerhalb der USA seinen Zune Store ein. Den Zune-MP3-Player wird es zwar weiterhin nicht zu kaufen geben, dafür ist er als Software auf den WP7-Handys installiert. Der entsprechende Zune Store ist via Handy und PC erreichbar, aber zumindest auf dem Mobiltelefon recht unübersichtlich.

Vor allem aber ist er nicht billig. Zwar gibt es vereinzelt auch Songs für 69 Cent, bei unserer Stichprobe hätten wir aber meist 1,29 pro Titel zahlen müssen. In Einzelfällen ("Geboren um zu Leben" von "Unheilig") werden auch schon mal happige 1,99 für Einzeltitel aufgerufen. Viele Freunde wird dieses Preismodell nicht finden. Abgerechnet wird per Kreditkarte.

Ganz ähnlich sieht es im Marketplace aus, Microsofts Gegenstück zu App Store und Android Marketplace. Das Angebot ist - noch - übersichtlich, wird aber vor allem davon geprägt, dass es kaum Gratisangebote gibt. Während bei Apple wenigstens rund ein Drittel der Apps kostenlos zu bekommen ist, muss man bei Microsoft, zumindest dem Gefühl nach, viel häufiger bezahlen. Immerhin: Von Start weg wird es ein beachtenswertes Angebot geben.

Das von Microsoft als nunmehr plattformübergreifend gepriesene Spielangebot Xbox Live war auf den Testgeräten noch nicht in Gänze zu testen. Offenbar wurde an dem Dienst noch bis zur letzten Sekunde geschraubt. Immerhin gab es ein paar kostenlose Games zu testen, die zeigten, dass die Hardware durchaus spieletauglich ist.

Wie sich die Angebote unterscheiden

Auch wenn es kein Hersteller im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zugeben wollte: Microsofts strenge Hardware-Vorgaben machen den Handy-Produzenten das Leben schwer, weil sie kaum Möglichkeiten lassen, sich von der Konkurrenz abzuheben. Und so greifen sie zu jedem Strohhalm, der sich bietet, um doch Differenzierung zu betreiben - per Software und per Online-Angebot.

So wird das von Vodafone gelieferte LG E900 beispielsweise mit einer Software ausgeliefert, die das Abfotografieren von Panoramabildern zum Kinderspiel macht. Die Telekom dagegen bestückt das HTC Mozart mit einem kostenpflichtigen Handy-TV-Angebot, einem Zugang zum Online-Mediencenter, einer eigenen Auswahl sogenannter Top-Apps sowie der schon vom iPhone bekannten kostenlosen Navigationssoftware Navigon Select - die bisher allerdings noch nicht abrufbar ist. HTC legt zudem ebenfalls ein paar eigene Apps bei, zur Fotobearbeitung und zur Klangverbesserung beispielsweise.

Viel ist das nicht, aber es ist die einzige Möglichkeit, sich von der Konkurrenz abzuheben.

Fazit

Nach den ersten Wochen mit Windows Phone 7 manifestiert sich zunächst der Eindruck, dass Microsoft vieles richtig gemacht hat. Die Festlegung enger Hardware-Grenzen minimiert die Fehleranfälligkeit, der Verzicht auf Kompatibilität zum alten Windows Mobile ist wie ein Befreiungsschlag. Dass sich die Designer zudem in vielerlei Hinsicht an der Benutzeroberfläche des Zune-Players orientiert haben, war mit Sicherheit kein Fehler - auch wenn manchen Nutzer die aus dem Bildschirm laufenden Titelzeilen irritieren mögen. Mit Windows Phone 7 ist Microsofts Mobilfunkabteilung in der Gegenwart angekommen.

Aber mehr eben auch nicht. Dass Microsoft das Motto "Lieferbarkeit ist auch eine Funktion" ernst genommen hat, merkt man an etlichen Ecken und Enden. Windows Phone 7 läuft gut, aber ihm fehlen noch etliche Details. So arbeiten etliche Anwendungen, auch der Zune-Player, nur im Hochformat. Immerhin: Die Funktion "Kopieren und Einsetzen" soll Anfang 2011 per Update nachgeliefert werden. Aber damit hatte auch Apple beim iPhone Schwierigkeiten.

Der größte Haken an Windows Phone 7 aber könnte die geringe Variationsbreite bei den Handys sein. Was einerseits Stabilität garantiert, behindert andererseits Individualität. Der Knackpunkt dabei ist, dass Microsoft die Hardware-Spezifikationen schon vor Monaten festlegte. Inzwischen hat die Konkurrenz mit hochauflösenden Displays (iPhone 4) und stark verbesserten Kameras (Nokia N8) die Latte längst höher gelegt.

Microsoft sollte sich also nicht allzu lange Zeit lassen, bis zum ersten großen Update und der damit einhergehenden Anpassung der Hardware-Richtlinien. Sonst läuft der Konzern Gefahr, mit seinem schönen neuen System schon wieder den Anschluss zu verlieren, noch bevor dieses richtig Gelegenheit hatte, sich zu beweisen.

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