Gamesladen "2nd Reality" "Wer im Internet Preise vergleicht, ist bei mir falsch"

Was Frank Schleede im Sortiment hat, wird immer seltener offline gekauft. Sein Laden "2nd Reality" bietet alles, was mit Videospielen zu tun hat, trotz Konkurrenz durch Downloads und Apps. Im Gespräch erklärt er, warum es sein Geschäft noch gibt.

SPIEGEL ONLINE

Ein Interview von


Ein Laden, in dem man neue und gebrauchte Videospiele kaufen kann? In vielen Städten gibt es das schon lange nicht mehr. Die Zeit der Gamesläden scheint vorbei. Mitte September wurde zum Beispiel bekannt, dass die Kette GameStop alle ihre Filialen in Spanien schließen oder verkaufen wird.

Viele Spieler kaufen neue wie gebrauchte Spiele heutzutage im Internet, und auch Spiele-Downloads sind endgültig im Mainstream angekommen. Einen Großteil des Offline-Geschäftes decken heute Elektromärkte ab. Einer der wenigen, die noch ein echtes Spiele-Fachgeschäft betreiben, ist Frank Schleede. Er verkauft in seinem Hamburger Laden "2nd Reality" seit 18 Jahren Konsolentitel. Wir haben ihn besucht.

Zur Person
Frank Schleede, 46, ist mit seinem Spieleladen binnen 18 Jahren zweimal innerhalb Hamburgs umgezogen. "2nd Reality" betreibt er allein. Bevor der Spielefan das Geschäft eröffnete, hat er unter anderem im Bereich Vertrieb, im Einzelhandel und sogar bei einem Reisebüro gearbeitet.
SPIEGEL ONLINE: Herr Schleede, macht es noch Spaß, Spiele zu verkaufen?

Schleede: Schon. Aber ich muss natürlich auch gucken, wo die Zukunft ist. Und das ist garantiert nicht hier. Am besten lief es eigentlich, als die Playstation 2 herauskam (im Jahr 2000 - d. Red.). Von da an bis zur Playstation 3, das waren wirtschaftlich die besten sechs, sieben Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich Ihr Geschäft verändert?

Schleede: Die Umsätze gehen natürlich zurück. Man merkt, dass manche Leute bequemer werden und auch mal zu Hause ein Spiel herunterladen. Schlimm ist es für mich als kleinen Händler, wenn bestimmte Extras nur im Download enthalten sind. Dann wollen manche Kunden ausgerechnet die Edition, die ich nicht anbieten kann.

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Gamesladen: So sieht es bei "2nd Reality" aus
SPIEGEL ONLINE: Wie sehr schaden Spieledownloads Ihrem Geschäft?

Schleede: Das Problem wird langfristig größer. Die nächste Konsolengeneration könnte ganz ohne physische Datenträger auskommen. Der Zwischenhandel würde vielleicht noch Boxed-Downloads bekommen, also Boxen, in denen nur noch Download-Codes enthalten sind. Und dann wird irgendwann auch das gestoppt. Die Software-Giganten müssen gucken, wie sie Ihren Gewinn mit wenig Aufwand drastisch steigern können, und da sind Downloads natürlich lukrativ.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Downloads zumindest für die Spieler eine gute Entwicklung?

Schleede: Von wegen. Bei den Downloads gibt der Spieler komplett seine Selbstständigkeit auf, ebenso die Möglichkeit, den Datenträger Freunden zu leihen oder wieder zu Geld zu machen. Oft kann man nicht einmal mehr spielen, wann man möchte: Ist die Konsole offline, ist Schluss. Irgendwann entscheiden die Firmen, wer wann was spielen wird, die räumen sich ja auch beim Account-Sperren allerlei Rechte ein.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind die Leute, die bei Ihnen einkaufen?

Schleede: Ich schätze mal, dass ich einen festen Stamm von 500 Kunden habe. Meine Kundschaft habe ich mir mehr oder weniger selbst ausgesucht, ich selektiere. Leute, die mir nicht gusto sind, merken schnell, daß es hier nicht unbedingt so läuft, wie sie sich das denken. Meistens sehe ich sie dann auch nicht so schnell wieder.

SPIEGEL ONLINE: Welche Kunden nerven Sie zum Beispiel?

