Der "Führer" in Videospielen Tötet Adolf Hitler

Dämonen? Aliens? Pah. Wenn in Computerspielen wirklich böse Bösewichte gebraucht werden, müssen seit jeher Nazis ran, meist angeführt vom "Führer" selbst. Eine Übersicht.

Von Fabian Mauruschat

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Man kann ihm eine reinhauen, man kann ihn erschießen, und manchmal erkennt man ihn gar nicht wieder. Hitler, auch in der Popkultur der böseste Mensch aller Zeiten, spielte schon in der Frühzeit der Videospiele eine wichtige Rolle - und bis heute ist der "Führer" immer dann gefragt, wenn es richtig finster werden soll. Oder man dem Spieler jeden moralischen Skrupel von vornherein austreiben will.

Bei "Beyond Castle Wolfenstein" von 1984 musste man als Agent eine Bombe ins Führerhauptquartier schmuggeln und vor der Tür des Besprechungsraums ablegen. Dahinter marschiert Hitler als Pixelmännchen "Heil!"-rufend vor seinen Generälen auf und ab, die immer wieder mit "Heil!" antworten. Gelingt die Flucht nach dem Bombenlegen, endet das Spiel mit der Grafik einer Explosion und einem Textfeld mit der Information, dass Hitler und sein Kabinett nun Geschichte sind. Und dass der Agent auf eine Beförderung hoffen kann.

Der Gröfaz hüpft fluchend aus seiner Hightech-Rüstung

1988 tauchte Hitler gleich in zwei japanischen Spielen auf, wenn auch inkognito. Sowohl in "Golgo 13: Top Secret Episode" als auch in "Bionic Commando" ist er wieder da und greift nach der Weltherrschaft, wird jedoch in beiden Spielen von heldenhaften Agenten aufgehalten. In den japanischen Versionen darf Hitler wirklich Hitler sein, in den Fassungen für die USA wird er einmal in Smirk und einmal in Master-D umbenannt. Nintendo hatte strikte Vorgaben, welche Themen für den nordamerikanischen Markt angemessen seien.

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Hitler im Spiel: Dem "Führer" eine reinhauen
Vorbehalte gegenüber der Nazi-Thematik sollte id Software ("Doom") ein paar Jahre später auch in Europa verzeichnen. Mit "Wolfenstein 3D" begann 1992 das Zeitalter der Ego-Shooter. Held des Spiels ist der fiktive US-Soldat B. J. Blazkovicz, von den Designern als Amerikaner mit polnischen Wurzeln entworfen. Der Endgegner ist Adolf Hitler.

Aus dem körperlich wenig beeindruckenden Gröfaz ist dank einer High-Tech-Rüstung mit zwei Maschinenkanonen ein Angstgegner geworden. Hat man ihn oft genug getroffen, brüllt der mechanisierte Diktator in knarzigem Deutsch "Scheiß!" und hüpft in seiner braunen Uniform aus der Rüstung. Schafft man es schließlich, ihn endgültig zu erschießen, sagt er "Eva, auf Wiedersehen", und zerfließt zu einem blutigen Klumpen.

Wer will vor Gericht ein Hakenkreuz-Recht erstreiten?

"Wolfenstein 3D" wurde in Deutschland 1994 beschlagnahmt. Nicht aus Jugendschutzgründen, sondern wegen der Verwendung von Symbolen verfassungsfeindlicher Organisationen. Natürlich hingen im digitalen Nazi-Hauptquartier Hakenkreuzflaggen und Hitlerporträts. Deren Verwendung ist nach Paragraf 86a des Strafgesetzbuches eine Straftat. Ausnahmen gibt es zwar unter anderem für Kunstwerke, der Status von Computerspielen als Kunst ist aber rechtlich zumindest umstritten. Wollte ein Publisher Hakenkreuze verwenden, müsste er vor Gericht gehen.

Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sei das nicht zu empfehlen, sagt Stephan Mathé, Anwalt für Medienrecht. Der Antragsteller müsste sich auf einen Prozess einstellen, der mehrere Jahre dauern könne. Bekäme er am Ende recht, wäre das Spiel schon veraltet. Außerdem wäre der Titel "die Firma, die die Verwendung des Hakenkreuzes in Spielen legalisiert hat" von eher zweifelhaftem Wert. Wohl deswegen hat es noch niemand darauf angelegt, sagt Mathé.

Versteck den Hitler

Und so werden in allen Spielen, die auch auf dem deutschen Markt erscheinen sollen, Hakenkreuze und SS-Runen retuschiert. Manchmal verschwindet dabei sogar Hitler selbst. Bei "Saboteur" von 2009 sind Szenen vom Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich im Original mit Teilen von Hitlerreden unterlegt. In der deutschen Version wurden sie gestrichen.

