Activision Blizzard Das "Call of Duty"-Studio implodiert

Der Videospielkonzern Activision erlebt ein Personaldesaster. Die Köpfe des Studios hinter der extrem erfolgreichen "Call of Duty"-Serie wurden gefeuert - zwei Dutzend andere folgten. Ehemalige Angestellte verklagen den Game-Konzern auf 500 Millionen Dollar. Viele arbeiten nun für die Konkurrenz.


"Call of Duty: Modern Warfare 2" ist eines der ertragreichsten Videospiele aller Zeiten. Seit seiner Veröffentlichung im November 2009 hat es etwa 1,5 Milliarden US-Dollar Umsatz gebracht - das entspricht etwa einem Drittel dessen, was der Konzern Activision Blizzard im gesamten Geschäftsjahr 2009 umgesetzt hat. Entwickelt wurde der durchaus umstrittene Baller-Blockbuster vom Studio Infinity Ward - und das ist nun in einem rasanten Auflösungsprozess begriffen. Ein großer Teil der kreativen Spitzenmannschaft des Studios hat sich verabschiedet und wird künftig Spiele für den Activision-Erzrivalen Electronic Arts entwickeln. Und das in einer Zeit, in der auch die Gamesbranche die Krise langsam zu spüren bekommt.

Los ging alles mit einem offenbar unüberbrückbaren Zerwürfnis zwischen den Infinity-Ward-Chefs Jason West und Vince Zampella und der Konzernspitze. Anfang März verließen die beiden das Unternehmen völlig überraschend. Inzwischen hat sich die Angelegenheit zu einem juristischen Ringkampf entwickelt, in dem es um Hunderte Millionen Dollar geht.

Die beiden gefeuerten Studio-Chefs fordern von ihrem ehemaligen Arbeitgeber 36 Millionen Dollar. Die Summe solle nicht ausgezahlte Tantiemen sowie Schadensersatz abdecken. In der Klageschrift gibt es auch einen direkten Angriff auf den umstrittenen und für seinen rauen Umgangston bekannten Activision-Chef Bobby Kotick. Das Verhalten des Unternehmens sei nicht verwunderlich, heißt es da "Kotaku" zufolge, "angesichts der Tatsache, dass Activision einen CEO hat, der öffentlich mit den Worten zitiert wurde, die beste Art, ein Videospiel-Studio zu leiten sei durch eine Kultur von 'Skepsis, Pessimismus und Angst'". Tatsächlich hatte der Studiochef dies bei einer Konferenz öffentlich gesagt. Kotick bezahle "lieber seine Anwälte als seine Angestellten", so die Klageschrift weiter.

Auch eine Klage von Activision Blizzard gegen seine ehemaligen Spitzenkräfte ist nun anhängig. Im Kern lautet der Vorwurf, die beiden hätten, während sie noch für den Konzern arbeiteten, ihre Flucht vorbereitet und versucht, "das Studio zu stehlen". Die beiden seien "selbstsüchtige Intriganten", heißt es laut "L.A. Times" in der Klageschrift.

Schon der Name des neuen Unternehmens ist ein böser Witz

38 gegenwärtige und ehemalige Mitarbeiter von Infinity Ward haben nun ihrerseits Klage gegen Activision Blizzard eingereicht - insgesamt fordern sie 500 Millionen Dollar von dem Unternehmen. Ein Anwalt, der die Gruppe vertritt, sagte der Fachpublikation "G4 TV" Activision habe "den Großteil des Geldes" das den Angestellten zugestanden hätte zurückgehalten, um viele "dazu zu zwingen, manche gegen ihren Willen", im Unternehmen zu bleiben, "um 'Modern Warfare 3' fertigzustellen".

Seit West und Zampella gefeuert wurden, hat ein unaufhörlicher Exodus von Kreativen aus dem Infinity-Ward-Team eingesetzt - nach der jüngsten Zählung des Game-Blogs "Kotaku" sind es inzwischen 26 Mitarbeiter des Studios, die sich verabschiedet haben. West und Zampella haben bereits ein neues Studio namens Respawn Entertainment gegründet, und es ist davon auszugehen, dass so mancher ehemalige Infinity-Ward-Entwickler künftig dort seinen Lebensunterhalt verdienen wird.

Schon der Name ist ein böser Insider-Witz: "Respawn" ist der Fachausdruck für das Wiedererscheinen getöteter und damit kurzzeitig aus dem Spiel geworfener Spielfiguren. Obwohl das brandneue Unternehmen noch kein einziges Produkt, sondern nur eine leere Web-Seite vorweisen kann, hat man sich schon mit dem Activision-Rivalen Electronic Arts geeinigt - die Respawn-Spiele werden künftig unter dem Dach des zweitgrößten Spiele-Publishers der Welt erscheinen, das Studio soll aber unabhängig bleiben und nicht Teil des EA-Konzerns werden.

