Angespielt: Drei Stunden mit "Sleeping Dogs"

Von Carsten Görig

Das Konsolen-Prügelspiel "Sleeping Dogs" langweilt durch ständige Nahkämpfe und überflüssige Gewalt. Immerhin ist das gezeigte Hongkong schön anzusehen.

Angespielt: "Sleeping Dogs" und andere aktuelle Konsolenspiele im Test Fotos
Square Enix

Ich muss gestehen: Ich mag nur wenige Spiele, in denen geprügelt wird. Mir ist das zu kompliziert, ich war schon am Commodore 64 nicht geschickt genug dafür. Wenn ich Tastenkombinationen auswendig lernen soll, wende ich mich mit Grausen ab und bewundere die, denen es gelingt. Sie machen aus einem Spiel eine wunderbare Choreographie, bei mir wird es ein Grauen.

Natürlich gibt es Ausnahmen: "Soul Calibur" zum Beispiel ist großartig, weil es genau die richtige Mischung aus durchgedrehter japanischer Mystik und Eleganz hat - und ich zudem recht weit komme, indem ich schnell alle möglichen Knöpfe drücke. Eine andere Ausnahme: Die letzten beiden "Batman"-Titel, deren Kampfsystem sich wahrscheinlich am ehesten mit dem von "Sleeping Dogs" vergleichen lässt. Das hatte den richtigen Rhythmus, nicht zu langsam, nicht zu schnell. Ein Timing, das ich verstehen konnte und das bald in die Finger übergegangen ist.

Bei "Sleeping Dogs" ist das nicht so. Ich versage regelmäßig. Oder vielleicht versagt auch das Spiel regelmäßig dabei, meine Bewegungen richtig zu interpretieren. Mit anderen Worten: Mein Protagonist stirbt ständig. Und das nervt, weil bei "Sleeping Dogs" der Nahkampf die einzige Art von Beschäftigung zu sein scheint, was natürlich bei dem Thema Hongkong und Martial Arts recht naheliegend ist.

Stimmungsvolles Hongkong

Zumindest in den ersten drei Stunden habe ich nichts anderes gesehen und dann aufgegeben. Warum ich so lange durchgehalten habe, wo ich doch groß ankündige, nur eine Stunde spielen zu wollen? In der ersten Stunde habe ich kaum gespielt. Eine Zwischensequenz folgt der nächsten, soll mich einführen in die Unterwelt von Hongkong, in der ich als Undercover-Cop die Triaden infiltrieren soll. Das gelingt leidlich gut, auch wenn mir immer wieder die Finger jucken und ich nun wirklich gerne einmal spielen möchte.

Kaum atme ich auf, weil ich die Figur bewegen kann, wird die nächste Szene ausgelöst. Das Problem: Diese Szenen sind wenig aufregend. Ich erfahre, dass Wei Shen, so der Name des Protagonisten, in Hongkong aufgewachsen ist, dann mit der Familie nach San Francisco gezogen, dort zur Polizei gegangen und jetzt zurückgekehrt ist. Zwischendurch scheint noch seine Schwester gestorben zu sein, weshalb er jetzt jedem, der über sie lästert, eine Faust verpasst oder mit dem Kopf in Ventilatoren steckt.

Die Geschichte kommt nicht in die Gänge. Was ich genieße, ist allerdings die Grafik: Stimmungsvoll ist Hongkong eingefangen. Märkte, die voller Menschen sind, einsame Seitenstraßen, bunte Lichter. Leider kommt gleich wieder der nächste Kampf - und ich werde ihn verlieren. Mindestens einmal in jeder Runde. Und im Regelfall dauern die Kämpfe mehrere Runden.

Drastische Gewalt schadet dem Spiel

Eine Schlussbemerkung sei noch erlaubt. Warum eigentlich müssen bei diesen Kämpfen die Köpfe der Gegner in Ventilatoren gesteckt werden? Warum müssen sie in Hochspannungsanlagen geworfen werden? Mir fehlt das Verständnis für das Bemühen um immer drastischere Hinrichtungsmethoden in Spielen, die dazu immer realistischer dargestellt werden. Vor allem dann, wenn es dem Spiel nicht gut tut. Es widert mich an, dass "Sleeping Dogs" das verlangt und damit auch die Rolle des Undercover-Agenten pervertiert. Ich möchte das nicht als beiläufiges Kampfelement untergeschoben bekommen.

Und wer jetzt aufschreit, dass die im Augenblick erhältliche Version von "Sleeping Dogs" doch die Internationale sei und das Spiel doch für den deutschen Markt geschnitten werde, man dürfe sich deshalb nicht aufregen:

  • Die gespielte Version von "Sleeping Dogs" wird zur Zeit in Deutschland verkauft - wogegen ich übrigens nichts einzuwenden habe. Wenn Erwachsene das spielen wollen, sollen sie das tun. Ich halte wenig bis nichts von Verboten und Schnitten.
  • Diese Szenen zeigen, dass irgendjemand es einmal für eine total großartige Idee gehalten haben muss, diese Tötungsphantasien einzubauen. Sie sind im Spiel überflüssig und nur drin, um einen gewissen Splatterfaktor zu halten. Der muss anscheinend inzwischen in jedem Spiel sein, wie ich während der Pressekonferenzen bei der Videospielmesse E3 beobachten konnte. Besonders fragwürdig, dass dort Kopfschüsse und das Aufschneiden von Kehlen beklatscht und bejubelt wurden. Die Darstellung von Gewalt, um das noch einmal festzustellen, ist ein Bestandteil unserer Kultur und wird es weiterhin sein. Man sollte sie aber nicht zum Selbstzweck und Verkaufsmerkmal machen.


