Von Christian Neeb
Die linke Hand: Zeigefinger auf Alt, Ringfinger auf Strg. Die rechte liegt merkwürdig starr auf den Richtungstasten. Der kräftige Oberkörper von Michael Otto lehnt über dem Schreibtisch, als wolle er in den Monitor hineinkriechen. Auf dem Bildschirm hastet Lara Croft durch die Ruinen eines Tempels. Sie bleibt stehen und legt einen Schalter um. Am Ende des Ganges öffnet sich ein Durchgang. Plötzlich senkt sich die Decke. Sie ist mit spitzen Pfählen besetzt. Jetzt schnell raus! Schnell! Doch Lara bleibt stehen. Michael Otto starrt auf den Bildschirm. Sekunden verstreichen. Warum macht er das? Pfähle graben sich in Fleisch, Ächzen aus den PC-Boxen, Seufzen vor dem Monitor. Die Finger haben ihm wieder nicht gehorcht. Der 47-Jährige lehnt sich langsam zurück. Der Schreibtischstuhl knarzt. Unter dunklen, krausen Haaren mit ein paar grauen Strähnen steht Schweiß auf seiner Stirn. Starke Hände sind das, die da auf der Tastatur ruhen. Starke Hände - und doch machen sie nicht immer das, was Michael Otto von ihnen will.
Vor zwei Jahren hat das angefangen. Damals ist er gerade mit dem Auto unterwegs. Sein Wohnort, das Städtchen Schwarzenberg im Erzgebirge, liegt bereits hinter ihm, er ist auf dem Weg zur Arbeit, da wird dem Facharbeiter auf einmal schlecht. Erst denkt er an Kreislaufprobleme. Doch dann häufen sich die Zwischenfälle: Manchmal stellt er Gläser so nah an der Tischkante ab, dass sie herunterfallen. Oder er sticht sich die Gabel beim Mittagessen in die Wange, statt sie in den Mund zu stecken. "Dann ging es ab in die Röhre", sagt Otto.
Nach der Computertomografie dann die Diagnose: In seinem Gehirn hat sich eine Zyste gebildet, ein Gefäß, das sich in unregelmäßigen Abständen mit Hirnwasser füllt und dann auf die Region drückt, die für die Feinmotorik zuständig ist. Mögliche Behandlungen: Eine Operation - aber daran traut sich kein Mediziner heran. Oder ein Schlauch im Kopf, der das Wasser ablässt - und daran mag Otto gar nicht denken. Also lernt er, damit zu leben. Seitdem muss er sich auf jede Bewegung genau konzentrieren. Das klappt nicht immer. "Manchmal will ich etwas tun, aber ich bewege mich entweder gar nicht oder mache es nicht richtig", sagt er. Dann fällt wieder ein Glas herunter, oder Lara wird aufgespießt. Beiläufigkeit geht immer schief.
Auf den Regalen neben seinem Computer steht eine Kinderbibel neben einer Perry-Rhodan-Enzyklopädie, Pokémon-Figuren reihen sich an Schnitzmännchen, für die die Gegend berühmt ist. An der Wand hängen ein Poster des Wrestling-Stars Undertaker und ein Kalender mit dem Spruch "Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!"
Die Wohnung der Ottos ist ein Generationenkompott aus "Bravo", Bibel und Erzgebirge. Das Spielezimmer teilt sich Michael Otto mit Martin, seinem ältesten Sohn, 19 Jahre alt. Gespielt hat er schon immer: Bausimulationen, Strategietitel und "die Lara". Besonders in den "Tomb Raider"-Spielen gibt es aber Stellen, die ihn jetzt zur Weißglut treiben: millimetergenaue Sprungpassagen, hektische Fluchten vor Sauriern und herabfallenden Steinbrocken. "Nur wenn ich in Ruhe knobeln kann, habe ich keine Probleme", sagt Otto. Hinter seinem breiten Rücken rast gerade Sohn Kurt mit Hund Fino durchs angrenzende Kinderzimmer. Johlen. Bellen.
Hilfe aus dem Netz
Michael Otto ist nicht alleine. Wie viele Menschen mit Behinderung in Deutschland Videospieler sind, darüber gibt es keine Zahlen. Doch die Handikap-Spieler verschaffen sich weltweit immer mehr Gehör. Plattformen wie "Able-gamers" vernetzen querschnittsgelähmte Gamer mit Autisten und bringen taube Spieler mit Menschen zusammen, die an Muskeldystrophie leiden. Gemeinsam setzen sie sich dafür ein, dass Mainstream-Spiele auch von Menschen mit Behinderung gespielt werden können. Sie kämpfen für freie Buttonbelegung und Untertitel für Hörgeschädigte.
Sandra Uhling von der "Game Accessibility"-Gruppe der Internationalen Vereinigung der Spieleentwickler (IDGA) will einen solchen Grad an Vernetzung auch in Deutschland erreichen. "Ich liebe Spiele und möchte, dass auch Menschen mit Behinderung die Möglichkeit haben, sie zu genießen", sagt sie. Seit zwei Jahren ist Uhling in der Expertengruppe aktiv. Ihr Ziel: die Erfahrungen Betroffener zu sammeln und den Dialog mit den Entwicklern zu suchen.
Doch der gestaltet sich schwierig: "Einerseits werden die Betroffenen selten für ihre Belange aktiv, andererseits sind der Industrie die Bedürfnisse eingeschränkter Spieler kaum bewusst." Aufgeben will sie trotz der Schwierigkeiten nicht. Immer wieder sucht Sandra Uhling in Internetforen nach betroffenen Gamern und schreibt sie an. Eine mühsame Recherche ist das. Aber sie weiß, dass sich das lohnt. Weil sie Spielern wie Michael Otto zumindest eines geben kann: Durch die Vernetzung erfahren viele Spieler mit Behinderung zum ersten Mal, dass sie nicht alleine sind mit ihren Problemen.
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Behindertengerechtes Spieldesign ist mir auch nicht untergekommen. Einfaches spielen und hier zumeist einfach nur Minispiele werden als "Casual" definiert. Besonders im Zusammenhang mit viel zu einfachen Gameplay wird [...] mehr...
Dafür muss man sich sehr wohl einsetzen, denn insbesondere der Riese Elektronic Arts verweigert sich regelmäßig der komplett freien Konfiguration von Maus und Tastatur. Selbst nach hunderten von Rückmeldungen auch nicht [...] mehr...
Nein, nein, nichtmal schickere Verpackungen gibt es. Das Gegenteil ist ja der Fall und das ist ja für Behinderte auch nicht besonders toll, denn Blinde orientieren sich ja bspw. an der Haptik, bin mir sicher aber nicht nur die. [...] mehr...
Leider sieht die Entwicklung ja anders aus, auch im Internet. Lieber soll alles durch die Gegend fliegen man soll alles hin- und herschieben können, per JavaScript werden Inhalte nachgeladen und und und... Die Trends gehen [...] mehr...
Eine ordentliche Sache ist das und davon profitieren auch gesunde Menschen. Bewegungssteuerung ist nett, sollte aber immer optional bleiben, denn ob Behindert oder Gesund aber immer eine Bewegung ausführen zumüssen stinkt. Auch [...] mehr...
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