"Age of Empires II" wiederentdeckt Spät nachts, wenn alle über 17 schlafen

Aufbauen, kommandieren, kämpfen: "Age of Empires II" gilt als Klassiker unter den Echtzeitstrategiespielen. Unser Autor spielte es früher fast täglich - anders, als es die Entwickler im Sinn hatten.

Microsoft Studios

Von


Eigentlich lässt sich dieses Spiel nicht ohne einen Zwei-Liter-Pfirsich-Eistee, ohne Chips und Tiefkühlpizza spielen. Es fühlt sich grundfalsch an, "Age of Empires II" in einem Großraumbüro zu spielen, am hellichten Tage, während die Kollegen um einen herum Meldungen schreiben, recherchieren oder anderen Erwachsenendingen nachgehen. Ich mache es trotzdem, weil ich über ein Lieblingsspiel von früher schreiben soll.

"Age of Empires II", das muss in einem abgedunkelten Jugendzimmer gespielt werden. Auf einem Röhrenmonitor, der Schulhefte und schlechte Zeugnisse auf den Teppichboden verdrängt. Man muss nach der sechsten Stunde (Erdkunde oder Bio) anfangen, am frühen Nachmittag. Später noch die Eltern abwimmeln, die gemeinsam abendessen wollen. Keine Zeit dafür!

Denn es müssen Felder bestellt, Holz gehackt, Stein und Gold eingesammelt werden. Dazu wollen Attacken des Computergegners abgewehrt werden. Die Briten mit ihren Langbögen, die Chinesen mit ihren Chu Ko Nu und natürlich die fränkischen Axtwerfer.

Spät nachts, wenn alle Menschen über 17 Jahren im Haushalt schlafen, verteidigt man sein Weltwunder gegen imperialzeitalterliche Byzantiner, Wikinger oder Hunnen.

"Geil", immer noch

"Age of Empires", die Strategiespielereihe von Microsoft, hat einige Ableger, doch für viele Fans ist der zweite Teil "The Age of Kings" der wohl beste. 1999 wurde er erstmals veröffentlicht und wenn man heute im Kollegenkreis erzählt, dass man diesen Spieleklassiker noch einmal testet, dann gibt es immer Leute, die einen glänzenden Blick bekommen und sagen: "geil."

Fotostrecke

11  Bilder
Strategiespiel-Klassiker: So sah "Age of Empires II" aus

Wer wie ich den Sprung von den Games der Kindheit in die Welt von "Mass Effect", "Battlefield" und Co. nicht geschafft hat und mittlerweile ohnehin nur noch selten zockt, den stört die pixelige Grafik gar nicht so sehr. Die vertrauten Sounds der Dorfbewohner, das "Sie werden angegriffen"-Signal und "Das Haus ist fertiggebaut"-Trommelgeräusch überlagern die Sinne.

Es ist erstaunlich, wie schnell "Age of Empires II" mich in seinen Bann zieht, auch nach vielen Jahren Pause. Die erste Stunde verfliegt, für die Kollegen bin ich kaum ansprechbar, immer wieder hören sie ein gemurmeltes "fantastisch", "Ach ja, so war das" oder nur "großartiges Spiel". Schon beim epischen Schachspiel-Intro der beiden Könige kommt der erste Flashback - und es hört nicht auf.

Schafe in der Schlacht

Der Hafen, die Burg, der Marktplatz, die Schmiede: Alles ist noch da. Leider auch die Warnungen, dass keine Einheiten mehr produziert werden können. Oder die nutzlosen Schafe, die man zusammen mit den angsteinflößenden Kriegern markiert, was natürlich erst in der Schlacht auffällt.

Nun ja: Nicht jeder ist ein Strategiespiel-Ass.

Mir fällt ein, was es früher alles auf dem Strategiespielemarkt gab: "Civilization" (nie gespielt), "Empire Earth" (kam erst später auf den Markt, auch sehr stark), die "Anno"-Reihe (zu wenig Action).

Jeder dieser Titel hatte seine Anhängerschaft, doch mit keinem konnten scheinbar alle so viel anfangen wie mit "Age of Empires II". Auf das Spiel konnten sich bei uns früher acht von acht LAN-Party-Besucher einigen, zumindest als Pause nach fünf Stunden "Counter-Strike".