Im neuesten Teil der "Wolfenstein"-Reihe erwacht B. J. Blazkovicz in einer Welt, in der die Nazis den Krieg gewonnen haben. In der deutschen Version wurde das Wort "Nazi" gestrichen, stattdessen ist "das Regime" an der Macht. Hitler spielt keine Rolle mehr und wird nicht explizit genannt. Sogar ein Roboterhund namens Blondie wurde für die deutsche Version in Bemmo umgetauft. Hitlers Abwesenheit ist schon bei der Entwicklung des Spiels eingeplant worden und sicher auch eine Anpassung an die deutsche Rechtslage. Schließlich ist Deutschland der größte Markt für Videospiele in Europa. Mittlerweile wird auch in internationalen Versionen zuweilen ganz aufs Hakenkreuz verzichtet.

Manchmal darf es allerdings das Original sein. In einer Download-Ergänzung zu "Sniper Elite V2" von 2012 ist der Diktator unter Klarnamen und auch in seiner Funktion als Figur der Zeitgeschichte deutlich zu erkennen. Schließlich geht es in der recht kurzen Mission nur darum, den "Führer" zu erschießen. Ohne technische oder magische Unterstützung wie etwa im japanischen Rollenspiel "Operation Darkness" ist Hitler einfach kein besonders fordernder Endboss.

Ohne Hitler alles gut?

Es gibt auch Spiele, in denen Hitlers Abwesenheit erforderlich ist. In der Reihe "Command & Conquer: Red Alert" reist Albert Einstein zurück in die Zeit, um den späteren Diktator schon 1924 aus dem Weg zu schaffen. Zu seinem Entsetzen befinden sich nach seiner Rückkehr die Alliierten im Krieg mit der Sowjetunion. Ähnlich sieht es beim Echtzeitstrategiespiel "War Front: Turning Point" von 2007 aus. Hitler wird hier zu Kriegsbeginn ermordet, das deutsche Heer schafft es unter kompetenterer Führung, London zu besetzen. Auch hier kristallisieren sich später die Sowjets als die wahren Gegner heraus.

Wie der Fall "Wolfenstein: The New Order" zeigt, hat die deutsche Gesetzgebung Auswirkungen auf die internationale Spielgestaltung. Anders als in Kino, Fernsehen und Literatur, wo der Hitler-Boom ungebrochen anhält, bleibt der "Führer" in Spielen ein juristisches und damit auch kommerzielles Risiko.

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Seite 1
ty coon 04.03.2016
1.
"Ausnahmen gibt es zwar unter anderem für Kunstwerke, der Status von Computerspielen als Kunst ist aber rechtlich zumindest umstritten." Es ist höchste Zeit, diesen unerträglichen Zustand zu beenden und Videospiele als Kunstform anzuerkennen.
tekkanina 04.03.2016
2. im japanischen Rollenspiel Persona 2
Ist Adolf Hitler der Endgegner. Wurde in Deutschland, soweit ich weiß, geschnitten. Der Teppich ist schuld. https://www.youtube.com/watch?v=D681hWTz0rw
meerschweinchen 04.03.2016
3. Wie krank ist das denn ;)
Zitat:"Sogar ein Roboterhund namens Blondie wurde für die deutsche Version in Bemmo umgetauft. " Merkt den hier keiner mehr, wie krank die deutsche Gesellschaft geworden ist? Wenn selbst die Hunde nicht mehr "Blondie" heißen dürfen, nur weil sich sicherlich irgendeine Feministin darin angegriffen gefühlt hat, läuft hier mächtig was falsch!
matokla 04.03.2016
4.
"Ausnahmen gibt es zwar unter anderem für Kunstwerke, der Status von Computerspielen als Kunst ist aber rechtlich zumindest umstritten." Es nervt, wenn in Flugsims historisch genaue Bemalungen aus diesem Grund fehlen, während offensichtlich jedes Uwe-Boll Machwerk (Film-) Kunst ist und manche dieser 'Kunstwerke' vor Hakenkreuzen nur so strotzen.
vish 04.03.2016
5.
Über das Verbot des originalen "Wolfenstein", welches der Verbreitung des Spiels übrigens in keiner Weise abträglich war, muss ich bis heute schmunzeln. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Ein Spiel, dessen primäres Ziel es ist, Hitler zu töten, wird verboten. Einfach lachhaft. Und die Zensur hält bis heute an. Gleichzeitig stört sich aber niemand an den endlosen Dokumentationen über das Dritte Reich, inkl. Darstellung von Hakenkreuzen, Reden, Zitaten, usw. . Was bin ich froh über das Internet, um dem deutschen Neuland entkommen zu können.
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