Schleede: Besserwisser, die stundenlang herumstehen und mir Geschichten erzählen, die sowieso nicht Fakt sind. Ebenso Menschen, die ankommen und sagen, "Hier, Amazon macht den Preis, gehst du mit?" Wer im Internet Preise vergleicht, ist bei mir falsch. Ich mag nicht immer wettbewerbsfähige Preise haben, aber bei mir gibt es ein Paket: Spiele-Kompetenz seit 18 Jahren, jederzeit einen Kaffee, ein Gespräch, vielleicht eine Reparatur oder eine Reinigung. Dazu eine Menge Retrosachen.

SPIEGEL ONLINE: Sie verkaufen gebrauchte und neue Spiele - wie viel Gewinn machen Sie mit Neuware?

Schleede: Mit Blick auf die Gewinnspanne sind Gebrauchtspiele interessanter. Da mache ich die Preise selbst und kann sie zu vernünftigen Preisen ankaufen. Neue Spiele lohnen sich kaum, da macht es eher die Masse. Das liegt auch daran, dass ich immer ein Exemplar ins Regal stellen muss. Dieses ist im Prinzip erst bezahlt, wenn ich sieben bis acht weitere Exemplare verkauft habe.

SPIEGEL ONLINE: Wie entscheiden Sie, was ins Sortiment kommt?

Schleede: Ich nehme eigentlich alles, gerade bei Gebrauchtspielen. Es gibt aber auch Sachen wie "Skylanders" und "Disney Infinity": Das ist Spielzeug, das verkaufe ich nicht. Weder habe ich dafür Platz, noch will ich diese Klientel als Kundschaft. Am besten verkaufen sich bei mir die großen Titel, zum Beispiel "Fifa" und "Call of Duty". Auch PEGI-Ware wird bei mir immer wieder nachgefragt, also ungeschnittene Spiele.

SPIEGEL ONLINE: Bieten Sie nur Titel an, die Sie selbst gut finden?

Schleede: Ich reagiere auf Nachfrage. Wenn Leute vehement nach Spielen fragen, besorge ich die. Und ich versuche, von jedem Spiel zumindest ein Exemplar in die Ausstellung zu nehmen. Es gibt ja auch sogenannte Trashgamer, die sind Fans eines Herstellers. Ob das Spiel Mist ist oder nicht, die kaufen das. Mir fällt da zum Beispiel die "Serious Sam"-Reihe ein. Anfang des Jahres kam auch ein schlimmes "Rambo"-Spiel heraus. Davor warne ich jeden, der es kaufen will. Wenn etwas Müll ist, sage ich das den Leuten auch.

SPIEGEL ONLINE: Wie gut verkaufen sich alte Spiele, etwa für Super Nintendo?

Schleede: Geräte wie Super Nintendo, NES und Mega Drive rutschen langsam aus der Flohmarkt-Geschichte raus. Seit dem letzten Jahr kommen immer mehr Leute, die die Geräte sammeln und ihre Kindheitserinnerungen auffrischen wollen. Die kaufen bei mir, damit sie keine Angst haben müssen, bei Ebay ein kaputtes Gerät zu erwischen. Bei mir wissen sie, wo sie sich beschweren können - und außerdem kann ich viele Geräte reparieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das gelernt?

Schleede: Alles selbst beigebracht. Ich habe ein Jahr bei einem Radio- und Fernsehtechniker gearbeitet, hatte also keine Berührungsängste. Bei den alten Geräten ist meistens nur eine Sicherung kaputt oder eine Leiterbahn korrodiert. Easy zu machen. Ich tausche zum Beispiel auch bei Gameboy-Spielen die Batterie, dann funktioniert das Speichern wieder. Damit verdiene ich kein Geld, aber die Leute sind dankbar.

SPIEGEL ONLINE: Spielen Sie noch selbst?

Schleede: Das ist weniger geworden, aber pro Monat beende ich ungefähr ein Spiel. Am liebsten spiele ich auf der ersten Xbox. Die Lust am Spielen verliere ich höchstens dadurch, dass ich merke, dass viele Spiele unfertig oder nicht durchdacht sind und trotzdem in den Handel kommen. Viele Spiele lassen sich ohne Onlineverbindung nicht mehr vernünftig spielen, weil die Patches nicht geladen werden können. Das neue "Wolfenstein" legst du rein, dann musst du einen 7-Gigabyte-Patch herunterladen - das kann doch nicht sein.

