Zu viel nackte Haut Apple entfernte Nachrichten-App aus Online-Shop

Mehr als 380.000-mal wurde die Mobilfunk-Applikation des Nachrichtenportals stern.de aus Apples App Store heruntergeladen, dann strich Apple sie aus dem Angebot. Begründung: In dem Programm gebe es zu viel nackte Haut. Jetzt rudert Apple zurück.

Stern-App für das iPhone: Zu offenherzig für Apple

Stern-App für das iPhone: Zu offenherzig für Apple

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Es habe einen "Dissenz um die Erotik-Galerie" gegeben, sagt Kurt Otto, Pressesprecher des Hamburger Verlags Gruner+Jahr ("Stern", "Geo", "Brigitte"). Man wolle die Situation jedoch nicht eskalieren lassen und führe derzeit einen Dialog darüber, welche Inhalte möglicherweise noch für ethischen Anstoß sorgen könnten. Verärgert ist man in Hamburg aber darüber, dass die App ohne jede Ankündigung entfernt worden sei. Auch empfinde man eine Diskussion über Bilderstrecken, die leicht bekleidete Damen zeigen, als "sehr praxisfern".

Apples Prüfverfahren für Apps gilt als undurchsichtig, wirkliche Kriterienkataloge gibt es nicht. Jeder Programmierer muss zunächst 99 Dollar bezahlen. Dafür erhält man neben Hilfestellung auch die Zahlungsabwicklung, und das eingereichte Werk durchläuft den internen Qualitäts-Check. In der Vergangenheit gab es fragwürdige Abweisungen wie Genehmigungen für einzelne Apps.

Ziemlich absurd scheint etwa die Ablehnung einer E-Book-App mit dem Namen "Eucalyptus". Das Programm ist unter anderem in der Lage, Texte von in den meisten Fällen längst verstorbenen Autoren von der Plattform " Gutenberg" zu laden. Dass unter anderem auch ein Werk mit dem Titel "Kama Sutra of Vatsyayana" mit der App angezeigt werden kann, war Apple offenbar zu frivol. Das Programm bekam zunächst keine Erlaubnis, im App Store angeboten zu werden - mittlerweile ist die Anwendung zu haben. Die App namens "Baby Shaker" hingegen - ein Spiel, dessen Ziel es ist, ein virtuelles Baby durch rabiates Schütteln ruhigzustellen - rutschte den Prüfern zunächst durch. Erst auf Proteste des National Center on Shaken Baby Syndrome und der Sarah-Jane-Brain-Foundation hin erkannte man bei Apple den Fehler. Das Medienecho auf den Vorgang war enorm.

Management nach Gutsherrenart

Im Sommer 2009 lehnte Apple eine App des in den USA populären Telefoniedienstes "Google Voice" ab. Die Begründung: Das Programm ersetze Funktionen des iPhones, und man habe Datenschutz-Bedenken. Kurz darauf zog sich Google-Chef Eric Schmidt aus dem Apple-Verwaltungsrat zurück. Die amerikanische Telekom-Aufsicht FCC prüfte, inwiefern der Telekommunikations-Riese AT&T - der in den USA exklusiver Netzpartner für das iPhone ist - möglicherweise eine Rolle in dem Fall spielen könnte, dass die "Google Voice"-App nicht im App Store landen durfte. Apple und der Mobilfunk-Anbieter verneinten dies.

Entwickler kritisieren vor allem, dass die Entscheidungen schwerlich nachvollziehbar seien. So sieht der Lizenzvertrag zwar vor, dass der App Store nicht "für die Entwicklung, die Konstruktion, die Herstellung oder Produktion von Atomwaffen, Lenkwaffen oder chemischen oder biologischen Waffen" benutzt werden dürfe. Was genau aber zu einer Ablehnung führt, kann bisher nicht nachgelesen werden.

Bei Apple offenbar eine Frage der Firmenkultur. Selbst unter Journalisten gilt das kalifornische Unternehmen als von außen kaum durchschaubar, Pressestäbe bestätigen oft kaum mehr als die bloße Existenz der Firma. Umso überraschender scheint das zu sein: Erst vor Kurzem eröffnete Apple Entwicklern die Möglichkeit, den Status ihrer eingereichten App detaillierter als bisher nachzuverfolgen.

Apple selbst wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu den Vorgängen äußern. Allerdings stellte Pressesprecher Georg Albrecht in Aussicht, die App von stern.de werde bald wieder im App Store verfügbar sein.

Nachtrag: Inzwischen ist die Stern.de-Anwendung wieder verfügbar.



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