Angespielt: "Forza Horizon" und der Sexismus der Branche

"Forza Horizon" sieht fantastisch aus. Die Autos, ob Klassiker oder aktuelle Modelle, die Landschaften, der Nachthimmel. Rennen zu fahren macht auch Spaß - und trotzdem fühlt sich Carsten Görig in der "Forza"-Welt sehr unwohl. Weil sie voller Sexismus ist.

Angespielt: "Forza Horizon" Fotos
Microsoft

Eines vorweg: "Forza Horizon" ist ein gutes Spiel, was Mechanik, Gameplay, grafische Präsentation und so weiter angeht. Die Landschaft sieht sehr hübsch aus, die Autos auch. Man kann einen virtuellen Fort GT40 von 1966 fahren, einen Mustang aus den Siebzigern, Chevys, BMWs, Supersportwagen. Es ist ein kompetent entwickeltes Produkt mit einer großen Fangemeinde. Aber ich möchte nicht dazugehören.

Nach knapp zwanzig Minuten reicht es mir. Ich möchte nicht Teil dieser virtuellen Gruppe von Menschen sein, die am "Horizon"-Festival teilnehmen und Autorennen fahren. Weil ich nicht auf jeden weiblichen Hintern starren müssen will, der sich in Reichweite befindet, auch wenn die Kameraführung des Spieles das so vorsieht. Ich möchte kein Spiel spielen, in dem Frauen nicht mehr als Dekorationsobjekte mit Rundungen vorne und hinten sind. In dem sich selbst die Leiterin des fiktiven Festivals in mein Auto beugt, ihren Ausschnitt zeigt und mir dann noch ihren Hotpants-Hintern vor die Nase hält. Ich möchte kein Spiel spielen, in dem mir dieses Verhalten als erstrebenswert vorgeführt wird. Ich würde lieber in Ruhe mit meinem Wagen die Berge von Colorado erkunden, die sich im Hintergrund erheben.

Klar: Es gibt deutlich schlimmere und sexistischere Spiele als "Forza Horizon". Es gibt die kurz vor einem Softporno angesiedelten japanischen Prügelspiele wie "Dead or Alive", dessen Entwickler sich damit brüsten, eine eigene Mechanik für das perfekte Hüpfen des weiblichen Busens erfunden zu haben. Und schlimmere, richtig kranke Produkte, oft nur für den japanischen Markt. Aber um diese Extreme geht es mir gar nicht. Es geht um die alltägliche Darstellung von Frauen in Spielen. Darum, dass Spieler und Entwickler anscheinend akzeptiert haben, dass Spiele eine Männerwelt sind, Frauen darin aber nur schmückendes Beiwerk.

Die Industrie muss noch viel lernen in Sachen Gleichberechtigung

In keinem der großen Titel dieses Herbstes spielen Frauen eine Rolle, schon gar nicht in den Militärshootern. Immerhin: In Ubisofts "Assassin's Creed: Liberation" für Sonys tragbare Playstation Vita ist die Heldin eine Frau. In "Assassin's Creed III" für Wohnzimmerkonsolen dagegen erinnere ich mich an eine einzige Szene, in der zwei Frauen vorkamen, die dann auch noch schlimmste Hausfrauen-Rhetorik der Marke "Er glaubt, dass er der Chef ist, aber zu Hause habe ich die Hosen an" zum Besten geben. In "Halo 4" ist wieder das Hologramm einer künstlichen Intelligenz zu sehen, natürlich eine Frau und natürlich fast nackt. Warum?

Es geht auch darum, dass auf Messen immer wieder achselzuckend akzeptiert wird, dass leichtbekleidete Frauen für die Produkte dieser Branche werben - obwohl dort längst auch weibliche Kundschaft anzutreffen ist. Die Standhostessen müssen sich mit männlichen Fans fotografieren lassen, werden angetatscht und müssen blöde Bemerkungen ertragen. Es geht darum, dass eine Industrie, die sich zur Speerspitze der Unterhaltungsbranche zählt, in Sachen Gleichberechtigung und Sexismus noch eine Menge zu lernen hat. Zum Beispiel, dass zu einem Autorennspiel nicht zwingend Frauenfiguren gehören, die sich allesamt so geben, als ob sie bereit sind, sofort mit dem Sieger ins Bett zu springen.

Trotz alledem mag "Forza Horizon" als reines Spiel eines der besten Rennspiele dieser Generation sein, ich möchte auch niemanden davon abhalten, es zu spielen. Aber ohne mich bitte.

Das sagen die Anderen: Begeistert sind die meisten Kritiker von "Forza Horizon". Das gute Fahrgefühl, die vielen Herausforderungen und die offene Welt sind gut für Höchstwertungen. Kritischere Stimmen bemängeln eine schöne, aber leere Welt. Auch das mehr auf Spaß als auf Simulation ausgelegte Fahren wird nicht immer gutgeheißen.

"Forza Horizon" von Microsoft für Xbox 360, ca. 55 Euro; USK: Ab 6 Jahren

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insgesamt 136 Beiträge
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1. Fortpflanzung einstellen!
meinmein 23.11.2012
Zitat von sysopMicrosoft"Forza Horizon" sieht fantastisch aus. Die Autos, ob Klassiker oder aktuelle Modelle, die Landschaften, der Nachthimmel. Rennenfahren macht auch Spaß - und trotzdem füht sich Carsten Görig in der "Forza"-Welt sehr unwohl. Weil sie voller Sexismus ist. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/angespielt-forza-horizon-a-868428.html
Ich wußte gar nicht, dass Carsten ein weiblicher Vorname ist. Diese Spiele werden zu 90% von Männern gespielt und die schätzen nun mal gutaussehende Frauen. Dass alle Frauen etwas gegen solcherlei Sexismus haben, ist auch klar. Deshalb verstecken die meisten Frauen ihre weiblichen Attribute ja auch unter Kartoffelsäcken. Wie möchten Sie denn die Darstellung von Frauen in Spielen? Reicht ein Kopftuch? Oder sollte es schon eine Burka sein?
2. hmm...
hardkekz 23.11.2012
Und ich möchte Spiele spielen, wo Frauen noch Frauen sein dürfen und Männer Männer. Mag zwar unglaublich klingen, aber es soll sogar noch Frauen auf der Welt geben, die gerne weiblich sind und sich nicht unterjochen lassen (und sich dazu zwingen lassen "Mann zu spielen"). Danke Forza!
3. Bilderwüste
herr.m 23.11.2012
Ich hätte gerne einige Bilder zu dem Artikel gesehen welche Ihre Aussagen untermauern! Einige Ihrer Kollegen können Ihnen sicherlich zeigen wie man ingame Screenshots erstellt.
4. optional
Yannik.1 23.11.2012
Mein Gott das ist doch mehr als lächerlich..
5.
spatenheimer 23.11.2012
Ja, das hat mich auch gestört. Ich finde, in Computerspielen sollten überhaupt keine Männer vorkommen. Dafür nur Frauen, die aussehen wie Claudia Roth. Alles andere ist purer Sexismus.
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Zum Autor
  • Carsten Görig liebt obskure Bands, seine Gitarre und seine Familie. Seit vielen Jahren schreibt er außerdem über Videospiele. Für Angespielt bei SPIEGEL ONLINE probiert er die wichtigsten Titel aus - immer genau eine Stunde lang.


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