Von Konrad Lischka
Es klingt so gut: Die lose organisierte Web-Guerilla Anonymous hat immer wieder die Websites von Film- und Musikverbänden abgeschossen. Warum sollten die Aktivisten nicht auch für den Datendiebstahl bei Sony mitverantwortlich sein?
Diesen Eindruck erweckt Sony-Manager Kazuo Hirai in einem in der Nacht zum Donnerstag veröffentlichten Brief an US-Abgeordnete. Er gibt der Web-Guerilla eine Mitschuld an dem Datenklau. Anonymous hatte dazu aufgerufen, das Playstation-Network am 16. April mit Anfragen zu überfluten und lahmzulegen. Anonymous wollte damit gegen Sonys Vorgehen gegen den Playstation-Hacker GeoHot protestieren.
Sony-Manager Hirai erklärt, während dieser Angriffe seien jene Kriminellen in die Systeme eingedrungen, die Datensätze zu mehr als 100 Millionen Kundenkonten kopierten. Hirai wirft Anonymous vor, wegen ihrer Proteste hätten Sony-Mitarbeiter die Eindringlinge nicht so schnell entdeckt: "Unsere Sicherheitsteams waren sehr damit beschäftigt, das System gegen Denial-of-Service-Angriffe zu verteidigen, das könnte es erschwert haben, die Eindringlinge schnell zu bemerken - vielleicht war das auch der Plan."
Sony beschuldigt die Web-Guerilla der Mittäterschaft
Wörtlich heißt es dazu in dem Schreiben: "Ob diejenigen, die bei den Denial-of-Service-Angriffen mitwirkten auch Täter bei dem Datendiebstahl waren oder einfach von einem sehr cleveren Dieb überlistet und als Deckung missbraucht wurden - das werden wir vielleicht nie erfahren."
Das klingt dann doch sehr vage. Das räumt Sony-Manager Hirai selbst ein - fünf Seiten weiter hinten in dem Schreiben. Da beantwortet er die Frage, ob Sony die Verantwortlichen identifiziert habe, so: "Nein."
Die Sony-Vorwürfe kommentiert ein Anonymous-Sprecher über den Twitter-Account OperationLeakS so: "Anonymous rechnet sich den PSN-Hack nicht als Verdienst an. Sony ist in Panik und nun suchen sie einen Sündenbock. So einfach ist das." Ein Anonymous-Sprecher hatte schon vor Tagen eine Beteiligung an dem Einbruch zurückgewiesen.
In der Tat würde jeder halbwegs intelligente Kriminelle auf die Idee kommen, bei einem Einbruch auf einem Server ein Dokument namens Anonymous zu hinterlassen, um etwas Verwirrung zu stiften. Sicherheitsexperten schätzen den Datendiebstahl eher als Coup profitorientierter Krimineller denn als vermeintlichen Protest von Web-Aktivisten ein. Sascha Pfeiffer, Sicherheitsberater beim Softwareanbieter Sophos, bewertete die Attacke so: "Das war ein profitorientierter Angriff. Ich glaube nicht, dass dafür eine Gruppe wie Anonymous verantwortlich ist, die arbeiten anders und sind nicht an Gewinnmaximierung interessiert."
Sony verständigte das FBI erst nach zwei Tagen
Interessant wird das Schreiben des Sony-Managers Hirai an dem Punkt, wo er detailliert auflistet, was Sony nach Entdeckung des Einbruchs getan hat. Hirai zufolge hat es ganze zwei Tage gedauert, bis Sony die US-Bundespolizei FBI verständigte und Sicherheitsexperten hinzuzog. Hier ein Auszug des Protokolls:
Sonys Protokoll lässt sich knapp so zusammenfassen: Man hat einen Tag gebraucht, um zusätzliche Mitarbeiter für die Analyse des Sicherheitslecks abzustellen. Zwei Tage vergingen, bis die Polizei überhaupt benachrichtigt wurde, die Kunden erfuhren erst nach einer Woche von den Problemen. Sonys Begründung, man habe die Kunden nicht "verunsichern" wollen, wirkt etwas bemüht. Schließlich hat die Abschaltung des gesamten Netzwerks am 19. April wohl genügend Verwirrung gestiftet.
Sicherheitsexperten kritisierten schon damals die Informationspolitik des Konzerns. Sascha Pfeiffer, Sicherheitsberater beim Softwareanbieter Sophos, nannte Sonys Kommunikationspolitik "ein Zeichen der Hilflosigkeit"
Sony bleibt dieser Kommunikationspolitik treu. Zu Hinweisen auf Sicherheitslücken des Netzwerks befragt, die Playstation-Hacker dem Konzern schon vor Wochen übermittelt haben wollen, erklärte ein Firmensprecher: "Mir sind keine Hinweise auf Sicherheitslücken bekannt." Darüber hinaus gelte: "Zu Fragen der Systemsicherheit erteilen wir keine Auskünfte."
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