Angespielt L.A. Noire


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Das Auto ist voller Blut. Rot sind die Scheiben verschmiert, verschmutzt die Sitze und das Armaturenbrett. Wie in einem Schlachthaus sieht es aus. Kombiniert man das mit der Information, dass ein Mann vermisst wird, lässt das Szenario erst einmal nur einen Schluss zu: In dem Wagen wurde jemand ermordet. Cole Phelps zumindest glaubt das - und ist damit auf einer falschen Fährte - gemeinsam mit dem Spieler.

Falsche Fährten gibt es viele in "L.A. Noire", dem Spiel, dessen Protagonist der junge Polizist Phelps ist, der nach seinem Dienst im zweiten Weltkrieg im Polizeidienst der Stadt Los Angeles anfängt. Die Probleme fangen schon mit der Beschreibung des Spiels an. Denn obwohl es auf den ersten Blick wie ein Actionspiel in "GTA IV"- oder "Red Dead Redemption"-Art wirkt, ist es doch etwas völlig anderes. Mehr ein fast altmodisch wirkendes Adventure, in dem es darum geht, Rätsel zu lösen, Beweise zu sammeln und so Kriminalfälle zu lösen. Ein Spiel, das sehr langsam getaktet ist, das nur selten - und dann oft deplatziert wirkend - Actionszenen einstreut: Verfolgungsjagden per Auto oder zu Fuß, Schießereien, in denen Phelps auf einmal dutzende Gegner erledigen muss, obwohl er sonst in stoischer Ruhe ermittelt. Konzessionen an die Actionspieler sind das, sagt "L.A. Noire"-Chefentwickler Brendan McNamara im Interview. Diese Konzessionen sind eine der Schwächen von "L.A. Noire", denn immer wieder reißen sie Spieler aus einer meist gut funktionierenden Illusion heraus.

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Videospiel "L.A. Noire": Ermittlung in den Vierzigern
Manchmal macht das Spiel diese Illusion auch mit kleinen aber ärgerlichen Schnitzern vorübergehend zunichte. Etwa, wenn Phelps' Partner der Hut bei einer Prügelei herunterfällt, und anschließend keiner der beiden hartgesottenen L.A.-Cops in der Lage ist, ihn wieder aufzuheben. Sie stehen ein bisschen peinlich berührt herum und gehen dann - ohne Hut. Oder wenn man mitten in einer Ermittlung plötzlich nicht mehr weiterkommt, weil man gerade in einem Zivilfahrzeug unterwegs ist und deshalb den entscheidenden Funkspruch nicht bekommt. Das Projekt ist so ambitioniert, dass an manchen Stellen erkennbar der allerletzte Schliff fehlt.

Die Stärken von "L.A. Noire" sind andere. Die Verhöre zum Beispiel, die Art, wie man Verdächtige befragt, in ihren Gesichtern liest und ihnen entweder glaubt, ihre Erzählungen anzweifelt oder sie gar der Lüge bezichtigt. Das sieht besser aus als das meiste, was man bisher in Spielen gesehen hat, die Gesichter bewegen sich lebensnah, die Augen rollen, leichte Veränderungen in der Mimik können gelesen werden. Die Illusion gelingt oft, aber nicht immer. Dann sind die Gesten zu überzeichnet, bewegen sich in Schleifen, damit man auch wirklich merkt, welche Antwort die richtige ist, welches die Antwort ist, die Phelps auf die richtige Spur bringt.

Mit "L.A. Noire" wagt ein Entwicklerstudio, mit enormen Aufwand eine Epoche wieder auferstehen zu lassen, ein Sittenbild zu schaffen, wie es bisher tatsächlich Büchern oder Filmen vorbehalten war.

"L.A. Noire" ist nicht nur ein Spiel über Cole Phelps, sondern auch ein Spiel über die Nachkriegszeit in den USA und speziell über die Stadt. Das Los Angeles im Spiel ist eines, wie man es aus den Büchern von Raymond Chandler oder James Ellroy kennt. Es ist ein Ort, in dem Stars und Sternchen nach Ruhm streben, der geprägt ist von dem Boom der Nachkriegsjahre, vom organisierten Verbrechen, das die Stadt übernehmen möchte, von Korruption und Skrupellosigkeit. Vom Traum von einer besseren Welt, vom Glauben an die eigene Größe. Und es ist dieses Los Angeles, das noch viel mehr als Cole Phelps nachhaltig beeindruckt, nicht nur wegen seiner enormen Größe, sondern auch wegen der Liebe fürs Detail. Die Stadt wird seziert, ihre verschiedene Schichten offengelegt. Unter der schönen Oberfläche ist sie kaputt, krank. Und eben diese Risse und Brüche spiegeln sich in der anfangs so unnahbar und ruhigen Figur des Cole Phelps wider, dessen Geschichte nachhaltig beeindrucken kann. Und das ein Spiel die Kraft hat, eine Geschichte zu erzählen, das ist trotz aller Unzulänglichkeiten die große Leistung von "L.A. Noire".

"L.A. Noire" von Rockstar Games, für Xbox 360 und Playstation 3, ca. 50 Euro; USK: Ab 16 Jahren

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