Nun hat Activision Blizzard, zu dessen Portfolio auch "World of Warcraft" und die "Guitar Hero"-Serie gehört, eine Hierarchieebene höher zugelangt. Wie Gamesindustry.biz berichtet, hat der Geschäftsführer und Präsident des Bereichs Publishing, Mike Griffith, bereits am 23. April seine Positionen geräumt. Er werde allerdings weiterhin in beratender Funktion für das Unternehmen arbeiten, zumindest, solange sein aktueller Vertrag noch läuft, und auch an Sitzungen des Verwaltungsrates teilnehmen. "Call of Duty" fiel in Griffiths Verantwortungsbereich - ob die Degradierung jedoch mit den Problemen bei Infinity Ward zusammenhängt, ist unklar.

Activision Blizzard selbst wollte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE weder zum Exodus bei Infinity Ward noch zu Griffiths Entmachtung Stellung nehmen.

cis



insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nanokain 28.04.2010
1. Haha!
Auf der einen Seite haben wir Activision/Blizzard (Pest) und auf der anderen Seite EA (Cholera). Ich glaube nicht, dass die Leute von Respawn bei EA viel glücklicher werden... Ausserdem, es ist nicht die Krise, die diese Publisher zu spüren bekommen (kleineren Publishern und unabhängigen Studios geht es grösstenteils ganz gut), sondern eher die Überdrüssigkeit der Kunden ob der endlos Serien der immer gleichen Titel. Beide, aber vorallem EA, haben eigentlich nichts wirklich neues im Portfolio und wenn, dann wurde es eben erst zugekauft. Ich glaube, diese Megapublisher haben ihren Zenit überschritten, die Betonköpfe in der Chefetage sind gedanklich einfach zu unflexibel. Wäre schön, denn die guten Ideen wachsen nur dort wo man sie lässt.
haltetdendieb 28.04.2010
2. Oh Man, mir doch egal, wer mir WarCraft 5 auf den PC stellt!
Was da pasiert, passiert alle naselang in der Wirtschaft. Intelligente Chefs gibt es vielleicht fünf stück in Deutschland. Ansonsten führungsschwache Schönredner, die uns eine Krise nach der anderen einbrocken! Was ist jetzt das Besondere an dieser Meldung?
pandrodor 28.04.2010
3. EA /Activi/Blizz
Diese beiden Großkonzerne haben leider viel im Spielegeschäft zerstört auf der Suche nach möglichst hohem Profit und möglichst wenig Aufwand. was mich allerdings trauriger stimmt, sind die Stimmen in den jeweiligen Foren dort wo es mit Totschlagargumenten a la "Das ist ein Konzern, der muss versuchen auf Teufel komm raus Geld zu machen". Tja, komische Einsicht in Wirtschaft, aber schon merkwürdig, dass sich dieses Denken mittlerweile durchgesetzt hat. Wird wohl auch bald niemand mehr bei Konzernen demonstrieren, die auf Grund von Profitsucht Mitarbeiter feuern, sie müssen ja schließlich um jeden Preis Profit machen. Schade, dass eine Kunst und Kulturform, und das sind Videospiele auf jeden Fall, so ausgebeutet wird.
Michael Giertz, 28.04.2010
4. Meine Meinung
Zitat von sysopDer Videospielkonzern Activision erlebt ein Personaldesaster. Die Köpfe des Studios hinter der extrem erfolgreichen "Call of Duty"-Serie wurden gefeuert - zwei Dutzend andere folgten. Ehemalige Angestellte verklagen den Game-Konzern auf 500 Millionen Dollar. Viele arbeiten nun für die Konkurrenz. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,691894,00.html
Simpel und einfach: Activision hat denselben Weg eingeschlagen wie EA und fördertnur noch Fortsetzungen - und erdrückt die Entwickler mit engsten Zeitplänen. Wenn z.B. in den nächsten 2 Jahren 3 CoD-Titel erscheinen sollen, zuzüglich diverse Mappacks usw, dann ist das nicht mehr von den Entwicklern zu bewältigen. Die Krise ist hausgemacht. Die Dividente sollte nicht alles sein, egal, ob der Publisher Activision oder Electronic Arts heißt.
m.barufke 29.04.2010
5.
Tja das ist eine Seuche die bereits bei EA schon lange grassiert, deswegen werden die EX-Infinity Mitarbeiter dort auch nicht glücklich. Die Philosophie dieser Publisher ist erfolgreiche Marken einzukaufen, auszupressen und sich dann zu wundern warum sie keinen Erfolg mehr erziehlen. Statt auf Nachhaltigkeit und langfristige Gewinnmargen zu setzen wird nur das schnelle Geld im Auge behalten. Ein Problem das aber überall in der Wirtschaft zu finden ist. Ich blicke nur mit trauer auf Bioware, die ja jetzt auch zu EA gehören. Erfolgstitel und Meilensteine wie die Baldurs Gate und Neverwinter Reihe sind vorbei. Stattdessen werden halbgare Spiele auf den Markt geworfen zu denen man dann noch überteuerte Downloads anbietet umd die Kunden restlos auszupressen. -.-
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.