"Sleeping Dogs" von Square Enix für PC, Playstation3 und Xbox 360; ab 35 Euro; Eine von der USK geprüfte Version ist angekündigt

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1.
Tr1umph 01.09.2012
"Ich muss gestehen: Ich mag nur wenige Spiele, in denen geprügelt wird. Mir ist das zu kompliziert, ich war schon am Commodore 64 nicht geschickt genug dafür. Wenn ich Tastenkombinationen auswendig lernen soll, wende ich mich mit Grausen ab und bewundere die, denen es gelingt. Sie machen aus einem Spiel eine wunderbare Choreographie, bei mir wird es ein Grauen." Schon mal auf die Idee gekommen, dass Sie dann vielleicht nicht der Richtige sind um über dieses Spiel zu schreiben? Nichts desto trotz muss ich ihnen zum Teil recht geben. Die Steuerung ist eine Katastrophe. Man spürt den Einfluss von SquareEnixs Konsolen-Rollenspielen. Von der Steuerung am PC haben die 0 Ahnung. Die Tasten liegen zu weit auseinander, die Kombinationen generell sind unlogisch und die Steuerung ganz einfach nicht einheitlich. Mal kann man mit WASD ein Menü navigieren, mal muss man dafür auf die Pfeiltasten zurückgreifen. Trotz WASD-Steuerung werden Tasten wie BackSpace oder Enter sehr häufig benötigt. Alles in allem ist die Steuerung auf dem PC einfach nur unter aller Sau. Die Gewalt ist schon übertrieben. Auch da gebe ich dem Author recht. Aber es soll ja Menschen geben die darauf stehen. Mir persönlich wurde das Spiel ziemlich schnell langweilig. Nachdem ich Berichte über eine gelungene asiatische GTA-Kopie lesen durfte, war ich doch sehr neugierig. Im großen und ganzem war das aber eine große Enttäuschung. Von GTA noch weit entfernt!
2.
thelix 01.09.2012
---Zitat--- Besonders fragwürdig, dass dort Kopfschüsse und das Aufschneiden von Kehlen beklatscht und bejubelt wurden. ---Zitatende--- Auch ich zähle mich zu den Leuten, die mit Sicherheit nichts gegen Gewalt in Film oder Spiel haben. Es gibt der Erwachsenenunterhaltung imho des öfteren die richtige Würze. Es sollte aber nicht - wie der Autor schon treffend beschreibt - dem Selbstzweck dienen, wie es bei manchen Regisseuren und leider auch einem großen Teil des Publikums der Fall zu sein scheint. Als schlechtes Beispiel deutscher Filmemacher würde ich hier Andreas Bethmann, Timo Rose oder Jochen Taubert nennen. Anyway... ich empfehle dem Autor, das Fantasy Film Fest zu besuchen. Dort wird es wirklich richtig ekelhaft, wenn bei den anwesenden Gorebauern bei wirklich jedem Gewaltakt auf der Leinwand einer ab- und das Jubeln und Klatschen losgeht. Auch wenn dort wirklich phantastische Filme (im buchstäblichen Sinne) laufen, bei denen man zum Teil nie wieder die Chance hat, diese nochmal Kino zu genießen: DEN Preis ist es nicht wert.
3. ...
Mindbender 01.09.2012
Zitat von sysopDieses Spiel gehört in den Schredder, und zwar sofort: Das Konsolen-Prügelspiel "Sleeping Dogs" langweilt durch ständige Nahkämpfe und überflüssige Gewalt. Immerhin ist das gezeigte Hongkong schön anzusehen. Angespielt: "Sleeping Dogs" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,853263,00.html)
"Ich mag nicht...", "zu kompliziert!", deswegen Schredder. Diese "Kritik" ist genauso nichtssagend dämlich wie "Spiel ist doof, weil Scheisse!". Diese Rezension gehört in den Papierkorb. Und zwar sofort.
4. Lieber Carsten
felisconcolor 01.09.2012
Zitat von sysopDieses Spiel gehört in den Schredder, und zwar sofort: Das Konsolen-Prügelspiel "Sleeping Dogs" langweilt durch ständige Nahkämpfe und überflüssige Gewalt. Immerhin ist das gezeigte Hongkong schön anzusehen. Angespielt: "Sleeping Dogs" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,853263,00.html)
vielleicht solltest du mal wieder bei Spielen anfangen wie "Kästen schieben" Nur weil man eine PS3 zuhause hat, die man anscheinend nicht richtig bedienen kann, ermächtigt das einen noch lange nicht zum Spielekritiker. Ich komme mit Konsolen auch nicht klar, somit bist du ja nicht allein. Aber ich würde mich hüten wie der Blinde von der Farbe zu schreiben. Früher sagte man "Schuster bleib bei deinen Leisten".
5. ^^
JacksonBlood 01.09.2012
ich empfehle einfach auf Youtube sich die lets plays zu "Sleeping Dogs" vom Channel "GameTube" anzuschauen. Bringt einem mehr, als das schon angesprochene "mag ich nicht", "zu kompliziert" und "ihh Gewalt". Derlei und noch härtere Szenen wurden in jedem guten Alten Charles-Bronson-Film gezeigt und die waren weit vor des niveaulosen Saw-Gore-Hypes gedreht.
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Zum Autor
  • Carsten Görig liebt obskure Bands, seine Gitarre und seine Familie. Seit vielen Jahren schreibt er außerdem über Videospiele. Für Angespielt bei SPIEGEL ONLINE probiert er die wichtigsten Titel aus - immer genau eine Stunde lang.

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