Über die richtigen Strategien kann man sich streiten, ich war bei den Kämpfen mit menschlichen Gegnern nie vorne mit dabei. Okay, okay, ein Euphemismus: Ich war immer der schlechteste. Das lag aber daran, dass ich nie gern kämpfte.

Schwierigkeit: sehr leicht

"Age of Empires II" spielen lief bei mir normalerweise so ab: "Einzelspieler", "Auf Leben und Tod", und dann folgende Einstellungen: Schwierigkeit: sehr leicht, andere Spieler: 1, Kartentyp: Inseln, Kartengröße: riesig, Bevölkerung: 200.

Und dann: schnell einmauern, Bäume fällen, Steine klopfen, Gold schürfen. Die Upgrades in der Schmiede oder anderswo ausbauen, in den Zeiten aufsteigen, noch mehr Rohstoffe einfahren. Kriegerische Auseinandersetzungen? Nein, danke.

Diese Spielweise hat etwas Repetitives, Beruhigendes. Und man muss sich so auch nicht über die künstliche Intelligenz aufregen, wenn die Armee-Formationen an engen Gassen zwischen zwei Wäldern scheitern, oder wenn Fähren einmal um die ganze Insel fahren, um Einheiten aufzusammeln.

Der Nachteil: Ein Spiel dauert sehr lange. Der Computergegner nimmt im Grunde nicht am Spiel teil - dennoch dauert es Stunden, bis alle Rohstoffe der Karte eingesammelt sind.

Die Zeit verfliegt

Völlig erschöpft, manchmal auch genervt, beendete ich meine Partien irgendwann, die Statistiken waren natürlich überragend (außer bei den Reliquien, wer sammelt denn bitte schön Reliquien?). Die Schulsachen wurden zusammengesammelt, in den Ranzen gepackt und der Rechner ausgestellt.

Und auch heute, rund 17 Jahre später, verfliegt die Zeit. Als der Blick nach acht Stunden hochgeht, ist die Spätschicht schon da und ich frage mich, ob ich mich von der Frühschicht verabschiedet habe.

Vielleicht war das heute mein letztes Mal "Age of Empires II". Aber es hat sich gelohnt.



insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Affenhirn 22.10.2017
1. AoE I ist das wahre Kultspiel
Im Netz, mit realen Gegnern weltweit. AoE II scheint der Autor ja eher wie Sim City gespielt zu haben - Thema irgendwie verfehlt.
rmts 22.10.2017
2. Schöner Artikel
Wenn jetzt noch ein Aufbaustrategiespiel mit guter KI empfohlen werden würde, möglichst ohne Internetverbindung und vielleicht mit Minenleger...
theunissen 22.10.2017
3. Äh nein?
Zitat von AffenhirnIm Netz, mit realen Gegnern weltweit. AoE II scheint der Autor ja eher wie Sim City gespielt zu haben - Thema irgendwie verfehlt.
Age of Empires 2 dürfte auch bei den Spielern im Netz noch weit beliebter sein.
kleinbürger 22.10.2017
4. forever young !
herr knaack sie können froh sein nie "age of empires - the conquerors" kennengelernt und nie in der microsoft zone (gibt es lange nicht mehr aber auf voobly geht es weiter) gespielt zu haben, also im mehrspielermodus vormittags mit koreanern und vietnamensen, mittags mit europäern und nachts mit brasilianern und kanadiern. da wären sie nie von losgekommen. das wird immer noch online täglich von bis zu 2000 playern gespielt. age of empire forever !
DJ Doena 22.10.2017
5.
Gut war ich in diesen Spielen auch nie - erst recht gegen menschliche Gegner. Einmal hatten wir eine 4-Spieler-Karte, ich hatte gerade mal ein paar Schwertmänner und Bauern, die die Felder bewirtschafteten, als ein Kumpel von mir plötzlich mit 20 Mamelukken ankam und natürlich alles niedermeuchelte. Er hat so effizient wie möglich hochgerüstet, um diesen Überraschungsangriff starten zu können. Trotzdem: Ob nun Dune II, Warcraft II, Command & Conquer II: Red Alert oder eben Age of Empires II, diese Spiele konnten monatelang begeistern. Als ich letztes Jahr meiner Mutter mal das alte Soundfile von Warcraft II vorgespielt habe, wo der Orc sagt "Die machen unsere Stadt kaputt!" wusste sie sofort, dass das "dieses Spiel" war, was ich damals immer gespielt hatte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.