SPIEGEL ONLINE: Warum verkaufen Sie eigentlich keine PC-Spiele?

Schleede: Ich habe selbst nie Computer gespielt, PC-Spiele werden mir auch zu schnell alt. Außerdem ist die Beratung eine andere: Leute haben technische Probleme oder können ein Spiel nicht installieren. Und zuletzt nervt mich total, dass die Pakete der PC-Spiele unterschiedlich groß sind. Das sieht im Regal einfach nicht gut aus.



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Seite 1
kroganer 05.10.2014
1. Sympathischer Kerl!
Ein Dinosaurier in der Spiele Welt, kurz vor dem Einschlag! Mich nerven diese Download Games auch. Wenn ich 80€ ausgebe möchte ich auch was in den Händen halten! Und wenn ich das Game blöd finde will ich die Möglichkeit Haben es jemand anderen zu verkaufen! Die Entmündigung des Kunden muss aufhören!
Inseler76 05.10.2014
2. Der Vorteil an Downloads....
ist, das ich nicht diesem Typen begegnen muss. Wie man in der heutigen Zeit noch sagen kann: "Ich suche mir meine Kunden aus", verstehe ich gar nicht. Ich war selber 15 Jahre im Elektronik Handel und das kann man sich gar nicht mehr erlauben. Der Kunde soll also noch mehr bezahlen UND mit einem arroganten Verkäufer klarkommen? Ich lade für meine Xbox360 die Spiele nur runter. Sie srtaten schneller als von DVD und ich muß nicht immer das Medium wechseln. Einfach bequemer....
anna_mustermann 05.10.2014
3.
Solche Läden bräuchten wir mehr. Gerade die unsägliche Entwicklung, Spiele nicht ohne permanenten Internetzugang spielen zu können, treibt einen ja zurück zu älteren Formaten und/oder Konsolen. Wieso sich so viele Zocker derart gängeln lassen, ist mir schleierhaft...für Spiele, deren gesamte Daseinsberechtigung der Co-Op/Multiplayer-Modus ist, mags ja noch angehen, aber bei allen anderen ist doch das Prinzip nur dazu da, Spielerdaten abzugreifen...
xcountzerox 05.10.2014
4. Spiele-Apotheke...
lustig, die spiele-apotheke hamburgs hat es in den SPON geschafft. einer der unsympathischsten verkäufer deutschlands erdreistet sich auch öffentlich solches von sich zu geben: "...Meine Kundschaft habe ich mir mehr oder weniger selbst ausgesucht, ich selektiere. Leute, die mir nicht gusto sind, merken schnell, daß es hier nicht unbedingt so läuft, wie sie sich das denken. Meistens sehe ich sie dann auch nicht so schnell wieder." wer diesen durch und durch arroganten menschen mal live erlebt hat, wundert sich einfach wie der laden überhaupt überleben kann. die gerüchte, die sich seit einer dekade halten, muss man nicht wiederholen. aber klar, es liegt ja grundsätzlich an den kunden, weil diese nicht zum laden passen. die beste beschreibung für diesen laden und den besitzer findet man auf bild 7. "RIPOFF".
Reine Wahrheit 05.10.2014
5. .
Ich zocke wenn dann ausschließlich nur PC und habe in den letzten 25 Jahren (damals noch Amiga) keine Probleme mit der Installation gehabt. Mir sind auch von der Community keine Probleme bekannt. Wovon redet der Typ da nur? Ansonsten ist er schon sympathisch. Man muss nicht jedes Arschloch bedienen, welches in den Laden kommt. Ich bin glücklich im Saturn einen Freak als Verkäufer zu haben, den man getrost als "Spiele-Gott" bezeichnen kann. Der hat so gut wie alles zumindest angespielt. Dem kann ich echt dankbar sein. Früher habe ich die Spiele nämlich im Netz herunter geladen und wenn sie mir gefallen haben, habe ich sie gekauft. Bei dem Typen kann ich mich aber blind auf seine Empfehlung verlassen :-) Permanente inet-Verbindung nervt natürlich genauso wie unfertige Spiele oder fehlende Handbücher, die man mit aufs Klo oder in die Wanne nehmen kann.
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